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Gedankenlyrik

Als Gedankenlyrik, auch Ideenlyrik und philosophische Lyrik, wird die Form der Lyrik bezeichnet, die vordergründig gedankliche Erlebnisse beinhaltet. Es steht nicht das unmittelbar Erlebte (vgl. Erlebnislyrik) oder, wie etwa in der Ballade, die Erzählung im Vordergrund, sondern philosophische, religiöse und allgemein gedanklich-weltanschauliche Inhalte. Dabei wird die Idee nicht über ein Symbol vermittelt, sondern als inneres Erlebnis gestaltet. Das lyrische Ich versucht folglich, über Gedanken oder Gegebenheiten, sich selbst oder eben die Außenwelt Klarheit zu erlangen. Dabei werden zumeist die verschiedenen Seiten des jeweiligen Gegenstandes gezeigt und zwischen Anschauung und Reflexion geschwankt. Hierbei grenzt sich die Gedankenlyrik von der lehrhaften und zweckbezogenen Dichtung ab, kann aber durch das Dargestellte dennoch indirekt didaktisch oder lehrhaft sein.

Schwierigkeiten des Begriffs

Der Begriff verweist einerseits darauf, worum es grundsätzlich geht: nämlich um eine Lyrik, die vor allem Gedanken zum Inhalt hat und gedankliche Erlebnisse ausgestaltet und auf der anderen Seite ist er durchaus problematisch. Jedenfalls bei genauer Betrachtung.

Man könnte annehmen, dass Lyrik, die eben nicht als Gedankenlyrik klassifiziert wird, im Gegenzug gedankenlos ist. Das ist aber nicht der Fall. Lyrik kann – auch wenn sie nicht das Ergriffensein des lyrischen Ichs durch inneres Erleben darstellt – indirekt Gedanken darstellen und durch nüchterne, objektive Darstellung das Ergriffensein zeigen.

Wichtig: Das heißt, dass Gedankenlyrik in erster Linie gedankliche Erlebnisse aufzeigt und sich durch das stark subjektive Beteiligtsein des lyrischen Ichs auszeichnet, wodurch sie sich von der objektiven, nüchternen Lehr- und Spruchdichtung abgrenzt. Dieser Umstand lässt aber in keinem Fall den Umkehrschluss zu, dass „andere Lyrik“ ansonsten gedankenlos wäre.

Geschichte

Bereits seit der Antike finden sich erste Ansätze und Belege für eine Gedankenlyrik, später gab es vor allem zur Zeit der Romantik äußerst bedeutende Vertreter im Ausland, wie etwa George Byron, Alfred de Vigny oder auch Percy Bysshe Shelley. Aber vor allem die deutsche Dichtung wird von ebendieser Ideenlyrik nachhaltig geprägt.

Die Antike kennt vor allem Lehrgedichte, die einen Sachgegenstand aus Kultur, Gesellschaft, Literatur und Naturwissenschaft darstellen. Allerdings finden sich bereits bei den Dichtern Hesiod oder Horaz einzelne Ansätze, die die Art der Gedankenlyrik erahnen lassen, wenngleich diese Gedichte zumeist noch mit vielen lehrhaften Elementen gespickt sind, die oftmals vordergründig sind.

Das Mittelalter wird vor allem von lehrhafter Lyrik bestimmt, wobei sich vor allem die Spruchdichtung etablierte. Aber auch hier gibt es Formen der Gedankenlyrik, wie in der höfischen Lyrik der Dichter Regenbogen oder Friedrich von Hausen und stark in den politischen Gedichten Vogelweides. Renaissance und Humanismus stärken dann aber wieder vornehmlich die Gelehrtendichtung (vgl. poeta doctus).

Die barocke Epoche erhebt die Gedankenlyrik dann jedoch endgültig zur wichtigen lyrischen Form. Im Barock sind es zumeist Epigramme und Sonette, in denen solcherlei gedankliche Erlebnisse verarbeitet werden. Oftmals bewegt sich das lyrische Ich dabei zwischen den gegensätzlichen Vorstellungen des göttlichen Jenseits und dem sündhaften, vergänglichen Leben (vgl. Memento mori). Barocke Vertreter sind Martin Opitz, Andreas Gryphius und Paul Fleming.

Auch die Aufklärung kennt die Gedankenlyrik, wobei hier erneut ein lehrhafter Charakter in den Vordergrund tritt. Thematisch wird oft das Wechselspiel zwischen Schöpfung und Gott dargestellt. Es ist somit der Theodizeegedanke, der lyrisch verarbeitet wird. Dieser kreist um die Frage, warum ein Gott das Leiden zulässt, wenn er doch die Allmacht sowie die Güte besitzt, dieses zu verhindern (Beispiel: Albrecht von Haller, „Über den Ursprung des Übels“).

Weitere Beispiele finden sich dann bei den Aufklärern Barthold Heinrich Brockes („Irdisches Vergnügen in Gott“) oder auch Ewald Christian von Kleist („Der Frühling“). Zahlreiche Vertreter lassen sich in den folgenden Jahren ausmachen. Klopstock, Lavater oder auch Wieland tragen mit einer schwärmerischen Form zur Gedankenlyrik bei, wohingegen Liscow oder auch Lessing vor allem die Gedichtform des Epigramms für ihre gedankenlyrischen Werke nutzen.

Die Werke des späten Goethes sind ebenfall oftmals Gedankenlyrik, wie etwa „Parabolisch“, „Gott und Welt“ sowie „Epigrammatisch“ belegen. Ihre stärkste Ausprägung erfährt die Gedankenlyrik dann bei Friedrich Schiller, wie etwa die Gedichte „An die Freude“, „Worte des Glaubens“ und „Das Ideal und das Leben“ verdeutlichen. Meist wird die Spannung zwischen Sinnnlichem und Sittlichem dargestellt.

Über die Romantiker Novalis, Grillparzer oder Platen bahnt sich die Gedankenlyrik in die Moderne. Auch Nietzsche, Rilke, Morgenstern können genannt werden. Die Gegenwart bietet uns eine enorme Vielfalt von Lyrik, die vordergründig Gedankliches zeigt. Fraglich ist sogar, ob eine Unterscheidung heutzutage überhaupt sinnvoll ist, da erzählende Lyrik oder Lehrdichtung seltener geworden sind und ein Großteil der lyrischen Werke als Gedankenlyrik gelten muss.

Beispiele

Über den Ursprung des Übels, Albrecht von Haller (1734)

Hinweis: Der nachfolgende Text ist ein Auszug aus dem gesamten Werk, der die Gedankenlyrik deutlich macht und den Widerspruch zwischen dem Leid und einem gütigen Gott illustriert. Darüber hinaus wird deutlich, dass in der Aufklärung (Natur-)Beschreibungen in der Gedankenlyrik auflebten.


