Als Bustrophedon, teilweise auch Boustrophedon, wird eine Schreibweise bezeichnet, bei welcher die Schreibrichtung des Textes in jeder Zeile wechselt. Im Deutschen verwenden wir eine waagerechte rechtsläufige Schrift, was bedeutet, dass von links nach rechts geschrieben wird. Wäre ein deutscher Text bustrophedon geschrieben, würde in der nachfolgenden Zeile von rechts nach links geschrieben werden. Charakteristisch ist dieser Wechsel der Schreibrichtung aber vor allem für antike Inschriften, bei denen die Richtung des Textes mitunter flexibel und die Ausrichtung der einzelnen Buchstaben noch nicht eindeutig festgelegt war. Dadurch entfällt beim Lesen der Zeilensprung (vgl. Enjambement).

Der Begriff lässt sich vom griechischen boustrophēdon (βουστροφηδόν) ableiten und mit ochsenwendig übersetzen. Die Übersetzung verweist somit darauf, worum es grundsätzlich geht: nämlich um die Gestaltung eines Textes, bei welchem sich die Laufrichtung zeilenweise ändert und zwar so, wie es auch ein Ochse beim Pflügen macht, nämlich immer hin und her oder eben in Schlangenlinien. Schauen wir dafür auf ein Beispiel:Beispiel für einen bustrophedonen Text

Das obige Beispiel wandelt die ersten zwei Sätze dieses Beitrags ab, nach der ersten Zeile, also nach den Wörtern Als Bustrophedon, teils aber auch Boustrophedon wechselt die Schreibrichtung des Textes, der nun von rechts nach links verläuft. Dieser Wechsel wird zeilenweise fortgeführt und erinnert an Schlangenlinien.

Weitere Beispiele finden sich etwa im Dialekt Hieroglyphen-Luwisch, der ein Teil des luwischen Sprache ist, die als am weitesten verbreitete anatolische Sprache gilt sowie im 2. und 1. Jahrtausend v. Chr. in Anatolien gesprochen wurde. Viele Texte – zumeist Inschriften – die in dieser Hieroglyphenschrift erhalten blieben, sind auch bustrophedon geschrieben. Vereinzelt finden sich aber auch im Lateinischen und Griechischen sowie in der etruskischen Sprache solcherlei Schriften oder auch welche, die einen runischen Ursprung haben.

Ein weiteres und sehr bekanntes Beispiel ist das sogenannte SATOR-AREPO-Quadrat, welches auch als ROTAS-OPERA-Quadrat bekannt ist. Das Besondere ist hierbei, dass das Sator-Quadrat ein Satzpalindrom ist, welches der Betrachter als magisches Quadrat vorwärts und rückwärts sowie horizontal und vertikal lesen. Allerdings ist ungeklärt, ob der Text, der wohl aus der Antike stammt, tatsächlich eine Bedeutung hat.Das Sator-Quadrat ist bustrophedon geschrieben.

Das obige Beispiel zeigt das Sator-Quadrat, wobei es mehrere Ansätze gibt, wie dieses zu entschlüsseln ist. Eine Möglichkeit ist es, die mittlere Zeile zu verdoppelen und den Text dann abwechselnd von links nach rechts, dann wieder von rechts nach links zu lesen usw. Dann ergibt sich die lateinische Wortfolge sator opera tenet – tenet opera sator, was sich mit Der Sämann hält die Werke – es hält die Werke der Sämann übersetzen ließe. Dieser Ansatz ist auch der einzige, der allen Wörtern Sinn zuspricht, da AREPO ansonsten keine Bedeutung hätte und allenfalls als ein Eigenname gedeutet werden könnte.

Kurzübersicht: Das Wichtigste im Überblick

  • Als Bustrophedon, wird eine Schreibweise bezeichnet, bei welcher die Schreibrichtung des Textes in jeder Zeile wechselt. Das bedeutet, dass die erste Zeile von links, die zweite von rechts gelesen wird oder eben andersherum. Man liest folglich in Schlangenlinien.
  • Wichtig ist, dass das Nomen Bustrophedon ein Textmerkmal ist, wobei teils auch der ganze Text mit dem Begriff bezeichnet wird. Das zugehörige Adjektiv lautet bustrophedon. Zumeist wird das Wort aber als Adverb gebraucht, also etwa: Dieser Text ist bustrophedon geschrieben.
  • Ein wesentlicher Effekt ist bei solchen Texten, dass der Zeilensprung entfällt. Der Leser springt also mit den Augen nicht vom Zeilenende zum Anfang der nachfolgenden Zeile, sondern liest an der gleichen Stelle, wenn auch in die andere Richtung, weiter. Dadurch ist der Einschnitt (vgl. Zäsur), der üblicherweise beim Lesen entsteht, um ein Vielfaches geringer.
Sekundärliteratur und weiterführende Werke zum Thema Bustrophedon
  • Fricke, Harald u.a. (Hrsg.): Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Berlin, New York: Walter Gruyter 2000, Bd.1-3
  • Otto F. Best: Handbuch literarischer Fachbegriffe. Definitionen und Beispiele 4. Aufl. Fischer, Frankfurt am Main 1998
  • Gero von Wilpert: Sachwörterbuch der Literatur. 8. Auflage. Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 2001