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Chrestomathie

Als Chrestomathie wird eine Zusammenstellung von Texten verschiedener Autoren in einer Sprache bezeichnet, welche für den Unterricht ebendieser Sprache besonders brauchbar erscheint. Hierbei kommen vor allem Schriften in Prosa zum Einsatz. Im allgemeinen Sprachgebrauch und vor allem seit der Neuzeit meint die Chrestomathie aber jegliche Sammlung ausgewählter Texte und Textauszüge, die für den Unterricht bestimmt ist und dabei die bedeutendsten Autoren eines Landes bündelt. Im Unterschied zur Anthologie, die ebenfalls eine (themenbezogene) Sammlung einzelner Texte meint, steht bei der Chrestomathie in der Regel im Vordergrund, dass mit ihr tatsächlich gelernt werden soll. Folglich stellt diese Zusammenstellung eine Vorform des heutigen Lesebuchs dar.

Der Begriff setzt sich aus den griechischen Wörtern chrestós, was nützlich bedeutet, und matheín, das lernen meint, zusammen. Folglich verweist die Übersetzung des Begriffs darauf, worum es grundsätzlich geht: nämlich um etwas, das nützlich zum Lernen erscheint und in diesem Fall ist dies eine Sammlung aus Texten, welche besonders brauchbar erscheinen, um eine bestimmte Sprache mithilfe ausgewählter Texte in der jeweiligen Landessprache zu erlernen. Zumeist handelt es sich dabei um Prosatexte.

Eine Chrestomathie folgt dabei zumeist einem Aufbau, welcher den Übergang vom Leichten zum Schweren nachzeichnet. Am Anfang stehen folglich Texte, die für Schüler recht einfach zu verstehen sind und im Laufe der Lektüre werden die Texte komplexer und schwieriger. Mitunter werden dabei einzelne Vokabeln, die für das Verständnis der jeweiligen Passagen erforderlich sind, am Rand oder auch in einer Fußnote erklärt (vgl. Glosse) oder kurzerhand zwischen den Zeilen des Textes übersetzt (vgl. Interlinearglosse).

Darüber hinaus gibt es Zusammenstellungen, die die brauchbarsten, also (subjektiv) besten, Werke eines Autors bündeln und ebenso unter dem Begriff Chrestomathie gefasst werden. Solche Zusammenstellungen waren vor allem seit dem 18. Jahrhundert beliebt, wobei unter anderem die Werke von Herodot, Thukydides, Cicero, Livius, Horaz, Ovid und anderer lateinischer sowie griechischer Dichter herausgegeben wurden.

Zwar sind solche Zusammenstellungen in der Regel dafür gedacht, dass sie zum Lernen brauchbar sind oder das literarische Werk eines Autors exemplarisch verdeutlichen, aber in den vergangenen Jahrhunderten wurde der Begriff auch auf andere Sammlungen angewandt. So erschienen unter anderem Chrestomathien zur Ökonomie, Pädagogik und Philosophie, die wichtige Schriften zu einem bestimmten Bereich aufbereiteten.

Mitunter wird der Begriff auch synonym zur Anthologie verwendet, dann steht allerdings nicht mehr der Anspruch im Vordergrund, dass mithilfe der Zusammenstellung gelernt werden soll, sondern vor allem der, dass ein beliebiges Thema aufgrund ebendieser Zusammenstellung möglichst umfassend beleuchtet wurde.

Beispiele

  • Silvestre de Sacy: Chrestomathie Arabe (1806)
  • Alexandre Vinet: Chrestomathie française (1829)
  • Bernhard Dorn: A Chrestomathy of the Pushtu or Afghan language (1847)
  • Caspar Decurtins: Rätoromanische Chrestomathie (1896–1919)
  • Henri Sensine: Chrestomathie Francaise du XIXème Siècle (1901)
  • Bruno Lewin: Japanische Chrestomathie (1965)
  • Frido Mětšk: Chrestomatija dolnoserbskego pismowstwa (niedersorbische Schriften, 1956/1957)

Stichwortverzeichnis