Als Anachronismus wird das falsche zeitliche Einordnen von Ereignissen, Personen und Dingen oder Vorstellungen bezeichnet. Der Anachronismus ist somit ein Verstoß gegen die Zeitrechnung, bei dem beispielsweise Dinge einer späteren Zeit mit denen einer früheren vermengt werden, was natürlich auch andersherum möglich ist. Anachronismen können für die mangelhafte Kenntnis einer Zeit sprechen oder bewusst als Stilmittel eingesetzt werden, wie es der Nonsens häufig praktiziert.

Der Begriff leitet sich aus dem Griechischen ab (ἀναχρονισμός ~ anachronismós) und lässt sich mit gegen die Zeit übersetzen sowie als Zeitfehler verstehen. Demnach verweist schon die Übersetzung darauf, worum es grundsätzlich geht: nämlich um den fehlerhaften Gebrauch von Zeit [wenn Ereignisse, Dinge und Personen historisch falsch eingeordnet werden]. Schauen wir zur Veranschaulichung auf ein Beispiel.


Aristoteles beglückwünschte Kolumbus zur Entdeckung Amerikas.

Das obige Beispiel ist ein Anachronismus. Aristoteles, ein griechischer Philosoph, lebte rund 350 Jahr v. Chr., wohingegen Kolumbus im Jahr 1492 Amerika entdeckte. Das bedeutet, dass über 1800 Jahre zwischen dem Leben Aristoteles und Kolumbus‘ Reise liegen. Der obige Beispielssatz ist demzufolge widersprüchlich, da er bestimmte Ereignisse falsch einordnet und demzufolge gegen die Zeitrechnung verstößt.


Julius Cäsar schaute auf seine Armbanduhr.

Auch dieser Beispielsatz verdeutlicht das Prinzip. Zwar wurden tragbare Uhren bereits im 15. Jahrhundert entwickelt und kamen hier vor allem in Form der Taschenuhr zur Geltung, doch der römische Staatmann lebte rund 1500 Jahr früher. Würde der Satz also in einem Werk oder einer bildlichen Darstellung auftauchen, könnte er als Anachronismus gelten. Beide Beispiele sind vorgreifende Anachronismen.

Hinweis: Das Adjektiv anachronistisch bedeutet, dass ein Sachverhalt oder auch Ding unzeitgemäß oder zeitwidrig ist und demnach nicht in eine Epoche passt oder zeitlich falsch eingeordnet wurde. Demzufolge kann es zwar das Gleiche meinen wie das Nomen, kann aber auch nur etwas sehr Ähnliches bedeuten.

Vorgreifende und rückgreifende Anachronismen

Anachronismen können in vorgreifende und rückgreifende unterschieden werden. Vorgreifend sind sie dann, wenn sie ein Ereignis, eine Figur oder ein Ding in eine Zeit verlagern, wo dieses noch gar nicht existierte, rückgreifend sind sie, wenn Dinge wiederbelebt werden, die überdauert sind.

In der Literatur findet sich zumeist die vorgreifende Form, was in der Regel als eine Art Witz, pointierte Überlegung sowie in den letzten Jahrhunderten vor allem der Komik dient. In den obigen Beispielen ist es Kolumbus und das praktische Zeitmessgerät, die in die Vergangenheit geschickt werden.

In der Spielwissenschaft gibt es den Begriff des Rollenspiels. Wenn damit keine Computer- oder Pen-&-Paper-Spiele bezeichnet werden, sind meist Menschen gemeint, die eine Form Anachronismus (aus-)leben. Hierbei wird der Versuch unternommen, die gesellschaftlichen Strukturen, Bräuche, Kleidungen oder auch Ordnungen zurückliegender Epochen spielerisch nachzuempfinden. Vergangenes wird also in das Jetzt übertragen, auch wenn es bereits überholt ist und somit bewusst als Stilmittel genutzt.

Der Anachronismus in der Literatur

Selbstverständlich gibt auch die Literatur zahlreiche Beispiele, um das Prinzip oder auch die Figur nachvollziehen zu können. Hierbei kommen sämtliche Spielarten vor und können durch Dinge, Lebewesen oder Gedanken vermittelt werden. Zumeist sind es vorgreifende Anachronismen.

Ein schönes Beispiel findet sich im Drama Julius Cäsar von William Shakespeare. Im entsprechenden Dialog zwischen Brutus und Cäsar fragt Cäsar nach der Uhrzeit, woraus sich der folgende Anachronismus entwickelt, der mitunter sogar unfreiwillig entstanden sein könnte.


Cäsar: […] Was ist die Uhr?
Brutus: Es hat schon acht geschlagen.

Vollkommen unerheblich, mit welchem Gerät in der Antike die Zeit gemessen wurde (Sanduhr, Sonnenuhr, Wasseruhr), schlagen konnte die Uhr gewiss noch nicht, weshalb Brutus Antwort‘ eine technische Erfindung voraussetzt, die in der Antike noch gar nicht bekannt war. Eine identische Situation findet sich in Novalis‘ Heinrich von Ofterdingen, wobei eine nicht-erfundene Wanduhr vorkommt.

Ein weiteres Beispiel findet sich bei Friedrich Schiller. Dieser lässt Buttler – einen Oberst des Heeres – in seiner Dramentrilogie Wallenstein von einem Blitzableiter sprechen, der erst im 18. Jahrhundert erfunden wurde, wobei das Stück im Winter 1633/1634 angesiedelt ist. Ebenso ein Anachronismus.

Kurzübersicht: Das Wichtigste zum Anachronismus im Überblick

  • Anachronismen sind Sachverhalte, Personen oder Dinge, die zeitlich falsch eingeordnet werden und verstoßen somit gegen die Zeitrechnung. Sie können vorgreifend oder rückgreifend erscheinen, wobei sich die Literatur zumeist des Vorgriffs bedient.
  • Mitunter ist es sehr schwierig zu bewerten, ob ein solcher Eingriff bewusst vorgenommen wurde, weshalb es nicht immer eindeutig ist, ob nun von einem Witz, einem Stilmittel oder gar einem Stilfehler zu sprechen ist. Diese Beurteilung hängt in jedem Fall vom jeweiligen Kontext ab.
  • Unfreiwillige Anachronismen lassen sich dennoch konzentriert im Barock und der Renaissance ausmachen. Hierbei wurden vermehrt Annahmen und Gewohnheiten in die idealisierte Antike übertragen, die in der Form damals nicht existent waren. Später wurde der Anachronismus zumeist als Form der Komik eingesetzt oder entstand unweigerlich dort, wo alte Stoffe modernisiert und in die Gegenwart übertrage wurden (→ Literaturepochen).
Sekundärliteratur und weiterführende Werke zum Thema Anachronismus
  • Fricke, Harald u.a. (Hrsg.): Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Berlin, New York: Walter Gruyter 2000, Bd.1-3
  • Otto F. Best: Handbuch literarischer Fachbegriffe. Definitionen und Beispiele 4. Aufl. Fischer, Frankfurt am Main 1998
  • Gero von Wilpert: Sachwörterbuch der Literatur. 8. Auflage. Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 2001