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Epigramm

Als Epigramm wurde einst die Inschrift auf Grabmälern, Werken der bildenden Kunst sowie Gebäuden, Weihgeschenken und Ähnlichem bezeichnet, die vor allem in Distichen verfasst war. Daraus entstand eine eigenständige Form der Dichtung: das Epigramm. Dieses ist ein kurzes Sinn- oder Spottgedicht. Epigramme beinhalten die unterschiedlichsten Gedanken und sind oft in geraffter sowie zugespitzter Form geschrieben. Sie richten sich an den Verstand, wollen häufig belehren und fordern ihren Leser zur Stellungnahme auf. Seinen Höhepunkte erlebte die Form in der Klassik (→ Literaturepochen).

Der Begriff lässt sich aus dem Griechischen ableiten (ἐπίγραμμα ~ epigramma) und bedeutet Aufschrift. Somit verweist schon die Übersetzung darauf, worum es grundsätzlich beim Epigramm ging: nämlich um eine Form der Auf- oder auch Inschrift, woraus sich in der Folge eine eigenständige Gedichtform ableitete.

Diese Gedichtform hat allerdings keine eindeutigen Regeln, denen sie immer unterliegt. Wichtig ist aber, dass ein Epigramm stets als geistreicher Gedanke über einen Gegenstand, zur Würdigung einer Person des Denk- oder Grabmals ist oder die besondere Deutung eines Ereignisses oder eines Zustandes umfasst. Es ist also eine geraffte, einprägsame und lyrische Ausformung von Gefühlen, Stimmungen oder Gedanken.

Spätestens seit dem 16., 17. und 18. Jahrhundert hielten vermehrt andere Strophen- und Versformen Einzug in die Epigrammatik und trennten es vom Distichon, das aus einer Einheit des Hexameters und Pentameters gebildet wird. Trotzdem blieb die charakteristische Kürze des Epigramms erhalten. Diese Kürze unterstützt den pointierten Charakter des Sinnspruchs, wodurch sich die Gedichtform durch Deutlichkeit und einen prägnanten Aussagegehalt auszeichnet. Schauen wir nun auf ein Beispiel aus dem deutschen Raum.


Dies ist Achilles Grab: dem künftigen Troja zum Schrecken
setzten die Griechen es hier an den Trojanischen Strand.
Sohn der Meeres-Göttin, du liegst am Ufer begraben,
daß dir die Welle des Meeres rausche dein ewiges Lob.

Das obige Beispiel stammt von Johann Gottfried Herder und verdeutlich das grundsätzliche Prinzip. Hier wurde das Merkmal der Grabesinschrift erhalten und dadurch ein vierzeiliger Sinnspruch auf Achilles, einem unverwundbaren Helden der griechischen Mythologie, geschaffen. Ersichtlich ist, dass das obige Epigramm keinem eindeutigen Aufbau folgt, aber eben punktuell, kurz und deutlich ist, um eine Person zu würdigen.


Chirurgus fuerat, nunc est vispillo Diaulus.
coepit quo poterat clinicus esse modo.


Arzt war Diaulus, jetzt ist er Leichenträger.
Auf die Art, wie er konnte, hat er von Beginn an die Leute auf die Bahre gelegt.

Das obige Beispiel stammt vom römischen Dichter Martial, der mit Sicherheit den größten Einfluss auf die antike Epigrammdichtung nahm. In diesem Zweizeiler wird der spottende und auch satirische Charakter des Epigramms deutlich. Martial greift dabei die Zunft der Ärzte an und überzieht sie mit beißendem Spott.

Martials Auslegung der Gedichtart wurde später von zahlreichen Autoren adaptiert, also übernommen. Dabei ist die Wandlung der einfachen Inschrift zum Spottgedicht nachvollziehbar und außerdem das Distichon klar zu erkennen. In der Weimarer Klassik wurde das Schema durch Schiller und Goethe in die sogenannten Xenien (~ Feindseligkeiten) übertragen; einem sehr polemischen Angriff auf die damalige Literaturzunft.


