WORTWUCHS | Literaturlexikon

Dinggedicht

Als Dinggedicht wird eine Gedichtform bezeichnet. Das Dinggedicht meint ein Gedicht, das ein Objekt in den Mittelpunkt rückt sowie aus dessen Perspektive geschrieben ist. Der Gedichttypus hat das Ziel, das Wesen des Dings aus dessen Sicht nachzubilden, als würde ebendieses Objekt über sich selbst sprechen. Als Ding werden hierbei Objekte bezeichnet, die keine eigene Stimme haben. So können Dinggedichte die Sicht eines tatsächlichen Dings (Gegenstand, Kunstwerk etc.) zeigen, aber eben auch die von Lebewesen (Pflanzen, Tiere etc.). Ein bekanntes Beispiel ist Der Panther von Rilke.

Der Begriff wurde 1926 vom Germanisten Kurt Oppert geprägt, auch wenn solche Gedichte durchaus bereits früher auftraten und in diversen literarischen Epochen auszumachen sind. Sehr häufig behandeln sie Werke der bildenden Künste, also Werke der Baukunst, Bildhauerei, Malerei, Zeichnung und Grafik. Somit ist der Gedichttypus auch häufig bei Dichtern ausmachen, die eine enge Beziehung zur bildenden Kunst haben.

Wesentlich ist für die Gedichtart, dass der Versuch unternommen wird, die möglichen Äußerungen über das jeweilige Ding aus dessen möglicher Sicht wiederzugeben. Der Dichter versucht also, sich in das Objekt zu versetzen und dessen mögliche Gedankengänge glaubhaft nachzuvollziehen. Schauen wir auf ein Beispiel:


Der Panther
Im Jardin des Plantes, Paris

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, daß er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf –. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille –
und hört im Herzen auf zu sein.


Das obige Beispiel ist Der Panther von Rainer Maria Rilke, das zu den bekanntesten Werken des Dichters zählt. Der Panther ist ein Dinggedicht, weil es eine Sache beschreibt, die selbst keine Stimme hat. Das Werk gliedert sich in drei Strophen, wobei die ersten beiden das Tier von außen beschreiben und in den letzten Verszeilen das Innere des Tieres gezeigt wird, das vollkommen passiv seine Umwelt wahrnimmt.

Dennoch ist in diesem Beispiel ein Sprecher anwesend, der den Panther beschreibt. Allerdings tritt dieser beinahe vollständig hinter der Beschreibung des Objekts zurück, was typisch für solcherlei Dinggedichte ist: das lyrisches Ich verschwindet beinahe vollends und ist nur als beschreibende, distanzierte Instanz anwesend.

Charakteristisch ist auch, dass sich ein Dinggedicht nicht mit subjektiven Empfindungen des lyrischen Ichs befasst, bestimmte Fragen reflektiert oder über das Künstler-Dasein sinniert. Im absoluten Vordergrund steht das Ding selbst, wobei es das Ziel ist, dieses Ding so gut, wie nur möglich, zu beschreiben – sei es nun von außen oder von innen: Das Dinggedicht soll das Wesen des Gegenstandes ausdrücken.

Beispiele für das Dinggedicht

Nachfolgend möchten wir Ihnen ausgewählte Dinggedichte vorstellen. Alle Beispiele haben gemein, dass sie das jeweilige Objekt distanziert oder objektiviert darstellen und es so zeigen, als würde ebendieses Objekt übersich selbst Auskunft geben, wobei das lyrische Ich kaum spürbar ist.


Auf eine Lampe, Eduard Mörike

Noch unverrückt, o schöne Lampe, schmückest du,
An leichten Ketten zierlich aufgehangen hier,
Die Decke des nun fast vergessnen Lustgemachs.
Auf deiner weissen Marmorschale, deren Rand
Der Efeukranz von goldengrünenem Erz umflicht,
Schlingt fröhlich eine Kinderschar den Ringelreihn.
Wie reizend alles! lachend, und ein sanfter Geist
Des Ernstes doch ergossen um die ganze Form –
Ein Kunstgebild der echten Art. Wer achtet sein?
Was aber schön ist, selig scheint es in ihm selbst.


