Die Gretchenfrage steht für eine Frage, die dem Befragten direkt und in der Regel unvermittelt gestellt wird. Die Gretchenfrage hat dabei stets einen Inhalt, dessen Preisgabe dem Befragten unangenehm ist. Häufig wird mit der Gretchenfrage auch ein naiver Fragesteller in Verbindung gebracht, was allerdings im heutigen Sprachgebrauch nicht unbedingt der Fall sein muss. Der Begriff geht auf Goethes Faust zurück und bezeichnet ein Gespräch zwischen Gretchen und Faust.

In Goethes Faust findet sich die sogenannte Gretchenfrage in Vers 3415 (Marthens Garten). Wichtig ist in diesem Kontext, dass Gretchen vom Akademiker Faust bis zu diesem Zeitpunkt sehr stark umworben wurde. Die Szene spielt sich folglich nach mehreren Treffen der beiden ab. Unklar ist für den Leser, wie weit die körperliche Beziehung zwischen Protagonist und Deuteragonist zu diesem Zeitpunkt vorangeschritten ist.

In besagter Szene spielt sich der folgende Wortwechsel zwischen Margarete, also Gretchen, und Doktor Faust ab. Dieses Gespräch muss als Hintergrund der Gretchenfrage gelten.
Gretchenfrage in Vers 3415 (Marthens Garten): Wie hast du’s mit der Religion?
Margarete: Versprich mir, Heinrich!

Faust: Was ich kann!

Margarete: Nun sag, wie hast du’s mit der Religion?
Du bist ein herzlich guter Mann,
Allein ich glaub, du hältst nicht viel davon.

Faust: Laß das, mein Kind! Du fühlst, ich bin dir gut;
Für meine Lieben ließ‘ ich Leib und Blut,
Will niemand sein Gefühl und seine Kirche rauben.

Margarete: Das ist nicht recht, man muß dran glauben.

Faust: Muß man?

Hintergrund der Gretchenfrage

Gretchen fragt Faust, wie er es mit der Religion hat. Oder anders ausgedrückt: Gretchen fragt, woran Doktor Faust im innersten Kern glaubt. Doch Faust antwortet nicht und windet sich aus dem Gespräch heraus und gibt der Fragenden auch im folgenden Verlauf keine eindeutige Antwort.

Wir müssen dabei annehmen, dass Margarete einen wichtigen Bezug zur Religion hat und ihr Leben nach christlichen Werten gestaltet und andere nach diesen beurteilt. Im Gegensatz dazu haben wir Faust, der jeglicher Religion abgeschworen hat und einen Pakt mit dem Teufel eingegangen ist.


Wenn Faust nun sinn- und wahrheitsgemäß auf die Gretchenfrage antwortet,

  • …würde er wohl nicht an sein Ziel – eine Liaison mit Gretchen – kommen
  • …könnte Gretchen seine Antwort wahrscheinlich nicht in ihrer Gänze verstehen.

Das bedeutet, dass die Frage auf den Kern eines Problems abzielt und durch Faust nicht „wahr“ zu beantworten ist, wenn er seine eigenen Ziele in den Vordergrund stellt.

Hinweis: Wir müssen hierbei beachten, dass zur Zeit des Werkes die Frage nach dem Glauben einer Person auch unmittelbar auf die eigene Wirklichkeit, Wertvorstellung und Lebenspraxis abzielt. Wenn Gretchen den gelehrten Faust fragt, fragt sie also auch, mit welchem Verhalten sie seitens des Doktors rechnen muss und welche Moralvorstellungen er in seinem Leben pflegt.

Bedeutung der Gretchenfrage

Wie gezeigt, kann Faust auf die Frage nicht antworten. Wer auf eine Gretchenfrage nicht antwortet, will sich also selbst schützen, um nicht den Motiven des Fragenden zu erliegen.

Wichtig ist, dass wir eine Gretchenfrage insofern von anderen Fragen unterscheiden, als dass der Befragte antworten könnte und meist nur in eine Zwickmühle gerät, weil ihm die Antwort unangenehm ist und ein Bekenntnis zu einem Sachverhalt von ihm verlangt (vgl. Dilemma).

Es geht also nicht darum, dass die Frage nicht zu beantworten wäre oder dem Befragten keine Ausflucht mehr ermöglicht, sondern dass sich dieser um das verlangte Bekenntnis herumdrücken möchte.

Allerdings können wir die Gretchenfrage auch insofern verstehen, als dass sie einen Gegenstand zum Inhalt hat, von dem für den Fragenden jede Menge abhängt. Folglich kann sie eine Schicksalsfrage sein, auch wenn dem nicht immer so ist.

