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Erzählhaltung

Ein Autor, der einen narrativen Text schreibt, erschafft einen fiktiven Erzähler, der diesen erzählt. Wichtig ist hierbei, dass dieser Erzähler nicht identisch mit dem Autor des Textes ist. Da der Autor den Text aber schreibt, kann er verschiedene Dinge für den Erzähler vorgeben. Beispielsweise legt der Autor fest, was der Erzähler über die Figuren der Geschichte weiß (vgl. Erzählperspektive) und welche Einstellung er zum Erzählten hat. Ebendiese Einstellung wird als Erzählhaltung bezeichnet und meint so die Haltung des Erzählers zum Erzählten. Eine solche Wertung ist zumeist Teil des Erzählerberichts.

Formen

Es gibt verschiedene Arten, wie der Erzähler das Erzählte bewerten kann. Zumeist wird die Erzählhaltung im Deutschunterricht mit den Adjektiven affirmativ, ablehnend, neutral, ironisch oder auch kritisch beschrieben. Allerdings gibt es Übersichten, die wesentlich stärker differenzieren, wobei dann auch sarkastische und euphemistische Erzählhaltungen angeführt werden. Alle diese Adjektive sind aber lediglich Beispiele, da es keine feste Einteilung gibt, weshalb alle Zuschreibungen „richtig“ sein können. Einige Möglichkeiten:

ErzählhaltungMerkmale
affimativ
  • Die Erzählhaltung ist bejahend
  • Der Erzähler bestätigt das Gezeigte und gibt zu verstehen, dass er hinter dem Gezeigten steht. Er schlägt sich ggf. auf eine Seite.
„Gib mir sofort den Rucksack zurück!“, forderte Jonathan berechtigterweise von Tim, der inmitten des Klassenzimmers stand und lachte.
ablehnend
  • Erzähler lehnt das Gezeigte ab.
  • Die Ablehnung wird direkt oder indirekt geäußert.
Tim, der nicht unbedingt der Hellste war, hatte ihm den Rucksack nach der Deutschstunde weggenommen und wühlte nun in allen Taschen. Jonathan schnaubte wütend und ging langsam auf Tim zu, dessen dümmliches Lachen plötzlich erstarrte.
neutral
  • Erzähler beschreibt das Geschehen, bewertet es aber nicht.
  • Die neutrale Erzählhaltung ist sehr häufig.
Jonathan ging mit festem Schritt auf Tim zu, seine rechte Hand schnellte nach vorn und packte den Rucksack. Tim öffnete mehrmals den Mund, um dann wortlos aus dem Klassenzimmer zu flüchten. Auf dem Flur entfernten sich seine Schritte rasch.
ironisch
  • Erzähler kommentiert das Geschehen ironisch.
  • Es wird also eine Aussage getroffen oder eine Sache beschrieben, wobei offensichtlich ist, dass das Gegenteil gemeint ist.
„Was guckt ihr so?“, fragte Jonathan an seine Mitschüler gewandt, die in einem Halbkreis um ihn herum standen, „warum habt ihr mir nicht geholfen?“. Keiner rührte sich, alle schauten zu Boden. Aber so ist es eben: Ertappte sind bekanntlich die größten Redner.
kritisch
  • Erzähler steht weder hinter dem Geschehen noch ist er dagegen.
  • Er gibt allerdings zu verstehen, dass er das Gezeigte problematisch findet und kritisch beurteilt.
„Ach, mir doch egal!“, sagte er, schulterte seinen Rucksack und trat auf den Flur hinaus. „Vollpfosten!“, rief er seinen Mitschülern, vielleicht ein wenig zu schnell urteilend, beim Gehen zu und beschleunigte seine Schritte, um nicht die nächste Stunde zu verpassen.
Hinweis: Zwar werden in Schulbüchern in der Regel die Adjektive affirmativ (bejahend), ablehnend, neutral, ironisch und kritisch angeführt, doch gibt es keine feststehende Einteilung, welche Eigenschaftswörter zum Beschreiben der Erzählhaltung gebraucht werden sollten. Grundsätzlich ist alles erlaubt, was durch den Text begründet werden kann, auch wenn es sinnvoll ist, sich daran zu orientieren, was Lehrer und Dozenten für die Textanalyse vorgeben.

Zusammenfassung

Kurzübersicht: Das Wichtigste im Überblick


  • Als Erzählhaltung wird die Haltung des Erzählers eines Textes zum Erzählten bezeichnet. Es geht also darum, wie der Erzähler zum Dargestellten und den Figuren steht oder wie er damit umgeht.
  • Hierbei kann er entweder über die Außenansicht eine Situation oder eine Figur bewerten (das Außen einer Figur oder Sache betrachtend) oder aber über die Innenansicht (Darstellung des Innenlebens einer Figur).
  • Es gibt keine festgelegte Einteilung, wie die Erzählerhaltung beschrieben werden muss. Somit können sämtliche Adjektive genutzt werden, auch wenn meist affirmativ, ablehnend, neutral, ironisch oder auch kritisch verwendet werden – vor allem im Deutschunterricht.
  • Darüber hinaus sind diese Zuschreibungen natürlich nicht starr. Einerseits können sie sich vermischen und andererseits kann sich die Haltung des Erzählers innerhalb eines Textes aber selbstverständlich auch ändern.

Inhaltsverzeichnis

Stichwortverzeichnis