Auf jenen stillen Höhen,
Woraus ein milder Strom von steten Quellen rinnt,
Bewog mich einst ein sanfter Abend-Wind,
In einem Busche stillzustehen.
Zu meinen Füßen lag ein ausgedehntes Land,
Durch seine eigne Größ umgrenzet,
Worauf das Aug kein Ende fand,
Als wo Jurassus es mit blauen Schatten kränzet.
Die Hügel decken grüne Wälder,
Wodurch der falbe Schein der Felder
Mit angenehmem Glanze bricht;
Dort schlängelt sich durchs Land, in unterbrochnen Stellen,
Der reinen Aare wallend Licht;
Hier lieget Nüchtlands Haupt in Fried und Zuversicht
In seinen nie erstiegnen Wällen.
Soweit das Auge reicht, herrscht Ruh und Überfluß;
Selbst unterm braunen Stroh bemooster Bauren-Hütten
Wird Freiheit hier gelitten
Und nach der Müh Genuß.
Mit Schafen wimmelt dort die Erde,
Davon der bunte Schwarm in Eile frißt und bleckt,
Wann dort der Rinder schwere Herde
Sich auf den weichen Rasen streckt
Und den geblümten Klee im Kauen doppelt schmeckt;
Dort springt ein freies Pferd, mit Sorgen-losem Sinn,
Durch neu-bewachsne Felder hin,
Woran es oft gepflüget,
Und jener Wald, wen läßt er unvergnüget?
Wo dort im roten Glanz halbnackte Buchen glühn
Und hier der Tannen fettes Grün
Das bleiche Moos beschattet;
Wo mancher heller Strahl auf seine Dunkelheit
Ein zitternd Licht durch rege Stellen streut
Und in verschiedner Dichtigkeit
Sich grüne Nacht mit güldnem Tage gattet.
Wie angenehm ist doch der Büsche Stille,
Wie angenehm ihr Widerhall,
Wann sich ein Heer glückseliger Geschöpfe
In Ruh und unbesorgter Fülle,
Vereint in einen Freudenschall!
Und jenes Baches Fall,
Der schlängelnd durch den grünen Rasen
Die schwachen Wellen murmelnd treibt
Und plötzlich, aufgelöst in Schnee- und Perlen-Blasen,
Durch gähe Felsen rauschend stäubt!
Auf jenem Teiche schwimmt der Sonne funkelnd Bild
Gleich einem diamantnen Schild,
Da dort das Urbild selbst vor irdischem Gesichte
In einem Strahlen-Meer sein flammend Haupt versteckt
Und, unsichtbar vor vielem Lichte,
Mit seinem Glanz sich deckt.
Dort streckt das Wetterhorn den nie beflognen Gipfel
Durch einen dünnen Wolken-Kranz;
Bestrahlt mit rosenfarbem Glanz,
Beschämt sein graues Haupt, das Schnee und Purpur schmücken,
Gemeiner Berge blauen Rücken.
Ja, alles, was ich seh, des Himmels tiefe Höhen,
In deren lichtem Blau die Erde grundlos schwimmt;
Die in der Luft erhabnen weißen Seen,
Worauf durchsichtigs Gold und flüchtigs Silber glimmt;
Ja, alles, was ich seh, sind Gaben vom Geschicke!
Die Welt ist selbst gemacht zu ihrer Bürger Glücke,
Ein allgemeines Wohl beseelet die Natur,
Und alles trägt des höchsten Gutes Spur!

Ich sann in sanfter Ruh dem holden Vorwurf nach,
Bis daß die Dämmerung des Himmels Farben brach,
Die Ruh der Einsamkeit, die Mutter der Erfindung,
Hielt der Begriffe Reih in schließender Verbindung,
Und nach und nach verknüpft, kam mein verwirrter Sinn,
Uneinig mit sich selbst, zu diesen Worten hin:

Und dieses ist die Welt, worüber Weise klagen,
Die man zum Kerker macht, worin sich Toren plagen!
Wo mancher Mandeville des Guten Merkmal mißt,
Die Taten Bosheit würkt und Fühlen Leiden ist.
Wie wird mir? Mich durchläuft ein Ausguß kalter Schrecken,
Der Schauplatz unsrer Not beginnt sich aufzudecken,
Ich seh die innre Welt, sie ist der Hölle gleich:
Wo Qual und Laster herrscht, ist da wohl Gottes Reich?
Hier eilt ein schwach Geschlecht, mit immer vollem Herzen
Von eingebildter Ruh und allzu wahrem Schmerzen,
Wo nagende Begier und falsche Hoffnung wallt,
Zur ernsten Ewigkeit; im kurzen Aufenthalt
Des nimmer ruhigen und nie gefühlten Lebens
Schnappt ihr betrogner Geist nach echtem Gut vergebens.
So wie ein fetter Dunst, der aus dem Sumpfe steigt,
Dem irren Wandersmann sich zum Verführen zeigt:
So lockt ein flüchtig Wohl, das Wahn und Sehnsucht färben,
Von Weh zu größerm Weh, vom Kummer zum Verderben.
Nie mit sich selbst vergnügt sucht jeder außenher
Die Ruh, die niemand ihm verschaffen kann als er;
Getrieben vom Gespenst stets hungriger Begierden
Sucht er in Arbeit Ruh und Leichterung in Bürden;
Umsonst hält die Vernunft das schwache Steuer an,
Der Lüste wilde See spielt mit dem leichten Kahn,
Bis der auf seichtem Sand und jener an den Klippen
Ein untreu Ufer deckt mit trocknenden Gerippen.
Wer ists, der einen Tag von Tausenden erlebt,
Den nicht in seine Brust die Reu mit Feuer gräbt?
Wo ist in seltnem Stern ein Seliger geboren,
Bei dem der Schmerz sein Recht auf einen Tag verloren?
Was hilfts, daß Gott die Welt aufs angenehmste schmückt,
Wann ein verdeckter Feind uns den Genuß entrückt?
Aus unserm Herzen fließt des Unmuts bittre Quelle;
Ein unzufriedner Sinn führt bei sich seine Hölle.
Noch selig, wäre noch der Tage kurze Zahl
Für uns zugleich das Maß des Lebens und der Qual!
Ach, Gott und die Vernunft gibt Gründe größrer Schrecken,
Vor jenem Leben kann kein Grabstein uns bedecken.
Nachdem der matte Geist die Jahre seiner Acht,
Verbannt in einen Leib, mit Elend zugebracht,
Schlägt über ihm die Not mit voller Wut zusammen,
Verzweiflung brennt in ihm mit nie geschwächten Flammen,
Und die Unsterblichkeit, das Vorrecht seiner Art,
Wird ihm zum Henker-Trank, der ihn zur Marter spart;
Im Haß mit seinem Gott, mit sich selbst ohne Frieden,
Von allem, was er liebt, auf immer abgeschieden,
Gepreßt von naher Qual, geschreckt von ferner Not,
Verflucht er ewig sich und hoffet keinen Tod.

Elende Sterbliche! zur Pein erschaffne Wesen!
O daß Gott aus dem Nichts zum Sein euch auserlesen!
O daß der wüste Stoff einsamer Ewigkeit
Noch läg im öden Schlund der alten Dunkelheit!
Erbarmens-voller Gott! in einer dunkeln Stille
Regiert der Welten Kreis dein unerforschter Wille,
Dein Ratschluß ist zu hoch, sein Siegel ist zu fest,
Er liegt verwahrt in dir, wer hat ihn aufgelöst?
Dies weiß ich nur von dir, dein Wesen selbst ist Güte,
Von Gnad und Langmut wallt dein liebendes Gemüte;
Du Sonne wirfest ja, mit gleichem Vater-Sinn,
Den holden Lebens-Strahl auf alle Wesen hin!
O Vater! Rach und Haß sind fern von deinem Herzen,
Du hast nicht Lust an Qual, noch Freud an unsern Schmerzen,
Du schufest nicht aus Zorn, die Güte war der Grund,
Weswegen eine Welt vor nichts den Vorzug fund!
Du warest nicht allein, dem du Vergnügen gönntest,
Du hießest Wesen sein, die du beglücken könntest,
Und deine Seligkeit, die aus dir selber fließt,
Schien dir noch seliger, sobald sie sich ergießt.
Wie daß, o Heiliger! du dann die Welt erwählet,
Die ewig sündiget und ewig wird gequälet?
War kein vollkommner Riß im göttlichen Begriff,
Dem der Geschöpfe Glück nicht auch entgegenlief?

