Als Fragment wird ein unvollendetes Kunstwerk bezeichnet. Folglich kann sich der Begriff auf ein unfertiges Werk der Kunst, Musik, Literatur oder auch ganz ähnliche Ausdrucksformen beziehen. Zumeist wird der Begriff auf die Literatur bezogen und bezeichnet hier sogar eine eigene Gattung. In der Literatur meint das Fragment entweder einen unvollständig überlieferten Text oder ein unvollendetes Werk. Das unvollendete Werk kann dabei vom Autor bewusst als Gattung gewählt werden. Diese Gattung ist für die Epoche der Romantik typisch. Die romantische Poesie wurde von Friedrich Schlegel als eine progressive Universalpoesie beschrieben. Progressiv meint, dass etwas fortschrittlich ist und sich stets erweitert, also niemals abgeschlossen ist. Die romantische Poesie war oft unvollendet und fragmentarisch. Das Merkmal gibt es auch in Romanen der Zeit. Im weitesten Sinn meint das Fragment ein Bruchstück, also einen Teil vom größeren Ganzen und kann so ein unvollendete Kunstwerk, Plastiken oder bruchstückhafte Schriftstücke meinen.

Der Begriff lässt sich auf das Lateinische zurückführen. Hier gibt es das Verb frangere, das sich mit brechen oder auch zerbrechen übersetzen lässt. Von diesem leitet sich das substantivierte fragmentum ab, was allerdings vor allem in Bezug auf Gegenstände gebraucht wurde und als Bruchstück verstanden werden kann. Dabei verweist die Übersetzung aber bereits darauf, worum es grundsätzlich geht: nämlich um eine Sache, die nur bruchstückhaft ist und demnach der Teil eines Größeren war.

Erst seit der Renaissance wird das Nomen gebraucht, um Bruchstückhaftes in der Kunst und vor allem in der Literatur zu bezeichnen. Nun wird der Begriff immer häufiger verwendet, um literarische Bruchstücke zu bezeichnen. Großen Einfluss auf diese Entwicklung nahm die Bibelübersetzung Martin Luthers. Dieser übersetzte colligite fragmenta, ne pereant, einen Auszug aus dem Evangelium des Johannes‘ mit Sammlet die übrig bleibende Brocken, daß nichts umkomme und prägte somit nachhaltig das Verständnis des Wortes in Bezug auf eine abstrakte Sache, die unfertig geblieben ist und demnach unvollendet ist.


Erklaerung von literarischen Fragmenten anhand von Beispielen

In Bezug auf literarische Werke gibt es grundsätzlich zwei verschiedene Arten fragmentarischer Texte: nämlich Werke, die nur zum Teil überliefert sind – man spricht von fragmentarischen Überlieferungen und Texte, die vom Autor nicht zu Ende geschrieben wurden und somit unvollendete Werke sind. Dies kann absichtlich oder auch unabsichtlich geschehen. Unabsichtlich wäre es, wenn der jeweilige Dichter vor der Vollendung starb, absichtlich wäre es, wenn der Autor das Werk bewusst nicht zum Ende führte.

Fragmentarische Überlieferung

Als fragmentarische Überlieferungen werden Texte bezeichnet, die nicht in Gänze in unsere Zeit überliefert und demnach nur brüchstückhaft erhalten sind. Dies ist vor allem bei sehr, sehr alten Texten ein Problem, wie etwa bei Werken aus der Antike oder auch dem Mittelalter.

Die Gründe dafür, dass ein Werk nur in Teilen oder Auszügen erhalten ist, können ganz unterschiedlicher Natur sein. Sehr häufig sind Unfälle oder Katastrophen (Brände, Wasserschäden, Schimmel … ) dafür verantwortlich, dass große Teile eines Werkes verloren gehen. Mitunter können aber auch politische Ereignisse sowie kriegerische Auseinandersetzung dafür verantwortlich sein, dass Texte verschwinden. Teils waren einzelne Manuskripte aber auch schlichtweg nicht gefragt und wurden nicht mehr kopiert.

Darüber hinaus gibt es etwa antike Autoren, die uns heutzutage nur bekannt sind, weil ihre Werke in den Texten anderer Dichter zitiert oder angeführt werden. Außerdem gibt es Autoren von denen lediglich einzelne Verse auf Ostraka überliefert sind. Ferner gibt es zahlreiche Adespota – also Werke, die keinem Verfasser zugeschrieben werden können – die auch nur fragmentarisch erhalten sind.


