Als Alter Ego werden verschiedene Dinge bezeichnet. Zum einen kann der Begriff ein sehr intensives Verhältnis zweier Menschen beschreiben, wenn der eine für den anderen zu einer Identifikationsfigur geworden ist und somit zu einem Teil der eigenen Identität. Zum anderen werden in einigen Ländern Personen, die über große Macht verfügen (bspw. können sie über Leben und Tod entscheiden), als Alter Ego bezeichnet. In der Literatur meint der Begriff entweder das Sprachrohr eines Autors im literarischen Text oder das zweite Ich einer Figur (Doppelgänger, Spiegelbild, Schatten etc.).

Die Wortfolge hat einen lateinischen Ursprung und lässt sich mit anderes Ich übersetzen. Diese Übersetzung verweist auch darauf, warum die Begrifflichkeit so unterschiedlich gebraucht wird. Denn immer dann, wenn von einem anderen Ich die Rede ist – ob nun in einem psychologischen, kreativen oder philosophischen Moment – wird schnell zum Terminus Alter Ego gegriffen. Der Ursprung liegt bei Cicero.

Cicero, ein römischer Politiker, Rechtsanwalt sowie Philosoph, schrieb im Jahr 44 v. Chr. sein Werk Laelius de amicitia. Dieses war seinem Freund Titus Pomponius Atticus gewidmet und handelt, wie schon der Titel verrät, von Freundschaft, die in einer Art Dialogform erörtert wird. Dort findet sich die folgende Passage:


[…] verus amicus numquam reperietur; est enim is qui est tamquam alter idem.
Übersetzung: […] so wird sich nie ein wahrer Freund finden; denn dieser ist gleichsam unser zweites Ich.

Der Ausspruch wurde in der Folge von Seneca, ebenfalls ein römischer Philosoph, aufgegriffen und erstmalig in der heute bekannten Form (alter ego) verwendet, woraus sich das geflügelte Wort ableitete. Dieses wurde dann in verschiedenen Zusammenhängen gebraucht, weshalb es auch mitunter schwierig ist, eine genaue Definition des Begriffs zu geben: eindeutig ist nur, dass stets eine Verköperung des Ichs gemeint ist.

Alter Ego in Literatur und Kunst

Der Begriff kann die intensive Beziehung zweier Menschen meinen. Und zwar dann, wenn der eine für den anderen zur Idenfikationsfigur wird. Somit wird dieser zum Teil der eigenen Identität. Allerdings kann hierbei auch ein zweites Ich gemeint sein, dass im Körper einer einzigen Person lebt.

Dieses Phänomen wird in der Psychologie als gespaltene Persönlichkeit bezeichnet. Hierbei stehen das Ego, also das tatsächliche Ich, und das Alter Ego, das andere Ich, in einem Widerspruch. Dieser Widerspruch bewirkt, dass die Person gewissermaßen zwei Seiten hat, zwei Leben lebt und demnach zwei Persönlichkeiten vereint: in der Literatur gibt es hierfür zahlreiche Beispiele.

Einige sind krankhaft, wie etwa Mr. Hyde in der Novelle Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde von Robert Louis Stevenson oder auch die Comicfigur Hulk. Beide Beispiele verwandeln sich spontan in das entsprechende Alter Ego. Andere sind selbst gewählt, wie etwa Batman oder Superman, die normalen Tätigkeiten nachgehen, aber ein Doppelleben als Superhelden führen.


Poster zu Dr. Jekyll und Mr. Hyde

Poster: The Strange Case of Dr. Jekyll and Mr. Hyde (1885)


Die Novelle erzählt die Geschichte des angesehenen Dr. Jekyll, dem es gelingt, einen Trank zu brauen, der das Gute vom Bösen im Menschen trennt. Anfangs genießt er es, sich jen ach Bedarf mithilfe des Tranks in den gewissenlosen Hyde verwandeln zu können. Schnell muss er aber feststellen, dass er die Kontrolle verliert. Denn plötzlich verwandelt sich der Protagonist in Hyde, obwohl er den Trank nicht anrührte.

Immer häufiger übermannt in das Böse, wobei er immer größere Mengen seines Trankes benötigt, um sich wieder in Jekyll zu verwandeln. Das bösartige Alter Ego des Arztes bricht nun also krankhaft und chaotisch aus ihm hervor und lässt sich nicht mehr kontrollieren. Ein weiteres Beispiel findet sich in Gottfried Kellers Kleider machen Leute, allerdings ist das Alter Ego nicht krankhaft, aber dennoch unfreiwillig.