Doch wo gerat ich hin? wo werd ich hingerissen?
Gott fodert ja von uns zu tun und nicht zu wissen!
Sein Will ist uns bekannt, er heißt die Laster fliehn
Und nicht, warum sie sind, vergebens sich bemühn.
Indessen, wann ein Geist, der Gottes Wesen schändet,
Die Einfalt, die ihm traut, mit falschem Licht verblendet
Und aus der Oberhand des Lasters und der Pein
Lehrt schließen, wie die Welt, so muß der Schöpfer sein,
Soll Manes im Triumph Gott und die Wahrheit führen?
Soll Gott verleumdet sein und uns kein Eifer rühren?
Ist stummer Glauben gnug, wann Irrtum kämpft mit Witz,
Und ihm zu widerstehn erwarten wir den Blitz?
Nein, also hat sich noch die Wahrheit nicht verdunkelt,
Daß nicht ihr reiner Strahl durch Dampf und Nebel funkelt;
So schwach ihr Glanz auch ist, kein Irrwisch bleibt vor ihr,
Ihr Stammeln hat mehr Kraft als aller Lügen Zier.

O daß die Wahrheit selbst von ihrem Licht mir schenkte!
Daß dieses Himmels-Kind den Kiel mir selber lenkte!
Daß ihr sieghafter Schall, der durch die Herzen dringt,
Beseelte, was mein Mund ihr jetzt zu Ehren singt!

Irdisches Vergnügen in Gott, Die Heide, Barthold Heinrich Brockes
Es zeigt so gar die dürre Heide,
Zu unsrer nicht geringen Freude,
Wenn man sie recht genau betracht,
Des großen Schöpfers Wunder-Macht.
Wenn wir die obenhin besehn,
So scheint sie traurig, schwarz, verdorrt und schlecht:
Allein betrachtet man sie recht;
So ist auch sie nicht minder schön,
Und sieht man wunderbar in ihr
Der Farben Pracht, der Bildung Zier
Fast unverbesserlich verbunden.
Ich habe dieses wahr befunden.
Denn als ich jüngst mich etwas zu vertreten,
Mich auf das Feld begab; befand ich alsobald,
Daß in des Heide-Krauts so zierlicher Gestalt,
Nicht weniger als sonst, der Schöpfer anzubeten.
Ich setzte mich, und rupfte manchen Strauß,
Sie besser zu besehen, aus.
Mein Gott! wie viel, wie mancherley
Verändrung, Schmuck und Zierlichkeiten
Fand ich in diesem Kraut, das doch von weiten
Nicht anders lässt, als obs nur braun gefärbet sey.
Ich ward zugleich, wie schön, wie wunderbar.
Wie mannigfaltig die Bildung sey, gewahr.
Die größten Bäume trifft man hier
In solcher Schön- und netten Kleinheit an,
Daß man der Stämme Zweig‘ und Blätter holde Zier
Nicht gnug besehn, nicht gnug bewundern kann.
Ich fand daß ob sie gleich sehr klein,
Die Stämme wahres Holz, wie große Stämme, seyn.
Es hat die Festigkeit, es brennet, eine Rinde
Umgiebt sie, ja ich finde
Dieselbe recht mit Moß, gleich den bejahrten Eichen,
Umgeben und geziert. Die Blümchen, die so schön,
Auf jedem kleinem Zweig‘, als Apfel-Blüthe, stehn,
Sieht man der Bienen Heer die süße Nahrung reichen.
Betrachte denn forthin, geliebter Mensch, die Heide
Nicht sonder Gottes Lob, nicht sonder Freude!
Der Frühling, Ewald Christian von Kleist (1749)
Empfangt mich heilige Schatten! ihr Wohnungen süsser Entzückung
Ihr hohen Gewölbe voll Laub und dunkler schlafender Lüfte!
Die ihr oft einsahmen Dichtern der Zukunft Fürhang zerrissen
Oft ihnen des heitern Olymps azurne Thoren eröfnet
Und Helden und Götter gezeigt; Empfangt mich füllet die Seele
Mit holder Wehmuth und Ruh! O daß mein Lebensbach endlich
Von Klippen da er entsprang in euren Gründen verflösse!
Führt mich in Gängen voll Nacht zum glänzenden Throne der Tugend
Der um sich die Schatten erhellt. Lehrt mich den Wiederhall reitzen
Zum Ruhm der verjüngten Natur. Und ihr, ihr lachenden Wiesen!
Ihr Labyrinthe der Bäche, bethaute Thäler voll Rosen!
Ich will die Wollust in mich mit eurem Balsamhauch ziehen
Und wenn Aurora euch weckt mit ihren Stralen sie trinken.
Gestreckt im Schatten will ich in güldne Sayten die Freude
Die in euch wohnet besingen. Reitzt und begeistert die Sinnen
Daß meine Thöne die Gegend wie Zefirs Lispeln erfüllen
Der jetzt durchs Veilchen-Thal fleucht, und wie die rieselnden Bäche.
Auf rosenfarbnem Gewölk bekränzt mit Tulpen und Lilien
Sank jüngst der Frühling vom Himmel. Aus seinen Busen ergoß sich
Die Milch der Erden in Ströhmen. Schnell glitt von murmelnden Klippen
Der Schnee in Bergen herab; Des Winters Gräber die Flüsse,
Worin Felshügel von Eis mit hohlem Getöse sich stiessen,
Empfingen ihn, blähten sich auf voll ungeduldiger Hoffnung
Durchrissen nagend die Dämme, verschlangen frässig das Ufer
Wald, Feld und Wiese ward Meer. Kaum sahn die Wipfel der Weiden
Im Thal draus wankend herfür. Gefleckte Täucher und Enten
Verschwanden, schossen herauf, und irrten zwischen den Zweigen
Wo sonst für Schmerzen der Liebe im Laub die Nachtigall seufzte.
Der Hirsch von Wellen verfolgt streift auf unwirthbare Felsen
Die traurig die Fluth übersahn. Ergriffene Bären durchstürzten
Das anfangs seichte Gewässer voll Wuth, sie schüttelten brummend
Die um sich giessenden Zoten. Bald sank der treulose Boden
Sie schnoben, schwammen zum Wald, umschlangen Tannen und Eichen
Und huben sich träufelnd empor. Hier hingen sie ängstlich im Wipfel
Von reissenden Winden, vom Heulen der Flüsse-speyenden Klippen
Und untern Tiefe gescheucht. Der Büsche versamlete Sänger
Betrachteten traurig und stumm von dürren Armen der Linden
Das vormals glückliche Thal, wo sie den flehenden Jungen
Im Dornstrauch Speise vertheilt. Die angekommene Lerche
Sich aufwerts schwingend, beschaute die Wasserwüste von oben
Und suchte verlassne Gefilde. Es flossen Schäuren und Wände
Und Dächer und Hütten herum. Aus Giebeln und gleitenden Kähnen
Versah der trostlose Hirt sich einer Sündfluth, die vormals
Die Welt umrollte, daß Gemsen in schlagenden Wogen versanken.