Beispiele verschiedener Ostraka aus der Antike

Bild: Potsherds (ostraka) used as voting tokens von Tilemahos Efthimiadis, Bearbeitung: Wortwuchs, Lizenz: CC BY 2.0, Quelle


Als Beispiel kann der Dichter Archilochos (um 680 v. Chr. – um 645 v. Chr.) angeführt werden. Sein Werk ist heutzutage nur fragmentarisch erhalten. Dabei sind von seinem umfangreichen Œuvre lediglich 500 Verse, aber kein einziges vollständiges Gedicht erhalten. Dennoch lässt sich aus diesen Fragmenten ablesen, dass Archilochos maßgeblich die Lyrik beeinflusste und als erster Grieche persönliche Gefühle und Erlebnisse in seine Gedichte einflocht und somit nachhaltig die persönliche Lyrik prägte.

Darüber hinaus gibt es sogar Autoren, deren Schriften heutzutage überhaupt nicht mehr erhalten sind. Beispielsweise sind zahlreiche der antiken Philosophen nur bekannt, da der spätantike Kommentator und Philosoph Simplikios ihre Aussagen in seinen eigenen Werken zitierte, wobei seine Schriften auch heute noch verfügbar sind, da es stets eine erhöhte Nachfrage für diese gab.

Unvollendete Werke

Wenn nun ein Werk aber nicht nur fragmentarisch ist, weil es verloren ging, sondern weil es schlicht und ergreifend nicht vollendet wurde, kann dies zwei Gründe haben. Entweder schaffte es der Autor nicht zu Lebzeiten, das Werk zu beenden oder ließ es absichtlich unvollendet. Solche Fragmente waren in der Romantik sogar eine eigenständiges und beliebtes Genre.

Dabei gibt es verschiedene Möglichkeiten, dass ein Werk als fragmentarisch gilt. So bricht beispielsweise die Geschichte des Peloponnesischen Krieges des antiken Historikers Thukydides mitten im Satz ab, was – da die Umstände seines Todes außerdem ungeklärt sind – teils abenteuerliche Legenden erwachsen ließ.

Ein weiteres Werk, das ein Fragment blieb, war etwa Tristan des mittelalterlichen Dichters Gottfried von Straßburg. Dieses umfasste zwar letzten Endes rund 20.000 Verse, allerdings waren wohl 30.000 geplant. Ein weiteres Beispiel ist Les Pensées von Blaise Pascal (1623–1663), das als eines der meistgelesenen philosophischen, theologischen Werke der europäischen Geistesgeschichte gilt. Allerdings handelt es sich hier um eine Zusammenstellung von Notizen, die als Vorbereitung eines Werkes zur Rechtfertigung des christlichen Glaubens entstanden und nach seinem Tod von Freunden herausgegeben wurden.

In der Literatur finden sich noch allerhand Beispiele von Autoren, die es nicht bewerkstelligten, einzelne Schriften vor ihrem Tod zu beenden. Weitere Beispiele sind Georg Büchners Woyzeck, Bertolt Brechts Romanfragment Die Geschäfte des Herrn Julius Caesar, Robert Musils Roman Der Mann ohne Eigenschaften und die drei Romanfragmente Der Process, Das Schloss, Der Verschollene von Franz Kafka.

Solcherlei Fragmente finden sich allerdings nahezu bei sämtlichen Autoren. In irgendeiner Form finden sich nämlich bei den meisten Dichtern unvollendete Stücke im Nachlass, wenngleich deren Bedeutung innerhalb des künstlerischen Werkes des Dichters natürlich unterschiedlich ausfällt. Dennoch sind solche Arbeiten im Nachlass natürlich wesentlich für die künstlerische Bewertung des Schöpfers.

„Absichtliche“ Fragmente

Werke, die von ihrem Autor absichtlich nicht vollendet wurden, bilden innerhalb der Literatur eine eigene Gattung: man spricht hierbei von literarischen Fragmenten. Dieses Genre war vor allem in der Romantik beliebt, wenngleich solche Werke auch in andere Epochen zu verorten sind.