Es geht darum, dass Wenzel Strapinski, ein junger Schneiderlehrling im reichen Städtchen Goldach nach einer Anstellung sucht. Auf dem Weg in die Stadt wird er vom Regen überrascht, weshalb ihn ein Kutscher mitnimmt. Als er die Stadt erreicht und aus der Kutsche steigt, sorgt er für allerhand aussehen. Da er sehr elegant gekleidet ist und dem herrschaftlichen Gefährt entsteigt, halten ihn die Bürger für einen Grafen.

Wenzel, der zu schüchtern ist, diesen Glauben zu brechen, gibt sich der Rolle hin, diniert und spielt alsbald mit den wichtigsten Personen aus Goldach und kann erst am Ende enttarnt werden. Dennoch kann die doppelte Rolle, der sich Wenzel Strapinski hingibt, als Alter Ego des armen Schneiders gelten, also als anderes Ich.

Ein modernes Beispiel ist James Camerons Science-Fiction-Film Avatar. Dieser spielt im Jahr 2154 auf dem Planeten Pandora. Dort gibt es einen Rohstoff, der von den Menschen geplündert werden soll. Um das Vertrauen der Na’vi, den Ureinwohnern des Planeten, zu gewinnen, wird der frühere US-Marine Jake Sully, der seit einem Kampfeinsatz von der Hüfte abwärts gelähmt ist, via Gedankenübertragung in einen Na’vi-Körper gebracht. Er soll die Na’vi davon überzeugen, ihren Planeten für den Rohstoffabbau aufzugeben.

Alter Ego als Avatar in Computerspielen

Der Titel des Films ist außerdem eine schöne Überleitung in die Welt der Computerspiele. Hierbei übernimmt der Spieler eine Figur und steuert deren Handlungen, Aktionen und letzten Endes ihr lineares Schicksal. Auch diese Figur, die als Avatar bezeichnet wird, ähnelt dem Alter Ego.

Vor allem in den letzten Jahren hat sich der Markt der Spieleindustrie rasant entwickelt. Der Spieler kann das Aussehen seines Avatars in vielen Spielen detailliert anpassen, was gerade beim Rollenspiel ein wesentliches Charakteristikum des Genres ist. Demnach kann der Spielende die Figur nach den eigenen Vorstellungen kreiieren und gewissermaßen in ihre Haut schlüpfen.

Demnach ist der Avatar eine grafische Darstellung, die einem Spieler in der virtuellen Welt zugeordnet wird. Der Spieler steuert die Figur, agiert mit ihr und erlebt den Verlauf des Spiels durch ihre Augen oder schaut ihr über die Grafikschulter. Die Figur ähnelt somit dem Begriff des Alter Egos, dem anderen Ich. Beispielhaft schauen wir auf einen Ausschnitt von Skyrim, ein Teil der Elder Scrolls-Reihe von Bethesda Softworks:

Kurzübersicht: Das Wichtigste zum Alter Ego im Überblick.

  • Als Alter Ego wird das andere Ich bezeichnet. Dieses kann das Verhältnis zweier Personen sein, wobei sich die eine der anderen so stark verbunden fühlt, dass sie sich mit dieser identifiziert. In einigen Ländern meint der Begriff Personen, die über große Macht verfügen.
  • In der Literatur ist mit dem Alter Ego entweder das Sprachrohr eines Autors im literarischen Text oder das zweite Ich einer Figur gemeint. Dieses zweite Ich kann krankhaft sein und ähnelt so der Persönlichkeitsspaltung, kann allerdings von der Figur auch selbst ausgewählt sein.
  • Der Avatar eines Spielers in Computerspielen ähnelt dem Alter Ego sehr. Dabei übernimmt der Spieler eine virtuelle Figur und steuert deren Handlungen und Aktionen, nimmt also im Grunde gewisse Züge des gespielten Ichs an, wenn er es beim Spielen verkörpert.

  • Hinweis: Oftmals wird auch die gespielte Rolle eines Künstlers als Alter Ego bezeichnet, wenn diese sehr häufig von diesem übernommen wird. So präsentiert sich die Hard Rock-Band „Kiss“ stets kostümiert und geschminkt. Sie wählen bei ihren Auftritten ein anderes Ich (Youtube). Ein weiteres Beispiel ist der deutsche Komiker Hape Kerkeling, der oft in wiederkehrende Figuren schlüpft. Ein bekanntes Beispiel ist sein Alter Ego Horst Schlämmer (Youtube).
Sekundärliteratur und weiterführende Werke zum Thema Alter Ego
  • Fricke, Harald u.a. (Hrsg.): Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Berlin, New York: Walter Gruyter 2000, Bd.1-3
  • Otto F. Best: Handbuch literarischer Fachbegriffe. Definitionen und Beispiele 4. Aufl. Fischer, Frankfurt am Main 1998
  • Gero von Wilpert: Sachwörterbuch der Literatur. 8. Auflage. Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 2001