Der Boden trank endlich die Fluth. Von eilenden Dünsten und Wolken
Flohn junge Schatten umher. Den blauen Umfang des Himmels
Durchbrach ein blitzendes Gold. Zwar streute der weichende Winter
Noch oft bey nächtlicher Umkehr von den geschüttelten Schwingen
Reif, Eis und Schaure von Schnee; Noch liessen wütrische Stürme
Die rauhe dumpfigte Stimm aus Islands Gegend erthönen
Durchstreiften klagende Klüfte, verheerten taumelnde Wälder
Und bliesen Schrecken herum, und Überschwemmung von Kälte;
Bald aber siegte der vor noch ungesicherte Frühling.
Die Luft ward sänfter; Ein Teppich geschmückt mit Ranken und Laubwerk,
Von Büschen, Blumen und Klee, wallt auf Gefilden und Auen,
Die Schatten wurden belaubt, ein sanft Gethöne erwachte,
Und floh und wirbelt umher im Hayn voll grünlicher Dämmrung
Die Bäche färbten sich silbern, im Luftraum flossen Gerüche
Und Echo höret‘ im Grunde die frühe Flöte des Hirten.

Ihr! deren zweifelhaft Leben gleich trüben Tagen des Winters
Ohn Licht und Freude verfliesst, die ihr in Höhlen des Elends
Die finstere Stunden verseufzt, betrachtet die Jugend des Jahres!
Dreht jetzt die Augen umher, lasst tausend farbigte Scenen
Die schwarzen Bilder verfärben! Es mag die niedrige Ruhmsucht
Die schwache Rachgier, der Geiz und seufzender Blutdurst sich härmen
Ihr seyd zur Freude geschaffen, der Schmerz schimpft Tugend und Unschuld.
Saugt Lust und Anmuth in euch! schaut her! sie gleitet im Luft-Kreis
Und grünt und rieselt im Thal. Und ihr, ihr Bilder des Frühlings
Ihr blühenden Schönen! flieht jetzt den athemraubenden Aushauch
Von güldnen Kerkern der Städte. Komt! komt! in winkende Felder
Komt! überlasset dem Zefir zum Spiel die Wellen der Locken,
Seht euch in Seen und Bächen gleich jungen Blumen des Ufers
Pflückt Morgentulpen voll Thau, und ziert den wallenden Busen.

Hier wo zur Linken der Fels mit Strauch und Tannen bewachsen
Zur helfte den bläulichen Strohm, sich drüber neigend, beschattet,
Will ich ins grüne mich setzen an weinende steinichte Höhen
Und Thal und Ebne beschauen. O welch ein frohes Gewühle
Belebt das streifichte Land! wie lieblich lächelt die Anmuth
Aus Wald und Büschen herfür! Ein Zaun von blühenden Dornen
Umschliesst und röthet ringsum die sich verlierende Weite
Vom niedrigen Himmel gedrückt. Von bunten Moonblumen laufen
Mit grünen Weitzen versetzt, sich schmälernde Beeten ins ferne
Durchkreutzt von blühenden Flachs. Feldrosen-Hecken und Schleestrauch
In Blüthen gleichsam gehüllt, umkränzen die Spiegel der Teiche
Und sehn sich drinnen. Zur Seiten blitzt aus dem grünlichen Meere
Ein Meer voll güldener Strahlen, durch Phöbus glänzenden Anblick,
Es schimmert sein gelbes Gestade von Muscheln und farbigten Steinen
Und Lieb und Freude durchtaumelt in kleiner Fische Geschwadern
Und in den Riesen des Wassers die unabsehbare Fläche.

Auf fernen Wiesen am See stehn majestätische Rösse,
Sie werfen den Nacken empor und fliehn und wiehern für Wollust
Daß Hayn und Felsen erschallt. Gefleckte Kühe durchwaten,
Geführt vom ernsthaften Stier, des Meyerhofs büschichte Sümpfe
Der finstre Linden durchsieht. Ein Gang von Espen und Ulmen
Führt zu ihm, durch welchen ein Bach sich zeigt, in Binsen sich windend,
Von hellen Schwänen bewohnt. Gebürge die Brüste der Reben
Stehn frölich um ihn herum; Sie ragen über den Buchwald
Des Hügels Krone, davon ein Theil im Sonnenschein lächelt
Und glänzt, der andere traurt im Flor vom Schatten der Wolken.
Die Lerche steigt in die Luft, sieht unter sich Klippen und Thäler;
Entzückung thönet aus ihr. Der Klang des wirbelnden Liedes
Ergötzt den ackernden Landmann. Er horcht eine Weile; Denn lehnt er
Sich auf den gleitenden Pflug, zieht braune Wellen im Erdreich
Verfolgt von Krähen und Elstern. Der Säemann schreitet gemessen,
Giesst güldne Tropfen ihm nach; Die zackichte Egde bewälzt sie
Mit einer ebenen Decke. O daß der mühsame Landwirth
Für sich den Seegen nur streute! daß ihn die Weinstöcke tränkten
Und in den Wiesen für ihn nur bunte Wogen sich wälzten!
Allein der frässige Krieg von zähnebleckenden Hunger
Und wilden Schaaren begleitet, verheeret oft Arbeit und Hoffnung;
Gleich Hagelgüssen und Sturm zerbricht er nährende Halmen
Reisst Stab und Reben zu Boden, entzündet Dörfer und Wälder
Für sich zum flammenden Lustspiel. Denn fliegt ein mördrisch Gethöne
Und Tod und Jammer herum. Die Thäler blitzen von Waffen,
Es wälzen sich Wolken voll Feur aus tiefen Schlünden der Stücke
Und füllen die Gegend mit Donner, mit Gluth und Saaten von Leichen.
Das Feld voll blutiger Furchen gleicht einen wallenden Blutmeer;
Ein Heer der furchtbarsten Thiere durch laufende Flammen geängstigt
Stürzt sich mit hohlen Gebrüll in Uferfliehende Ströhme.
Der Wiederhall selber erschrickt und klagt; Es zittern für Grauen
Die wilden Felsen und heulen. Des Himmels leuchtendes Auge
Schliesst sich die Grausamkeit scheuend; Mit blauer Finsterniß füllen
Sich aufwerts drehende Dämpfe gleich dickem Nebel den Luftkreis
Der oft vom Wiederschein blitzt. Wie, wann der Rachen des Etna
Mit ängstlich wildem Geschrey, daß Meer und Klippen es hören,
Umlegne Dörfer und Städte, vom untern Donner zerrüttet,
Mit Schrecken und Tod überspeyt und einer flammenden Sündfluth.

Ihr! denen zwanglose Völker das Steur der Herrschaft vertrauen
Führt ihr durch Flammen und Blut sie zur Glückseligkeit Hafen?
Was wünscht ihr Väter der Menschen noch mehrere Kinder! Ists wenig
Viel Millionen beglücken? Erforderts wenige Mühe?
O mehrt derjenigen Heil die eure Fittige suchen!
Deckt sie gleich brütenden Adlern; Verwandelt die Schwerdter in Sicheln,
Belohnt mit Ehren und Gunst die, deren nächtliche Lampe
Den ganzen Erdball erleuchtet; Setzt Gärtner zur Baumschul der Menschen
Lasst güldne Wogen im Meer, fürs Land, durch Schiffarth sich thürmen,
Erhebt die Weisheit im Kittel, und trocknet die Zähren der Tugend.

