Als Apophthegma wird ein kurzer, treffender Sinnspruch bezeichnet. Das Apophthegma endet oft mit einer Pointe und ist in Prosa verfasst. Demzufolge sind Aphorismen, Sentenzen, Sprichwörter sowie Bonmots stets Apophthegmen, wobei außerdem eine Ähnlichkeit zur Anekdote oder dem Epigramm gegeben ist. In der Antike entstanden umfangreiche Sammlungen solcher Äußerungen durch den Schriftsteller Plutarch sowie den Verleger Manutius und später von Erasmus von Rotterdam.

Der Begriff stammt aus dem Griechischen (αποφθεγμα) und lässt sich mit Ausspruch, witziges Wort oder auch treffende Antwort übersetzen. Demnach verweist schon die Übersetzung darauf, worum es grundsätzlich geht: einen treffend formulierten Spruch [der oft anekdotenhaft und pointiert ist]. Schauen wir auf ein Beispiel.


Die Axt im Haus erspart den Zimmermann.

Das obige Beispiel stamm aus der ersten Szene des dritten Aufzuges von Wilhelm Tell (1804), einem Drama von Friedrich Schiller. Vordergründig sagt der Spruch aus, dass das Selbermachen die Kosten für Handwerker oder Fachleute einspart und ist im Eigentlichen das Lob auf die eigene Selbständigkeit. Wer sich also selbst zu helfen weiß, ist nicht auf Hilfe angewiesen. Dieser Satz wurde zum geflügelten Wort.

Da hierbei kurz und knapp eine kleine Weisheit verpackt ist, kann der Ausspruch Tells vor seiner Abreise nach Altdorf als Apophthegma gelten. Synonym kann man das Ganze aber eben auch als Sprichwort, geflügeltes Wort oder Sentenz bezeichnen. Die Grenzen sind nicht eindeutig. Schauen wir auf ein weiteres Beispiel.


Ohne Fleiß kein Preis

Das obige Apophthegma kann als die deutschsprachige Abwandlung des lateinischen Per aspera ad astra (Durch das Rauhe zu den Sternen) gelten, das sich wahrscheinlich auf den römischen Philosophen Seneca zurückführen lässt. Hier wird mittels Binnenreim ein Sinnspruch formuliert, der besagt, dass sich mit der nötigen Anstrengung irgendwann auch der Erfolg einstellt. Ein abschließendes Beispiel:


Gnothi seauton
~ Erkenne dich selbst!

Dieses Beispiel ist ein sehr häufig zitiertes Apophthegma. Es ist eine Inschrift auf dem Apollo-Tempel von Delphi und wird Chilon von Sparta, einem der Sieben Weisen, zugeschrieben. Es zielt darauf ab, dass sich der Mensch seiner eigenen Begrenztheit bewusst werden sollte und diente als Warnung vor Selbstüberschätzung. In diesem Sinne lässt sich auch ein Apophthegma aus der Apophthegmata Patrum lesen:


Einmal kamen Altväter zum Altvater Antonios, und unter ihnen war auch der Altvater Joseph. Antonios wollte sie prüfen, legte ihnen ein Wort der Schrift vor und begann, sie, von den Jüngeren angefangen, zu fragen, was das Wort bedeute. Jeder gab Antwort, je nach seinem Vermögen. Der Greis sagte zu jedem: „Du hast es noch nicht gefunden.“ Zuletzt von allen sprach er zum Altvater Joseph: „Was sagst denn du, daß dieser Spruch bedeute?“ Seine Antwort war: „Ich weiß es nicht.“ Da sprach der Altvater Antonios: „Wahrhaftig, Altvater Joseph hat den Weg gefunden, indem er sagte: ,Ich weiß es nicht.’“


Kurzübersicht: Merkmale, Bedeutung und Funktion des Apophthegmas

  • Apophthegmen, auch Apophthegmata, sind prägnante Sinnsprüche in Prosaform. Sie sind somit mit sämtlichen epischen Kleinformen dieser Art verwandt, wie beispielsweise dem Aphorismus, der Sentenz, dem Bonmot, der Anekdote, wobei sie häufig pointiert erscheinen.
  • Sehr häufig stammen sie aus literarischen Werken, wobei prägnante Sätze oder Passagen aus dem Kontext genommen werden und in Form eines geflügelten Wortes fortbestehen. Jedoch können Apophthegmen auch verbal überliefert werden.
  • Bereits in der Antike entstanden sehr große Sammlungen solcher Wendungen, die dann meist auf den Äußerungen Ciceros, Sokrates‘ und Alexanders fußten. Aber auch in den folgenden Epochen wurden stets Spruchsammlungen zusammengetragen (vgl. Literaturepochen).
  • Bekannte und umfangreiche Apophthegmen-Sammlungen
    • Apophthegmata Patrum
      • Sammlung, die Sprüche und Redewendungen der angeblich ersten christlichen Mönche in Ägypten beinhaltet. Wahrscheinlich ist sie auf das 5. Jahrhundert zu datieren.
    • Apophthegmata (1533)
      • Sammlung diverser Anekdoten und Sinnsprüche, gesammelt durch Erasmus von Rotterdamm, einem bedeutsamen niederländischen Gelehrten des europäischen Humanismus.
Sekundärliteratur und weiterführende Werke zum Thema Apophthegma
  • Fricke, Harald u.a. (Hrsg.): Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Berlin, New York: Walter Gruyter 2000, Bd.1-3
  • Otto F. Best: Handbuch literarischer Fachbegriffe. Definitionen und Beispiele 4. Aufl. Fischer, Frankfurt am Main 1998
  • Gero von Wilpert: Sachwörterbuch der Literatur. 8. Auflage. Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 2001