Das Fragmentarische soll hierbei zumeist zum Ausdruck bringen, dass das Thema unendlich erscheint, sich durch die Sprache nicht genau greifen ließe oder die Sprache den jeweiligen Inhalt zu sehr einengen würde, da sie sehr konkret ist. Die Romantiker verwiesen außerdem darauf – allen voran Friedrich Schlegel – dass sich im Fragmentarischen die Möglichkeit bietet, dass eine Sache unvollendet ist und dadurch einen ständigen Zustand des Werdens annehmen kann. Schlegel fasst dies folgendermaßen:


„Sie kann sich so in das Dargestellte verlieren, daß man glauben möchte, poetische Individuen jeder Art zu charakterisieren, sei ihr Eins und Alles; und doch gibt es noch keine Form, die so dazu gemacht wäre, den Geist des Autors vollständig auszudrücken: so daß manche Künstler, die nur auch einen Roman schreiben wollten, von ungefähr sich selbst dargestellt haben. Nur sie kann gleich dem Epos ein Spiegel der ganzen umgebenden Welt, ein Bild des Zeitalters werden. […] Die romantische Poesie ist unter den Künsten, was der Witz der Philosophie, und die Gesellschaft, Umgang, Freundschaft und Liebe im Leben ist. Andre Dichtarten sind fertig und können nun vollständig zergliedert werden. Die romantische Dichtart ist noch im Werden; ja das ist ihr eigentliches Wesen, daß sie ewig nur werden, nie vollendet sein kann. Sie kann durch keine Theorie erschöpft werden, und nur eine divinatorische Kritik dürfte es wagen, ihr Ideal charakterisieren zu wollen. Sie allein ist unendlich, wie sie allein frei ist und das als ihr erstes Gesetz anerkennt, daß die Willkür des Dichters kein Gesetz über sich leide. Die romantische Dichtart ist die einzige, die mehr als Art und gleichsam die Dichtkunst selber ist: denn in einem gewissen Sinn ist oder soll alle Poesie romantisch sein.“ (116. Athenäums-Fragment, 1798. In: Friedrich Schlegel: Kritische Schriften, hg. v. Wolfdietrich Rasch, 2. Aufl., München 1964.)


Diese Einschätzung Schlegels lässt sich in zahlreichen Werken der Zeit nachempfinden. Wesentlich ist hierbei vor allem Novalis‘ Heinrich von Ofterdingen (1802), der ein Fragment ist und außerdem weitere Motive der Epoche aufgreift (bspw. das Motiv der „Blauen Blume“). Ähnliche Werke, die ebenfalls mit dem Nicht-Vollenden spielen, sind etwa Herders Fragmente über die neuere deutsche Literatur (1766/67), Schlegels Lucinde (1799) oder auch Die Kronenwächter (1817/1854) von Achim von Arnim.

Kurzübersicht: Das Wichtigste im Überblick

  • Als Fragment wird ein unvollendetes Kunstwerk bezeichnet. Folglich kann sich der Begriff auf ein unfertiges Werk der Kunst, Musik, Literatur oder sehr ähnliche Ausdrucksformen beziehen. Zumeist wird der Begriff auf die Literatur bezogen und bezeichnet hier sogar eine eigene Gattung. Im weitesten Sinn meint das Fragment ein Bruchstück und kann so ein unvollendete Kunstwerk, Plastiken oder bruchstückhafte Schriftstücke meinen.
  • In Bezug auf literarische Werke lässt sich zwischen 1) fragmentarischen Überlieferungen sowie 2) unvollendeten Werken unterscheiden. Ist die Überlieferung nur fragmentarisch, sind wesentliche Teile eines alten Werkes verloren gegangen. Ist ein Werk allerdings unvollendet, geschah dies entweder absichtlich oder eben unabsichtlich.
  • Ist ein Werk a) unabsichtlich fragmentarisch, war es dem Schöpfer schlicht und ergreifend nicht möglich, es zu Lebzeiten fertigzustellen. Ist es aber b) absichtlich als Fragment angelegt, handelt es sich um eine Gattung, die zum Ausdruck bringen möchte, dass das jeweilige Kunstwerk ständig „im Werden“, also nicht abgeschlossen ist und der vorgestellte Inhalt durch eine Fertigstellung allenfalls eingeengt dargestellt werden könnte.
Sekundärliteratur und weiterführende Werke zum Thema Fragment
  • Fricke, Harald u.a. (Hrsg.): Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Berlin, New York: Walter Gruyter 2000, Bd.1-3
  • Otto F. Best: Handbuch literarischer Fachbegriffe. Definitionen und Beispiele 4. Aufl. Fischer, Frankfurt am Main 1998
  • Gero von Wilpert: Sachwörterbuch der Literatur. 8. Auflage. Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 2001