Die ursprüngliche Gretchenfrage zielt auf das Verhältnis zur Religion ab. Allerdings können Gretchenfragen im Sprachgebrauch auch andere Bezüge haben.

Gretchenfragen in der Sprache

Heutzutage, also im allgemeinen Sprachgebrauch, meint eine Gretchenfrage, dass der Befragte ungern auf die eigentliche Frage antworten möchte respektive ein Bekenntnis abgeben will.

Stellen wir uns vor, ein Lehrer hält eine Unterrichtseinheit über Kriminalität in der Jugend ab und stellt anfangs die Frage in den Raum, inwiefern seine Schüler hiermit Erfahrungen gesammelt haben oder in Berührung gekommen sind. Die Schüler antworten wahrheitsgemäß.

Im Anschluss stellt nun ein Schüler die Gretchenfrage: Herr XY, haben sie in ihrer Jugend auch Straftaten begangen?

Herr XY war in der Jugend wirklich straffällig. Nun ist es an ihm auf die Frage sinngemäß zu antworten. Räumt er ein und schildert sein Vergehen, kann dies Konsequenzen haben – vielleicht ist ihm das Vergehen unangenehm oder er möchte vor seinen Schülern nicht bekennen, dass dem so ist – oder streitet er jeglichen Bezug ab und lügt? Herr XY ist in eine Zwickmühle geraten.

Weitere Beispiele für die Gretchenfrage

Abschließend möchten wir Ihnen noch einige Beispiele geben, um die gesamte Bandbreite solcher Fragestellungen erfassen zu können und zu verdeutlichen.

1. Beispiel für eine Gretchenfrage

Situation: Im Jahr 2013 machte eine Reportage über das Versandhaus Amazon die Runde. Hierbei wurden die schlechten Bedingungen der beschäftigten Leiharbeiter aufgedeckt und dargestellt, dass diese mindere Arbeitsbedingungen und wenig Sicherheiten haben. Die Frage an den Konzern könnte sein:

Wie steht es um die beschäftigen Leiharbeiter? Werden diese gut bezahlt?

Der Konzern wird durch diese Frage direkt auf das eigentliche Problem angesprochen. Die Beantwortung erfordert ein unmittelbares Bekenntnis des Versandhauses und kann natürlich für den Befragten recht unangenehm sein.

2. Beispiel für eine Gretchenfrage

Situation: Herr A betrügt seine Frau regelmäßig und hält sich einmal die Woche in einem Freudenhaus auf. Den Kontakt stellt er mit seinem Handy her, doch seine Angetraute kommt ihm auf die Schliche.

Sag schon! Wie häufig gehst du eigentlich ins Bordell?

Herr A kann auf diese Frage nicht sinnvoll antworten. Jedenfalls dann nicht, wenn er dabei einräumen müsste, dass er einen Tag die Woche für Liebesdienste bezahlt.

3. Beispiel für eine Gretchenfrage

Situation: Magdalena und Jonathan lernen sich bei einem Ausflug kennen. Sie vergucken sich ineinander, sind aber beide in einer Beziehung mit einem anderen Partner. Am Abend kommen die beiden bei einem Glas Wein ins Gespräch und Magdalena fragt Jonathan:

Bist du in einer Beziehung treu und was hältst du von Treue?

Jonathan gerät nun in eine Zwickmühle. Denn einerseits möchte er der jungen Frau, die er reizend findet, natürlich sagen, dass Treue ihm wichtig ist. Wenn er nun aber sagt, dass er Treue über alles stellt, schließt er umgehend eine weitere Beziehung zu Magdalena aus. Diese Frage kommt wohl am ehesten an die ursprüngliche Gretchenfrage aus Goethes Faust heran.


Das Wichtigste im Überblick

  • Die Gretchenfrage geht auf Goethes Faust zurück. Hierbei fragt Margarete Doktor Faust nach seinem Verhältnis zur Religion.
  • Allerdings geht es heutzutage weniger um einen direkten Bezug zur Religion, als um wichtige Fragen, die vom Befragten ein Bekenntnis verlangen.
  • Die Beantwortung der Gretchenfrage ist dem Befragten also meist unangenehm, kann jedoch für den Fragenden eine immense Bedeutung haben.
Sekundärliteratur und weiterführende Werke zum Thema Gretchenfrage
  • Fricke, Harald u.a. (Hrsg.): Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Berlin, New York: Walter Gruyter 2000, Bd.1-3
  • Otto F. Best: Handbuch literarischer Fachbegriffe. Definitionen und Beispiele 4. Aufl. Fischer, Frankfurt am Main 1998
  • Gero von Wilpert: Sachwörterbuch der Literatur. 8. Auflage. Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 2001