Querkopf! schreiet ergrimmt in unsere Wälder Herr Nickel.
Leerkopf! schallt es darauf lustig zum Walde heraus.

Dieses Beispiel ist den Xenien entnommen und als Spottgedicht über den deutschen Schriftsteller Friedrich Nicolai, einem Hauptvertreter der Berliner Aufklärung, zu verstehen. Auch in diesem Fall wird der hämische, oft beißende Charakter des Epigramms ersichtlich, der prägnant und stechend erscheint.

Hinweis: Es wird ersichtlich, dass das Epigramm prinzipiell zweierlei Art sein kann. Entweder kann es als scharfsinniges, vielleicht auch weises, Sinngedicht verstanden werden, das sich klug oder witzig einem Thema zuwendet oder es kommt als hämisches, Spottgedicht daher, das eine Epoche oder auch Zunft respektive eine Person kritisch angreift sowie satirisch präsentiert und vorführt.

Geschichte des Epigramms

Das Epigramm hat eine lange Tradition, wobei es im Laufe der Zeit einerseits seinen Charakter änderte und andererseits seinen ursprünglichen Aufbau ablegte. Deshalb möchten wir kurz auf die Geschichte des kurzen Gedichts eingehen und dessen Werdegang beschreiben.

Ursprünglich geht die epigrammatische Poesie auf das antike Griechenland zurück, wobei die Griechische Anthologie (Anthologia Graeca), eine Sammlung von Gedichten, die vornehmlich in Form des Epigramms geschrieben wurde, Zeugnis über die Verbreitung ablegt. Hierbei ist das Epigramm noch vornehmlich als Sinngedicht oder Inschrift zu deuten.

Später kam diese Art der Poesie nach Rom und nahm dort, vornehmlich durch die Weiterentwicklung des Dichters Martial, einen satirischen, teils beißenden Charakter an, verlor dabei aber die ursprüngliche Forms des Distichon und wurde teilweise sogar zum Madrigal oder zum Sonett umgeformt.

Im 15. und 16. Jahrhundert wurden die Epigramme in Frankreich beliebt, wobei Element Marot (1495-1544) als der erste Dichter dieser Gattung namentlich erwähnt wird. Im Zuge der anstehenden Revolution zwischen den Jahren 1789 bis 1799 pflegte die Opposition das Epigramm und entlud beißenden Spott in ihm.

Im deutschsprachigen Raum lassen sich Epigramme bereits zwischen dem 13. und 14. Jahrhundert finden, wobei hier eher die Form des Sinngedichts Anklang fand. Im 17. Jahrhundert begann die Wiederentdeckung und Adaption des römischen Dichters Martials, wobei vor allem dessen satirische Art imitiert wurde und sich gewaltig in Schillers und Goethes scharf treffenden Xenien entlud.

Kurzübersicht: Bedeutung, Merkmale und Hintergrund

  • Als Epigramm wurde ursprünglich die Inschrift auf einem Gegenstand, meist auf einem Grabmal bezeichnet, die eine treffende, kurze, in Distichen verfasste Art der Würdigung darstellte.
  • Als das Epigramm allerdings nach Rom kam und durch den Dichter Martial verändert und neu interpretiert wurde, avancierte es zum Spottgedicht, das voller Häme Zünfte, Personen oder Missstände kritisierte und aufs Korn nahm.
  • Dabei verlor es die Eigenschaft, auf Distichen zu beruhen und lässt sich heutzutage vornehmlich als kurzes, treffendes Gedicht identifizieren, das an eine Person, ein Ereignis oder einen Sachverhalt erinnert oder als Spottgedicht verfasst wurde.
  • Sehr häufig sind Epigramme antithetisch aufgebaut, wobei im ersten Vers eine Behauptung aufgestellt wird, die nachfolgend verneint wird oder der widersprochen wird. Stilistisch wird dieser Effekt durch die nachfolgende Pointe verstärkt.

Stichwortverzeichnis