Siehe auch: Eduard Mörike (Lebenslauf)

Das Karussell, Rainer Maria Rilke

Mit einem Dach und seinem Schatten dreht
sich eine kleine Weile der Bestand
von bunten Pferden, alle aus dem Land,
das lange zögert, eh es untergeht.
Zwar manche sind an Wagen angespannt,
doch alle haben Mut in ihren Mienen;
ein böser roter Löwe geht mit ihnen
und dann und wann ein weißer Elefant.

Sogar ein Hirsch ist da, ganz wie im Wald,
nur dass er einen Sattel trägt und drüber
ein kleines blaues Mädchen aufgeschnallt.

Und auf dem Löwen reitet weiß ein Junge
und hält sich mit der kleinen heißen Hand
dieweil der Löwe Zähne zeigt und Zunge.

Und dann und wann ein weißer Elefant.

Und auf den Pferden kommen sie vorüber,
auch Mädchen, helle, diesem Pferdesprunge
fast schon entwachsen; mitten in dem Schwunge
schauen sie auf, irgendwohin, herüber –.

Und dann und wann ein weißer Elefant.

Und das geht hin und eilt sich, dass es endet,
und kreist und dreht sich nur und hat kein Ziel.
Ein Rot, ein Grün, ein Grau vorbeigesendet,
ein kleines kaum begonnenes Profil –.
Und manchesmal ein Lächeln, hergewendet,
ein seliges, das blendet und verschwendet
an dieses atemlose blinde Spiel …

Römische Fontäne, Rainer Maria Rilke

Zwei Becken, ein das andre übersteigend
Aus einem alten runden Marmorrand,
und aus dem oberen Wasser leis sich neigend
zum Wasser, welches unten wartend stand,

dem leise redenden entgegenschweigend
und heimlich, gleichsam in der hohlen Hand
ihm Himmel hinter Grün und Dunkel zeigend
wie einen unbekannten Gegenstand;

sich selber ruhig in der schönen Schale
verbreitend ohne Heimweh, Kreis aus Kreis,
nur manchmal träumerisch und tropfenweis

sich niederlassend an den Moosbehängen
zum letzten Spiegel, der sein Becken leis
von unten lächeln macht mit Übergängen.

Der römische Brunnen, Conrad Ferdinand Meyer

Aufsteigt der Strahl und fallend gießt
Er voll der Marmorschale Rund,
Die, sich verschleiernd, überfließt
In einer zweiten Schale Grund;
Die zweite gibt, sie wird zu reich,
Der dritten wallend ihre Flut,
Und jede nimmt und gibt zugleich
Und strömt und ruht.

Kurzübersicht: Das Wichtigste zur Gedichtform im Überblick


  • Als Dinggedichte werden alle Gedichte bezeichnet, die versuchen, das Wesen eines Objekts darzustellen. Dabei kann das jeweilige Ding von außen und innen beschrieben werden, aber eben so, als spräche das jeweilige Objekt über sich selbst.
  • Hierbei kann eine Distanz zum Gegenstand bestehen, wobei die eigene Stimmung des lyrischen Ichs sowie des Dichters ausgeschlossen bleiben oder das Beschriebene bestimmt maßgeblich die Form und Sprache des Gedichtes. Grundsätzlich können dabei Alltagsgegenstände, komplexe Dinge oder auch stumme Lebewesen beschrieben werden.

  • Hinweis: Verwandte Gedichtformen sind das Gemäldegedicht, das ein Bild beschreibt, und das Architekturgedicht, das Bauwerke behandelt. Beide sind Sonderformen des Dinggedichts.

    Stichwortverzeichnis