Wohin verführt mich der Schmerz; Weicht, weicht, ihr traurigen Bilder,
Kom Muse! laß uns die Wohnung und häusliche Wirthschaft des Landmanns
Und Viehzucht und Gärte betrachten. Hier steigt kein Marmor aus Bergen
Und zeuget Kämpfer, kein Taxus spitzt sich vor Schlössern, kein Wasser
Folgt hier dem Zuruf der Kunst. Verschränkte wölkichte Wipfel
Von hohen Linden, beschatten ein Haus von Reben umkrochen
Durch Dorn und Hecken bevestigt. Ein Teich glänzt mitten in Hofe
Mit grünem Flos-Kraut bestreut, wodurch aus scheinbarer Tiefe
Des Himmels Ebenbild blinkt. Er wimmelt von zahmen Bewohnern.
Die Henne jammert ums Ufer, und ruft die gleitenden Entchen
Die sie gebrütet; Sie fliehn der Stiefmutter Stimme, durchplätschern
Die Fluth, und nagen am Schilff. Mit vorgebogenen Hälsen und zischernd, treiben die Gänse fern von der Lustbahn der Jungen
Den schwimmenden Schießhund. Denn spielen die haarigten Kinder, sie tauchen
Den Kopf ins Wasser und schnattern, sie hängen im Gleichgewicht abwerts
Und zeigen die rudernden Füsse. Hier lockt das Mägdchen die Hüner
Zum Hüner-Korbe, sie eilen, durchschlupfen die Sprossen des Tischsaals
Und fordern Nahrung. Die Wirthin sich drüber neigend, begiesst sie
Mit einem Regen von Korn, und sieht sie picken und zanken.
Dort lauscht das weisse Kaninchen in dunkler Höhle; Es drehet
Die rothen Augen herum, springt endlich furchtsahm zum Zaune
Und reisst an staudichten Pappeln. Aus seines Wohnhauses Fenster
Sieht sich das Lachtäubchen um, kratzt den roth-silbernen Nacken
Und fliegt zum Liebling aufs Dach. Er zürnt ob dessen Verweilen
Und dreht sich um sich und schilt; Bald rührt ihn das Schmeicheln der Schönen
Viel Küsse werden verschwendet, bis sie mit schnellen Gefieder
Die Luft durchlispeln, und aufwerts sich zu Gespielen gesellen
Die blitzend im Sonnenglanz schwärmen. Von blühenden Fruchtbäumen schimmert
Der Garten, die kreutzende Gänge mit rother Dunkelheit füllen
Und Zefir gaukelt umher, treibt Wolken von Blüthen zur Höhe
Die sich ergiessen und regnen. Zwar hat hier Wollust und Hochmuth
Nicht Nahrung von Mohren entlehnt und sie gepflanzet; Nicht Myrthen
Nicht Aloen blicken durch Fenster. Das nutzbare Schöne vergnüget
Den Landmann, und etwan ein Kranz. Durch lange Gewölbe von Nuß-Strauch
Zeigt sich voll laufender Wolken der Himmel und ferne Gefilde
Voll Seen und büschichter Thäler umringt mit blauen Gebürgen.
Das Auge durchirret den Auftrit bis ihn ein näherer schliesset.
Die Fürstin der Blumen die Lilie erhebt die Krone zur Seiten
Hoch über streifichte Tulpen. Seht! wie die Kinder des Frühlings
Liebkosend winken; Wie glänzt der Grund von lebenden Stoffen!
Die holde Mayblume drengt die Silberglöckchen durch Blätter
Und manche Rose durchbricht schon ungeduldig die Knospe.
Es steigt unsehbarer Regen von lieblichen Düften zur Höhe
Und füllt die Lüfte mit Balsam. Die Nacht-Viole lässt immer
Die stölzere Blumen den Duft verhauchen; Voll Edelmuth schliesst sie
Ihn ein, im Vorsatz den Abend noch über den Tag zu verschönern.
Ein Bildniß grosser Gemüther, die nicht gleich prahlrischen Kämpfern
Der Kreis von Zuschauern reitzt, die tugendhaft wegen der Tugend
In der Verborgenheit Schatten Gerüche der Wohlthaten streuen.
Seht hin! wie brüstet der Pfau sich dort am farbigten Beete
Voll Eifersucht über die Kleidung der frölichen Blumen stolzirt er,
Kreist rauschend den grünlichen Schweif voll Regenbögen, und wendet
Den farbenwechselnden Hals. Die Schmetterlinge sich jagend
Umwälzen sich über den Bäumen mit bunten Flügeln; voll Liebe
Und unentschlossen im wählen beschauen sie Knospen und Blüte.
Indessen impfet der Herr des Gartens Zweige von Kirschen
Durchsägten Schleestämmen ein, die künftig über die Kinder
Die sie gesäuget erstaunen. Das Bild der Anmuth die Hausfrau
Sitzt in der Laube von Reben, pflanzt Stauden und Blumen auf Leinwand,
Die Freude lächelt aus ihr. Ein Kind der Gratien Liebling
Stört sie durch Plappern, am Hals mit zarten Armen ihr hangend,
Ein andres tändelt in Klee, sinnt nach, und stammlet Gedanken.

O dreymal seliges Volk das ohne Stürme des Unglücks
Das Meer des Lebens durchschifft, dem einsahm in Gründen die Tage
Wie sanfte Weste verpfliegen! Laß andre, dem wimmelnden Pöbel
Der Bäum und Dächer ersteigt zur Schau, in Siegswägen gleissen
Von Elephanten gezogen; Laß sie der Wellen Gebürge
Mit Wolken von Seegeln bedecken, und Japan in Westen versetzen,
Der ist ein Günstling des Himmels, den, fern von Foltern der Laster
Die Ruh an Quellen umschlingt. Auf ihn blickt immer die Sonne
Von oben lieblich herab, ihm braust kein Unglück in Wogen
Er seufzt nicht thörichte Wünsche, ihn macht die Höhe nicht schwindelnd,
Die Arbeit würzt ihm die Kost, sein Blut ist leicht wie der Ether
Sein Schlaf verfliegt mit der Dämmrung, ein Morgenlüftchen verweht ihn.

Ach! wär auch mir es vergönnt in euch, ihr holden Gefilde
Bestürmter Tugenden Häfen! ihr stillen Häuser des Friedens!
Gestreckt in wankende Schatten am Ufer schwatzhafter Bäche
Hinfort mir selber zu leben, und Leid und niedrige Sorgen
Vorüberrauschender Luft einst zuzustreuen! Ach möchte
Doch Doris die Thränen in euch von diesen Wangen verwischen
Und bald Gespräche mit Freunden in euch mein Leiden versüssen,
Bald redende Todte mich lehren, bald tiefe Bäche der Weisheit
Des Geistes Wissensdurst stillen! Denn gönnt ich Berge von Demant
Und goldne Klüfte dem Mogol, denn möchten kriegrische Zwerge
Fels-hohe Bilder sich hauen, die steinerne Ströhme vergössen,
Ich würde sie nimmer beneiden. Du Meer der Liebe, o Himmel!
Du ewger Brunnen des Heils! soll nie dein Ausfluß mich tränken?
Soll meine Blume des Lebens erstickt von Unkraut verblühen?
Nein, du beseligst dein Werk. Es lispelt ruhige Hoffnung
Mir Trost und Labsal zum Herzen; Die Dämmrung flieht vor Auroren,
Die finstre Decke der Zukunft wird aufgezogen, ich sehe
Ganz andre Scenen der Dinge und unbekannte Gefilde.
Ich sehe dich himmlische Doris! du komst aus Rosengebüschen
In meine Schatten, voll Glanz und majestätischem Liebreitz;
So trit die Tugend einher, so ist die Anmuth gestaltet.
Du singst zur Cyther und Phöbus bricht schnell durch dicke Gewölke
Die Stürme schweigen; Olymp merkt auf; Das Bildniß der Lieder
Thönt sanft in fernen Gebürgen, und Zefir weht mirs herüber.
Und du mein redlicher Gleim du steigst vom Gipfel des Hömus
Und rührst die Tejischen Sayten voll Lust. Die Thore des Himmels
Gehn auf, es lassen sich Cypris und Huldgöttinnen und Amor
Voll Glanz auf funkelnden Wolken in blauen Lüften hernieder,
Und singen lieblich darein. Der Sternen weites Gewölbe
Erschallt vom frohen Concert. Kom bald in meine Reviere
Kom! bring die Freude zu mir, beblüme Triften und Anger
O Paar! Zweck meiner Begierden, du milde Gabe der Gottheit.
Doch wie, erwach ich vom Schlaf? wo sind die himmlischen Bilder?
Welch ein anmuthiger Traum betrog die wachenden Sinnen?
Er flieht von dannen, ich seufze. Zuviel, zuviel vom Verhängniß
Im Durchgang des Lebens gefodert! Solch Heil gewährt nur die Hoffnung
Sein Schatten macht schon beglückt, selbst wird michs nimmer erfreuen.

