Als Allegorese wird das Offenlegen von verborgenen Textinhalten bezeichnet. Das heißt, dass man versucht, zwischen den Zeilen eines Textes zu lesen und noch mehr in ihm zu sehen, als der eigentliche Wortsinn besagt. Die Allegorese ist typisch für das Deuten der Bibel, da sie selten wortwörtlich, sondern als Gleichnis und somit als Allegorie verstanden wird.

Der Begriff Allegorese leitet sich aus dem Griechischen ab (ἀλληγορία ~ allegoria) und kann mit andere oder auch verschleierte Sprache übersetzt werden. Die Übersetzung zeigt uns demnach sehr deutlich, worum es in etwa geht: das Deuten eines Textes, dessen Bedeutung vorerst verschleiert ist.

Ursprünglich geht die Methodik der Allegorese auf die Antike zurück, als man versuchte, den teils skandalösen Göttergeschichten des abendländischen Autors Homer eine andere und nicht wortwörtliche Bedeutung zuzuschreiben, um sie somit zu verteidigen und weniger brisant erscheinen zu lassen.

Die Allegorese war somit in der Antike von Bedeutung, spielte aber auch im Judentum und Christentum eine entscheidende Rolle. Einen wichtigen Beitrag leisteten hierbei die Stoiker (Vertreter einer Philosophie), die den Versuch unternahmen, den einzelnen Bibelversen eine gesonderte Bedeutung zuzuschreiben und sie eben nicht im Wortlaut zu verstehen, sondern einen höheren Sinn darin zu vermuten.

Somit ist die Allegorese die allegorisierende Interpretation eines Textes, wobei der eigentliche Wortsinn (das, was dort steht) umgedeutet und folglich eine tiefere Bedeutung angenommen wird.

Als Beispiel kann das biblische Hohelied gelten: Prinzipiell haben wir es mit einem erotischen Gedicht zu tun, das die Liebe zwischen Mann und Frau beinhaltet. Dieses wird oftmals als literarisches Sinnbild für die Liebe zwischen Jesus und Kirche oder der Liebe zwischen Gott und dem Menschen gedeutet.

Allegorie und Allegorese

Demnach müssen wir grundsätzlich zwischen Allegorie und Allegorese unterscheiden. Die Allegorese versteht den Text als Allegorie und interpretiert ihn unter diesem Gesichtspunkt.

Ein Text kann dabei schon als Allegorie angelegt sein (Parabel, Gleichnis etc.) oder erst im Nachhinein zur Allegorie erklärt werden. Beispielsweise gab Jesus seinen Jüngern mehrere Gleichnisse, wobei deutlich ist, dass dahinter eine weitere Deutungsebene im Verborgenen liegt.

Das Wesen einer solchen Erzählung, also einer allegorischen Rede, ist, dass eine Geschichte erzählt wird, die grundsätzlich für etwas anderes steht. Demnach wird eine initiale Welt erzählt (Allegorie), die nur durch die Deutung (Allegorese) des Empfängers (Zuhörer, Leser) zur gemeinten Welt wird.

Damit der Empfänger diese zweite Welt verstehen kann, kommen verschiedene Stilmittel zum Einsatz. Entweder werden dabei Metaphern (Metapher-Beispiele) genutzt oder es wird auf das Mittel der Symbolik und Personifikation gesetzt, um die eigentliche und gemeinte Welt deutlich zu machen.

Hinweis: Damit ein Empfänger diese Metaphern, Personifikationen und Symbole deuten kann, ist es wichtig, dass sie ihm vertraut sind. Allerdings kann die Allegorese auch dann erfolgen, wenn in einem Text darauf verwiesen wird, dass allegorisiert wird oder die Allegorie durch den Erzähler erklärt wird.

Erklärung der Allegorese am Beispiel

Am besten lässt sich die allegorische Textauslegung anhand eines Beispiels verdeutlichen. Schauen wir dafür zusammen auf das Gleichnis vom Senfkorn, das Jesus den Jüngern gab.

Das Gleichnis vom Senfkorn (Markus 4:30-32)

„Und Jesus sprach: Womit wollen wir das Reich Gottes vergleichen, und durch welches Gleichnis wollen wir es abbilden? Es ist wie ein Senfkorn: wenn das gesät wird aufs Land, so ist’s das kleinste unter allen Samenkörnern auf Erden; und wenn es gesät ist, so geht es auf und wird größer als alle Kräuter und treibt große Zweige, sodass die Vögel unter dem Himmel unter seinem Schatten wohnen können.“

Zu Beginn sagt der Text, dass er gedeutet werden will, da er sich als Gleichnis charakterisiert. Per Definition ist ein Gleichnis ein rhetorisches Stilmittel, das einen komplexen Sachverhalt mithilfe eines Vergleichs veranschaulicht. Folglich gibt es dabei mehrere Textebenen.

  • Offenkundige Welt: Grundsätzlich wird beschrieben, dass ein Samenkorn wächst, wenn es auf fruchtbarem Boden gesät wird. Es wächst in der Folge außerordentlich und wird dabei so groß, dass es bis an den Himmel reicht und den Vögeln Schatten spenden kann.
  • Verborgene Welt: Da Jesus das Ganze selbst als Gleichnis bezeichnet und das Samenkorn mit dem Reich Gottes vergleicht, wissen wir, dass wir das Samenkorn mithilfe der Allegorese deuten müssen und beide Bereiche miteinander verbinden könnten.

    Somit weist das Reich Gottes alle Eigenschaften auf, die auch einem Samenkorn zu Eigen sind, wenn es einmal auf fruchtbaren Boden gelangt und wachsen kann. Wir könnten sogar annehmen, dass das Samenkorn für den christlichen Glauben selbst steht, der sich stets ausbreitet und den Gläubigen Schatten, also Sicherheit, spendet. Wir könnten aber auch deuten, dass ein tiefer Glauben zu Gott führt, da er sich ausbreitet und so gen Himmel wächst.
  • Hinweis: Die verborgene Welt ist meist unendlich groß und kann in viele Richtungen gedeutet werden. Das obige Beispiel sollte Ihnen allerdings verdeutlicht haben, welche versteckten Schätze mithilfe der Allegorese aus einem bildhaften Text geborgen werden können.
Sekundärliteratur und weiterführende Werke zum Thema Allegorese
  • Fricke, Harald u.a. (Hrsg.): Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Berlin, New York: Walter Gruyter 2000, Bd.1-3
  • Otto F. Best: Handbuch literarischer Fachbegriffe. Definitionen und Beispiele 4. Aufl. Fischer, Frankfurt am Main 1998
  • Gero von Wilpert: Sachwörterbuch der Literatur. 8. Auflage. Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 2001