Erlebte Rede

Die erlebte Rede ist eine Form der Figurenrede und begegnet uns in epischen Texten, wobei sie meist mit einem personalen Erzähler einhergeht. Die erlebte Rede steht zwischen direkter und indirekter Rede und ist eine Mischform aus Bericht und Monolog (Selbstgespräch). Die erlebte Rede meint die Brechung von Gedanken oder Worten einer Person in die Perspektive des Bewusstseins, das sie erlebt. Sie wird im Indikativ der dritten Person ausgedrückt.


Funktion & Beispiel

Das bedeutet, dass die erlebte Rede die Distanz zwischen Erzähler und Figur aufhebt. Das liegt daran, dass die Wortstellung einerseits in der direkten Rede steht, aber andererseits wird die dritte Person und zumeist das Präteritum beibehalten. Dabei werden die Gedanken einer Figur nicht unmittelbar von ihr selbst, sondern vom Erzähler geschildert. Schauen wir zur Veranschaulichung auf ein Beispiel.


War es nicht Hanna, die ihn immer störte?
Ihr würde er es zeigen! Die würde was erleben!

Im obigen Beispiel werden dem Leser die Gedanken einer Figur präsentiert. Jedoch werden diese nicht von der Figur selbst geäußert, was auf einen inneren Monolog schließen ließe („Hanna ist es, die mich immer stört. Ihr werde ich es zeigen!“), sondern durch den personalen Erzähler präsentiert, der die Innensicht, also die Gedanken, der Figur in der dritten Person schildert (ihn, er).

Demnach haben wir es hier mit einer Einmischung durch den Erzähler zu tun, wobei dieser in die Gedanken der Figur schlüpft, um deren Gedanken und Gefühle wiederzugeben. Dennoch ist der Erzähler spürbar, da ersichtlich wird, dass die Figur die Gedanken nicht selbst äußert oder artikuliert.


Rebekka wartete in der Pension auf ihren Mann. Sie schaute unruhig zur Tür, die sich ständig öffnete und wieder schloss, doch zwischen den Eintretenden konnte sie ihn nirgends entdecken. Würde er sie wieder warten lassen? Das durfte nicht sein! Nicht heute, nicht in dieser Situation. Plötzlich stand er vor ihr.


Auch in dieser Passage können wir die erlebte Rede entdecken, die mit dem restlichen Text verwoben wurde. Anfänglich wird dem Leser lediglich die Situation geschildert, es wird erzählt, was Rebekka tut und auf wen sie wartet: nämlich auf ihren Mann, der sich scheinbar ein wenig verspätet.

Doch schon der zweite Satz wird in Form der erlebten Rede gezeigt, da wir unmittelbar an den Gedanken der Protagonistin teilhaben, ohne dass sie diese selbst äußert. Der Erzähler ist also präsent und gewährt uns einen Blick in die Gedankenwelt von Rebekka. Da es der Erzähler ist, der uns die Gedanken präsentiert und nicht die Figur selbst, gibt es dennoch eine Distanz zwischen Figur und Leser.


Warum war ihr Gatte nicht wenigstens einer dieser stillen, aber ehrgeizigen Männer der Wissenschaft, die die ganze Nacht über ihren Büchern sitzen …? Der Name Bovary, der ja auch der ihre war, hätte berühmt sein, hätte in Büchern und Zeitungen stehen müssen, von ganz Frankreich gekannt. Aber Charles hatte keinen Ehrgeiz! (Gustave Flaubert, Madame Bovary)


Das obige Beispiel für die erlebte Rede ist Flauberts Madame Bovary entnommen, einem Roman der zu den großen der Weltliteratur zählt, da die realitätsnahe Erzählweise seinerzeit neuartig und besonders erschien. Die Passage ist gänzlich in erlebter Rede formuliert. Hierbei werden uns die Gedanken der Hauptfigur Emma, die ihren Mann betrachtet, offengelegt. Abermals in der dritten Person.

Hinweis: Manchmal ist es sehr schwierig, Figur und Erzähler klar zu trennen. Vor allem dann, wenn die erlebte Rede als langer Fließtext erscheint und unmittelbar in den Erzählerbericht eingearbeitet ist. Dann müssen wir genau lesen. Denn die erlebte Rede ist durchaus an der Ausdrucksweise zu erkennen (meist so, wie die Figur spricht) und Frageformulierungen der Figur oder auch Vermutungen.

Erlebte Rede, indirekte Rede, direkte Rede

Eingangs wurde erwähnt, dass die erlebte Rede eine Zwischenform von direkter und indirekter Rede ist. Demzufolge muss es zwischen allen drei Formen der Figurenrede Gemeinsamkeiten und natürlich auch einige Unterschiede geben. Schauen wir uns diese einmal genau an.