Allein was quält mich die Zukunft; Weg ihr vergeblichen Sorgen,
Laß mich der Wollust geniessen die jetzt der Himmel mir gönnet,
Laß mich das fröliche Landvolk in dicke Haynen verfolgen
Und mit der Nachtigall singen, und mich beym seufzenden Giesbach
An Zefirs Thönen ergötzen. Ihr dichten Lauben, von Händen
Der Mutter der Dinge geflochten! ihr dunkeln einsahmen Gänge
Die ihr das Denken erhellt, Irrgärten voller Entzückung
Und Freude, seyd mir gegrüsst! Was für ein angenehm Leiden
Und Ruh und sanftes Gefühl durchdringet in euch die Seele!
Durchs hohe Laubdach der Schatten das streichende Lüfte bewegen,
Worunter ein sichtbares Kühl in grünen Wogen sich wälzet,
Blickt hin und wieder die Sonne, und übergüldet die Blätter,
Die holde Dämmrung durchgleiten Gerüche von Blüthen der Hecken
Die Flügel der Westwinde duften. In überirrdischer Höhle
Von krausen Sträuchen gezeugt, sitzt zwischen Blumen der Geißhirt
Bläst auf der hellen Schalmey, hält ein, und höret die Lieder
Hier laut in Buchen erthönen, dort schwach, und endlich verlohren,
Bläst, und hält wiederum ein. Tief unter ihn klettern die Ziegen
Am jähen Absturz der Kluft, sie reissen an bittern Gestäude,
Theils irren sie oben im Klee des Thals; Ihr bärtiger Ehmann
Ersteigt die über den Teich sich neigende Weide, beraubt sie
Der bläulichen Blätter und schaut von oben ernsthaft herunter.
Mit leichten Läuften streicht jetzt ein Heer gefleckter Hindinnen
Und Hirsche mit Ästen gekrönt durch grüne rauschende Büsche
Setzt über Klüfte, Gewässer und Rohr. Moräste vermissen
Die Spur der fliegenden Last. Gereitzt vom Frühling zur Liebe
Durchstreichen muthige Rösse den Wald mit flatternden Mähnen,
Der Boden zittert und thönt, es strotzen die Zweige der Adern,
Ihr Schweif empört sich verwildert, sie schnauben Wollust und Hitze
Und brechen, vom Ufer sich stürzend, die Fluth der Ströme zur Kühlung.
Dann setzen sie über das Thal auf hohe Felsen und schauen
Fern über den niedrigen Hayn aufs Feld durch seegelnde Dünste
Und wiehern aus Wolken herab. Jetzt eilen Stiere vorüber,
Aus ihrer Nasen raucht Brunst, sie spalten mit Hörnern das Erdreich
Und toben im Nebel von Staub. Verschiedne taumeln in Höhlen
Und brüllen dumpficht heraus, verschiedne stürzen von Klippen.
Aus ausgehöltem Gebürge fällt dort mit wilden Getümmel
Ein Fluß ins büschichte Thal reisst mit sich Stücke von Felsen
Durchrauscht entblössete Wurzeln der untergrabenen Bäume
Die über fliessende Hügel von Schaum sich bücken und wanken;
Des Waldes Laubgrotten thönen umher, und klagen darüber.
Es stutzt ob solchem Getöse das Wild und eilet von dannen,
Sich nahende Vögel verlassen, im Singen gehindert, die Gegend
Und suchen ruhige Stellen, wo sie den Gatten die Fühlung
Verliebter Schmerzen entdecken in pyramidnem Gesträuche
Und streiten gegen einander mit Liedern von Zweigen der Buchen.
Dort will ich lauschen und sie sich freun und liebkosen hören.
Fließ sanft o gläsernes Flüßchen! still! ächzende Zefirs im Laube
Schwächt nicht ihr buhlrisches Flistern. Schlagt laut Bewohner der Wipfel
Schlagt, lehrt mich euren Gesang! Sie schlagen; Symphonische Thöne
Durchfliehn von Eichen und Dorn des weiten Schattensaals Kammern
Die ganze Gegend wird Schall. Der Fink, der röthliche Hänfling
Pfeift hell aus Buchen. Ein Heer von tulpenfarbgen Stieglitzen
Hüpft hin und wieder auf Strauch, beschaut die blühende Distel,
Ihr Lied hüpft frölich wie sie. Der Zeisig klaget der Schönen
Sein Leiden aus Zellen vom Laub. Vom Ulmbaum flötet die Amsel
In hohlen Thönen den Baß. Nur die geflügelte Stimme
Die kleine Nachtigall weicht aus Ruhmsucht in einsahme Gründe
Durch dicke Wipfel umwölbt, der Traurigkeit ewige Wohnung,
(Worinn aus Lüften und Feld der Nacht verbreitete Schatten
Sich scheinen verenget zu haben, als sie Auroren entwichen)
Und macht die schreckbare Wüste zum Luftgefilde des Waldes.
Dort tränkt ein finsterer Teich ringsum sich Weidengebüsche
Auf Ästen wiegt sie sich da, lockt laut und schmettert und wirbelt
Daß Grund und Einöde klingt. So rasen Chöre von Sayten.
Jetzt girrt sie sänfter, und läuft durch tausend zärtliche Thöne
Jetzt schlägt sie wieder mit Macht. Oft wenn ihr Liebling durch Vorwitz
Sich in belaubten Gebaur des grausamen Voglers gefangen
Der fern im Lindenbusch laurt; Denn ruhn der Lustlieder Fugen
Denn fliegt sie ängstlich umher, ruft ihrer Wonne des Lebens
Durch Klüfte, Felsen und Wald, seufzt unaufhörlich und jammert
Bis sie für Wehmuth zuletzt halbtodt zum Hecken herabfällt
Worauf sie gleitet und wankt mit niedersinkenden Haupte.
Da klaget um sie der Schatten des todten Lieblings, da dünkt ihr
Ihn wund und blutig zu sehn. Bald thönt ihr Jammerlied wieder
Sie setzt es Nächte lang fort und scheint bey jeglichen Seufzer
Aus sich ihr Leben zu seufzen. Die nahen sträuchichten Hügel
Hierdurch zum Mitleid bewogen, erheben ein zärtlich Gewinsel.

