Die erzählte Welt ist ein Begriff aus der Erzähltheorie. Die erzählte Welt beschreibt die Was-Seite einer Erzählung. In Bezug auf das Was ist einerseits die histoire interessant, die die Geschichte eines Textes meint (was passiert und warum geschieht es?) und andererseits die erzählte Welt. Diese umfasst sämtliche Figuren, Objekte, Räume und Handlungen, die der Text beschreibt. In der fiktiven erzählten Welt können durchaus andere Regeln gelten, als in der Realität.

Das bedeutet, dass eine erzählte Welt zwar durchaus den Regeln, Gesetzen oder auch Erwartungen unserer Alltagswelt entsprechen, aber eben auch fiktiv sein kann, wobei hierbei natürlich andere Gesetzmäßigkeiten und Regeln gelten können. Schauen wir zur Veranschaulichung auf zwei Beispiele aus der Literatur.

Das Werk Ronja Räubertochter von Astrid Lindgren, erzählt eine Geschichte über die Freundschaft zweier Kinder. Die Räume des Werkes wirken auf vielen Ebenen vertraut. So gibt es Menschen und tiefe, dunkle Wälder sowie zwei verfeindete Räuberbanden.

Im Räubertochter-Universum hausen aber auch allerhand Kreaturen und Gestalten, die es in unserer Welt nicht gibt. Die erzählte Welt unterscheidete sich also in vielen Punkten von der Realität. Dennoch gelten im Buch natürlich die Regeln dieser Welt.

Denken wir nun an den Vorleser von Berhard Schlink. Dieser Roman erzählt eine Beziehung des Ich-Erzählers Michael Berg zu Hanna Schmitz. Das Buch gliedert sich in drei Teile und bleibt dabei zwischen Grenzen, die auch unserer Alltagswelt entsprechen. Zwar ist die Geschichte bemerkenswert, doch das Erzählte bricht nicht mit bekannten Regeln, auch wenn es natürlich fiktiv ist.

Hinweis: „Der Vorleser“ und „Ronja Räubertochter“ haben somit unterschiedliche erzählte Welten, die verschiedenen Regeln und Gesetzen folgen. Beim Lesen entblättert sich dieser Kosmos, wobei der Erzähler diese Welt vermittelt und für den Empfänger (Leser, Zuhörer) aufbereitet.

Kurzübersicht: Das Wichtigste zur erzählten Welt im Überblick

  • Die erzählte Welt ist ein Begriff der Erzähltheorie. Der Begriff umfasst alle Handlungen, Räume, Objekte und Figuren einer literarischen Welt. Demnach meint er alle Inhalte, die in einem Werk vermittelt werden und eine Welt schaffen, die eigene Gesetzmäßigkeiten haben kann.
  • Diese Regeln und Gesetze können hierbei deckungsgleich mit den uns bekannten sein oder sich enorm von diesen Unterscheiden. Vollkommen gleich, wie die Welt konstruiert ist, halten sich die Figuren der Erzählung an ebendiese Regeln.
  • Die erzählte Welt benötigt drei Elemente, um überhaupt existieren zu können. Erstens braucht es ein Geschehen, das erzählt werden kann (Handlung), zweitens einen Erzähler, der sie aus einer Erzählperspektive vermittelt, drittens einen Adressaten, also einen Empfänger (Leser).
  • Demnach ist der Begriff mit histoire, plot und der fabula verwandt, die ebenso die Gesamtheit des erzählten Geschehens umschreiben, auch wenn diese natürlich nur eine Ebene des Erzählens meinen und eben nicht den gesamten Kosmos der literarischen, fiktiven Welt.
Sekundärliteratur und weiterführende Werke zum Thema Erzählte Welt
  • Fricke, Harald u.a. (Hrsg.): Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Berlin, New York: Walter Gruyter 2000, Bd.1-3
  • Otto F. Best: Handbuch literarischer Fachbegriffe. Definitionen und Beispiele 4. Aufl. Fischer, Frankfurt am Main 1998
  • Gero von Wilpert: Sachwörterbuch der Literatur. 8. Auflage. Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 2001