Mit der direkten Rede hat sie die Wortstellung gemeinsam, wobei sie der indirekten insofern ähnelt, als dass das Aussagesubjekt in die dritte Person verschoben wird. Demzufolge ist die erlebte Rede eine Mischform der beiden anderen Formen. Schauen wir dafür auf ein Beispiel.


Direkte Rede: Er fragte:“Muss ich wirklich helfen?“
Indirekte Rede: Er fragte, ob er wirklich helfen müsse.
Erlebte Rede: Musste er wirklich helfen?


Die direkte Rede ist, wie ersichtlich wird, eine Äußerung bei der die Sprache im Wortlaut wiedergegeben wird. Im Unterschied dazu, wird im zweiten Fall die Aussage durch den Erzähler gezeigt. Die Figur spricht hierbei also nicht selbst, sondern der Erzähler gibt wieder, was die Figur sagt.

Die erlebte Rede erinnert an die direkte insofern, als dass die Wortstellung gleich ist, was man im obigen Beispiel sehr schön erkennen kann. Allerdings steht das Redesubjekt grammatisch in der dritten Person (ich wird zu er), was wiederum an die indirekte Rede erinnert.

Unterschied: innerer Monolog und erlebte Rede

Am schwierigsten ist die erlebte Rede mit Sicherheit vom innerern Monolog zu unterscheiden. Dabei ist der Unterschied recht einfach zu erkennen, wenn wir auf die grammatische Struktur der jeweiligen Passage achten, denn grammatisch weichen beide Formen voneinader ab.

Der innere Monolog zeigt nämlich grundsätzlich das Gleiche: nämlich die Gedanken einer Figur. Allerdings werden diese in der ersten Person und außerdem stets im Präsens wiedergegeben. Die Figur spricht demzufolge gedanklich mit sich selbst und es gibt keinen Erzähler, der uns die Gedanken zeigt.


Ich werde noch verrückt. Wo ist denn jetzt meine Uhr hin? Haben die im Haus eigentlich nichts besseres zu tun, als mich – ja, mich – warten zu lassen. Meine Frau hatte von Anfang an Recht. Was ich bloß für ein Idiot bin. Wie konnte ich mich nur darauf einlassen und diesem Vorhaben zustimmen?


Im obigen Beispiel spricht die Figur mit sich selbst. Sie stellt sich dabei Fragen und gibt dem Leser so die eigenen Gedanken preis. Deutlich ist zu erkennen, dass es ein Ich gibt, was hierbei spricht. Demnach findet sich der innere Monolog natürlich häufiger bei einem Ich-Erzähler, wohingegen die erlebte Rede typisch für den personalen Erzähler ist. Dennoch sind Mischformen in Bezug auf die Erzählperspektive denkbar.

Das Wichtigste zur erlebten Rede im Überblick

  • Die erlebte Rede ist eine Form der Figurenrede und kann uns somit ausschließlich in epischen Texten begegnen. Sie steht zwischen direkter und indirekter Rede und ist weiterhin eine Mischform aus Selbstgeprächs des Protagonisten und dem Bericht.
  • Dabei werden dem Leser die Gedanken einer Person gezeigt, ohne dass diese sie selbst äußert. Der Erzähler gewährt dem Leser somit einen Blick in den Kopf der handelnden Figur.
  • Die Erlebte Rede kann entweder sehr stark an den Erzähler gebunden sein oder sich vermehrt an der Sicht der Figur orientieren. Dabei behält die Erzählerstimme sehr häufig die Ausdrucksweise der Figur bei, wodurch sich die erlebte Rede oftmals erkennen lässt.
  • Im Gegensatz zum inneren Monolog steht sie grammatisch in der dritten Person und wird meist im epischen Präteritum verwendet. Der innere Monolog steht grammatisch in der ersten Person und wird außerdem im Präsens verwendet.
  • Die erlebte Rede ist typisch für den personalen Erzähler, der durch eine direkte Darstellung von Gedanken mit der Figur verschmilzt. Das bedeutet, dass die Distanz zwischen Erzähler und Figur hierbei ein wenig verschwindet.
  • Die erlebte Rede wird in den meisten Fällen situativ eingebettet, wobei ihr ein verbum credendi fehlt. Darunter versteht man ein Verb des Denkens und in diesem Zusammenhang eine Markierung, dass die Figur sich äußert (dachte, glaubte, überlegte usw.).
  • Weiterhin ist die erlebte Rede in einem höheren Maße als der Gedankenbericht mimesisfähig. Das heißt, dass die dargestellten Gedanken der Figuren besser für den Leser nachzuvollziehen sind, weshalb er die Gefühle und Gedankengänge nachempfinden kann. Noch stärker ist dieser Effekt natürlich beim inneren Monolog ausgeprägt.