Allein was kollert und girrt mir hier zur Seiten vom Eichstamm
Der halb vermodert und zweiglos von keinem Geflügel bewohnt wird?
Teuscht mich der Einbildung Spiel? Sieh! plötzlich flattert ein Täubchen
Aus einen Astloch empor mit wandelbaren Gefieder,
Dieß zeugte den dumpfichten Schall im Bauch der Eichen. Es gleitet
Mit ausgespreiteten Flügeln ins Thal, sucht nickend im Schatten
Und schaut sich vorsichtig um mit dürren Reisern im Munde.
Wer lehrt die Bürger der Zweige voll Kunst sich Nester zu wölben
Und sie für Vorwitz und Raub, voll süssen Kummers, zu sichern?
Welch ein verborgener Hauch füllt ihre Herzen mit Liebe?
Durch dich ist alles was gut ist, unendlich wunderbar Wesen
Beherscher und Vater der Welt! Du bist so herrlich im Vogel
Der niedrig in Dornstauden hüpft, als in der Veste des Himmels,
In einer kriechenden Raupe, wie in dem flammenden Cherub.
See sonder Ufer und Grund! aus dir quillt alles, du selber
Hast keinen Zufluß in dich. Die Feuermeere der Sternen
Sind Wiederscheine von Tropfen des Lichts in welchem du leuchtest.
Dein Wagen sind gleitende Wolken, dein Herold geflügelte Winde
Sie eilen und melden dich an in Thönen voll heiligen Grauens.
Aurora dient dir zum Stuhl. Die Himmel unzehlbarer Sphären
Mit güldnem Schimmer durchbrochen, sind deiner Sääle Tapeten.
Du drohst den Stürmen, sie schweigen, berührst die Berge, sie rauchen,
Das Heulen aufrührischer Meere die zwischen wässernen Felsen
Den Sand des Grundes entblössen, ist deiner Herrlichkeit Loblied.
Der Donner mit Flammen beflügelt verkündigt mit brüllender Stimme
Die hohen Thaten von dir. Für Ehrfurcht zittern die Hayne
Und wiederhallen dein Lob. Heerscharen funkelnder Wächter
Der blauen Lüfte, verbreiten in tausend harmonischen Thönen
Die Grösse deiner Gewalt und Huld von Pole zu Pole.
Doch wer berechnet die Menge von deinen Wundern! wer schwingt sich
Durch deine Tiefe o Schöpfer! Vertraut euch Flügeln der Winde
Ruht auf den Pfeilen des Blitzes, durchstreicht den Glanzvollen Abgrund
Der Gottheit, ihr endlichen Geister! durch tausend Alter des Weltbaus,
Ihr werdet dennoch zuletzt kein Pünktchen näher dem Grunde
Als bey dem Ausfluge seyn. Verstummt denn bebende Sayten!
So preist ihr würdger den HERRN.

Ein Fluß von lieblichem Duft den Zefir mit säuselnden Schwingen
Von nahgelegener Wiese herbeyweht, nöthigt mich zu ihr.
Da will ich an schwirrendem Rohr in ihrer Blumenschooß ruhend
Mit starken Zügen ihn einziehn. Kom zu mir Liebling Minervens
Mein treuster – – – – durch den jüngsthin der Winter mir grünte
Von dessen Lippen die Freude zu meinem Busen herabströhmt,
Kom! leg dich zu mir und mach die Gegend zur himmlischen Wohnung.
Laß uns der Kinder der Flora Gestalt und Liebe bewundern
Und spotten mit ihnen geschmückt des hohen Pöbels im Purpur.
Besing die Schönheit der Tugend; Laß deines Mundes Gespräche
Mir süsser als Rosenduft seyn. Hier ist der Gratien Lustplatz
Kunstlose Gärte durchirrt hier die Ruh, hier rieselt Entzückung
Mit hellen Bächen heran. Den grünen Kleeboden schmücken
Zerstreute Wälder von Blumen. Ein Meer von holden Gerüchen
Wallt unsichtbar über der Flur in grossen taumelnden Wogen
Von lauen Winden durch wühlt. Es ist durch tausend Bewohner
Die bunte Gegend belebt. Hochbeinigt watet im Wasser
Dort zwischen Kräutern der Storch, und blickt begierig nach Nahrung,
Dort gaukelt der Kiwitz und schreyt ums Haupt des müssigen Knaben
Der seinem Neste sich naht. Jetzt trabt er vor ihm zum Ufer
Als hätt er das Fliegen vergessen, reitzt ihn durch Hinken zur Folge
Und lockt ihn endlich ins Feld. Unzehlbare schimmernde Würmchen
Umflattern freudig den Schilf, theils laufen sie unten im Grase
Durch Labyrinthe von Blumen in rothen und güldenen Schatten
Und glauben im Haynen zu irren. Zerstreute Heere von Bienen
Durchsäuseln die Lüfte, sie fallen auf Klee und blühende Stauden
Und hängen glänzend daran wie Thau vom Mondschein vergüldet;
Denn eilen sie wieder zur Stadt die ihnen im Winkel des Angers
Der Landmann aus Körben erbaut. Rechtschaffner Weltweisen Bildniss
Die sich der Heymath entziehn, der Menschheit Gefilde durchsuchen,
Und denn heimkehren zur Zelle mit süsser Beute beladen
Und liefern uns Honig der Weisheit. Ein See voll fliehender Wellen
Rauscht in der Mitte der Au, draus steigt ein Eiland zur Höhe
Mit Bäumen und Hecken gekrönt, das wie vom Boden entrissen
Scheint gegen die Fluthen zu schwimmen. In einer holden Verwirrung
Prangt drauf der Hanbuttenstrauch voll feuriger Sternchen, der Quitzbaum,
Holunder, raucher Wacholder, und sich umarmende Palmen.
Das Geißblat schmiegt sich an Zweige der wilden Rosengebüsche,
Aus Wollust küssen einander die jungen Blüthen, und hauchen
Mit süssen Athem sich an. Um bunte Kränze des Erdreichs
Schleicht Brombeer langsahm im Klee, zieht grüne Netze dazwischen
Mit sich durchkreutzenden Ranken. Der blühnde Hagdorn am Ufer
Bückt sich hinüber aus Stolz und sieht verwundernd im Wasser[50] Den weissen und röthlichen Schmuck. O Schauplatz der du die Freude
Ins Herzens innerstes mahlst, ach! daß die Wärme die annoch
Seitdem der Winter von uns entflohn, kein Regen gemildert
Dich samt Gefilden und Gärten die nach Erfrischung sich sehnen
Doch nicht der Zierde beraubte und seiner Hoffnung den Landmann!
Erquick sie gnädiger Himmel und überschütte von oben
Mit deiner Güte die Erde. – – – Er komt! er komt! in den Wolken
Der Seegen, dort taumelt er her, und wird sich in Ströhmen ergiessen.
Schon streicht der Westwind voran, schwärmt in den Blättern der Bäume
Und wirbelt die Saaten wie Strudel. Die Sonn eilt hinter den Fürhang
Von Baumwoll ähnlichem Dunst; Es stirbt der Schimmer des Himmels
Und eine Decke von Schatten läuft über Thäler und Hügel.
Gekraust durch silberne Zirkel die sich vergrössernd verschwinden
Verräth die Fläche des Wassers den noch nicht sichtbaren Regen. – – –
Jetzt fällt er häuffiger nieder sich wie Gewebe durchkreutzend,
Kaum schützt des Erlenbaums Zelt mich für den rauschenden Güssen.
Der Wind umwälzt sich in ihm und treibt ihn vor sich wie Seegel
Er macht die Lüfte voll Tropfen zur See voll wallender Fluthen.
Das Volk das kürzlich aus Wolken die Gegend mit Liedern erfüllte
Schweigt und verbirgt sich in Büsche. Im Lindenthal drengt sich in Kreisen
Vom Dach der Zweige bedeckt die Wollenheerde um Stämme,
Feld, Luft und Höhen sind öde nur Schwalben schiessen in Schaaren
Im Regen, die Teiche beschauend. – – – Die Augenlieder die jetzo
Das Auge des Weltkreises deckten, die Dünst‘ erheben sich plötzlich
Nun funkelt die Bühne des Himmels, nun sieht man hangende Meere
In hellen Tropfen zerrinnen und aus den Lüften verschwinden,
Es lachen die Gründe voll Blumen, und alles freut sich ob flösse
Der Himmel selber zur Erden. Jedoch schon schiffen von neuem
Beladne Wolken vom Abend und hemmen wieder das Licht
Sie schütten Seen herab, und säugen die Felder wie Brüste. – – –

Auch die vergiessen sich endlich. Ein güldner Regen von Strahlen
Füllt jetzo wieder die Luft; Der grüne Hauptschmuck der Felsen,
Voll von den Saaten der Wolken, spielt blendend gegen der Sonne;
Verjüngt, voll Schimmer und lächelnd, voll Lichter Streifen und Kränze
Sehn die Gefilde mich an. Tauch in die Farben Aurorens
Mahl mir die Landschaft, o du! aus dessen ewigen Liedern
Der Aare Ufer mir duften und vor den Angesicht prangen,
Der sich die Pfeiler des Himmels die Alpen die er besungen
Zu Ehrensäulen gemacht. Wie blitzt die streifichte Wiese
Von Demant ähnlichen Tropfen! wie lieblich regnen sie seitwerts
Von farbigten Blumengebüschen und blühenden Kronen der Sträuche.
Die Kräuter sind wieder erfrischt und hauchen stärkre Gerüche,
Der ganze Himmel ist Duft. Getränkte Halmen erheben
Froh ihre Häupter, und scheinen die Huld des Himmels zu preisen.

Grünt nun ihr holden Gefilde! ihr Wiesen und Schlösser vom Laube!
Grünt, seyd die Freude des Volks! Dient meiner Unschuld hinführo
Zum Schirm, wenn Boßheit und Stolz aus Schlössern und Städten mich treiben.
Mir wehe Zefir aus euch durch Blumen und Hecken noch öfter
Ruh und Erquickung ins Herz. Lasst mich in euren Revieren
Den HErrn und Vater der Welt, der Seegen über euch breitet
Im Strahlenkreise der Sonnen, im Thau und träufelnden Wolken,
Noch ferner auf Flügeln der Winde mit Augen des Geistes erblicken
Und melden voll heiliger Regung sein Lob antwortenden Sternen.
Und wenn nach seinem Geheiß mein Ziel des Lebens herannaht,
Denn sey mir endlich in euch die letzte Ruhe verstattet.

An die Freude, Friedrich Schiller (1785)
Freude, schöner Götterfunken,
Tochter aus Elisium,
Wir betreten feuertrunken
Himmlische, dein Heiligthum.
Deine Zauber binden wieder,
was der Mode Schwerd getheilt;
Bettler werden Fürstenbrüder,
wo dein sanfter Flügel weilt.

C h o r.

Seid umschlungen Millionen!
Diesen Kuß der ganzen Welt!
Brüder – überm Sternenzelt
muß ein lieber Vater wohnen.

Wem der große Wurf gelungen,
eines Freundes Freund zu seyn;
wer ein holdes Weib errungen,
mische seinen Jubel ein!
Ja – wer auch nur e i n e Seele
s e i n nennt auf dem Erdenrund!
Und wer’s nie gekonnt, der stehle
weinend sich aus diesem Bund!

C h o r.

Was den großen Ring bewohnet
huldige der Simpathie!
Zu den Sternen leitet sie,
Wo der U n b e k a n n t e tronet.

Freude trinken alle Wesen
an den Brüsten der Natur,
Alle Guten, alle Bösen
folgen ihrer Rosenspur.
Küße gab sie u n s und R e b e n ,
einen Freund, geprüft im Tod.
Wollust ward dem Wurm gegeben,
und der Cherub steht vor Gott.

C h o r.

Ihr stürzt nieder, Millionen?
Ahndest du den Schöpfer, Welt?
Such’ ihn überm Sternenzelt,
über Sternen muß er wohnen.

Freude heißt die starke Feder
in der ewigen Natur.
Freude, Freude treibt die Räder
in der großen Weltenuhr.
Blumen lockt sie aus den Keimen,
Sonnen aus dem Firmament,
Sphären rollt sie in den Räumen,
die des Sehers Rohr nicht kennt!

C h o r.

Froh, wie seine Sonnen fliegen,
durch des Himmels prächtgen Plan,
Laufet Brüder eure Bahn,
freudig wie ein Held zum siegen.

Aus der Wahrheit Feuerspiegel
lächelt s i e den Forscher an.
Zu der Tugend steilem Hügel
leitet s i e des Dulders Bahn.
Auf des Glaubens Sonnenberge
sieht man i h r e Fahnen wehn,
Durch den Riß gesprengter Särge
s i e im Chor der Engel stehn.

C h o r.

Duldet mutig Millionen!
Duldet für die beßre Welt!
Droben überm Sternenzelt
wird ein großer Gott belohnen.

Göttern kann man nicht vergelten,
schön ists ihnen gleich zu seyn.
Gram und Armut soll sich melden
mit den Frohen sich erfreun.
Groll und Rache sei vergessen,
unserm Todfeind sei verziehn.
Keine Thräne soll ihn pressen,
keine Reue nage ihn.

C h o r.

Unser Schuldbuch sei vernichtet!
ausgesöhnt die ganze Welt!
Brüder – überm Sternenzelt
richtet Gott wie wir gerichtet.

F r e u d e sprudelt in Pokalen,
in der Traube goldnem Blut
trinken Sanftmut Kannibalen,
Die Verzweiflung Heldenmut – –
Brüder fliegt von euren Sitzen,
wenn der volle Römer kraißt,
Laßt den Schaum zum Himmel sprützen:
Dieses Glas dem guten Geist.

C h o r.

Den der Sterne Wirbel loben,
den des Seraphs Hymne preist,
Dieses Glas dem guten Geist,
überm Sternenzelt dort oben!

Festen Mut in schwerem Leiden,
Hülfe, wo die Unschuld weint,
Ewigkeit geschwornen Eiden,
Wahrheit gegen Freund und Feind,
Männerstolz vor Königstronen, –
Brüder, gält’ es Gut und Blut –
Dem Verdienste seine Kronen,
Untergang der Lügenbrut!

C h o r.

Schließt den heilgen Zirkel dichter,
schwört bei diesem goldnen Wein:
Dem Gelübde treu zu sein,
schwört es bei dem Sternenrichter!

Rettung von Tirannenketten,
Großmut auch dem Bösewicht,
Hoffnung auf den Sterbebetten,
Gnade auf dem Hochgericht!
Auch die Toden sollen leben!
Brüder trinkt und stimmet ein,
Allen Sündern soll vergeben,
und die Hölle nicht mehr seyn.

C h o r.

Eine heitre Abschiedsstunde!
süßen Schlaf im Leichentuch!
Brüder – einen sanften Spruch
Aus des Todtenrichters Munde!