Als Hiatus wird das Aufeinandertreffen des Schlussvokals eines Wortes mit dem Anfangsvokal des folgenden Wortes bezeichnet. Außerdem wird somit das Aufeinanderfolgen zweier Vokale (a,e,i,o,u) oder Diphthonge (Doppellaut aus Vokalen: ei,au,eu,ui), die verschiedenen Silben des Wortes angehören, im Wortinnern genannt. Einige Dichter nutzen den Hiatus als klares Mittel der Gestaltung, weshalb er durchaus als Stilmittel bezeichnet werden kann.

Der Begriff Hiatus lässt sich aus dem Lateinischen ableiten und bedeutet in etwa Kluft, Öffnung oder auch Spalt. Demnach gibt uns die Übersetzung erste Hinweise, worum es hier prinzipiell geht: die Kluft zwischen zwei Silben [die an beiden Seiten durch Vokale begrenzt wird]. Schauen wir dafür auf ein Beispiel.


„Welche Dinge soll denn der Vertrag beinhalten!“

Das Wort beinhalten wird folgendermaßen getrennt:beinhalten. Diese Silbentrennung wird deutlich, wenn wir das Wort langsam und deutlich aussprechen; nach den farblichen Markierungen machen wir eine Pause.

Dabei fällt auf, dass die erste Silbe des Wortes be mit einem Vokal endet, nämlich dem E. Die folgende Silbe, also in, beginnt wiederum mit einem Vokal, einem I. Es folgen somit zwei Vokale aufeinander, die unterschiedlichen Silben angehören. Genau diesen Umstand bezeichnen wir als Hiatus.


O schmücke dich, du grün belaubtes Dach,
Du sollst die
Anmutstrahlende empfangen,
Ihr Zweige, baut ein schattendes Gemach,
Mit holder Nacht sie heimlich zu umfangen […]

Dieses Beispiel zeigt vier Verse der vierten Strophe des Werkes Die Erwartung aus der Feder des Dichters Friedrich Schiller. Hier können wir zwischen den Wörtern Anmutstrahlende und empfangen den Hiatus erkennen, wobei zwei Es unmittelbar aufeinanderfolgen und dabei den Schlussvokal des einen Wortes (Anmutstrahlende) und den Anfangsvokal des anderen (empfangen) bilden.


Die beiden Länder gingen eine Kooperation ein.

Wer miteinander kooperiert, arbeitet miteinander und wirkt zusammen. Nicht zusammen sind die beiden Silben Ko und ope des Wortes, wobei die erste mit einem Vokal, dem O, endet und die zweite mit einem Vokal, ebenfalls dem O, beginnt. So finden wir auch hierbei einen Hiatus im Wortinnern.

Hinweis: Wir haben drei Beispiele für den Hiatus gesehen und es wird deutlich, dass damit entweder aufeinanderfolgende Vokale an Silbengrenzen im Wortinnern (erstes und drittes Beispiel), aber auch aufeinanderfolgende Vokale an Ende und Anfang zweier Wörtern (zweites Beispiel) genannt werden.

Hiatus in Fremdsprachen und Hiatvermeidung

In einigen Fremdsprachen, vornehmlich romanischen Sprachen (Französisch, Italienisch usw.), wird der Hiatus bewusst genutzt, da aufeinanderfolgende Vokale zwischen bestimmten Wörtern nicht erwünscht sind. In diesem Fall spricht man von einer Hiatvermeidung.

Hierbei werden meist Wortendungen ausgelassen, um einen Hiatus zu vermeiden. Trifft beispielsweise der unbestimmten Singular (de la ~ feminin) im Französischen auf ein Wort mit vokalischem Anlaut, so wandelt er sich in de l‘. Das A verschwindet demnach und wird durch ein Apostroph (‚) ersetzt.


J’ai besoin de l’affection.
Ich benötige Aufmerksamkeit.

Solch eine Hiatvermeidung hat meistens den Zweck, dass die Artikulation, also Aussprache, vereinfacht wird. Jedoch kann die Begründung auch die Umgangssprache sein, was sich auch im Französischen beobachten lässt. Dabei fallen vornehmlich unbetonte Vokale unter den sprachlichen Tisch.

Aber auch im Deutschen gibt es die Hiatvermeidung, wobei oftmals zusätzliche Konsonanten bemüht und zwischen die jeweiligen Vokal gesetzt werden. Solche Einschübe werden als Hiat-Tilger oder auch Hiattrenner bezeichnet, da sie die einzelnen Vokale eben trennen und den Hiatus tilgen (beseitigen).


Ich schaue sehr gern amerikanische Filme.

Üblicherweise werden solche Adjektive, die ein bestimmtes Land betreffen, mit der Silbe isch gebildet. Wer Filme aus Finnland mag, bevorzugt finnländische Filme und wer die Küche Spaniens liebt, isst sehr gerne spanische Gerichte. Jetzt können wir im Beispielsatz eine Erklärung für das N zwischen isch und amerika finden: es handelt sich um einen Hiatvermeidung, um die Aussprache zu vereinfachen.

Weitere Beispiele für eine Hiatvermeidung, die ein Land betreffen, wären demnach chinesisch oder auch kongolesisch sowie das eingeschobene T im Wort Tokioter, einem Einwohner der Hauptstadt Japans.

Der Hiatus als rhetorisches Stilmittel

In der Dichtung wird ein Hiatus oftmals vermieden, um die Dynamik der Sprache oder auch den sprachlichen Klang zu fördern. Manche Dichter haben ihn aber auch zum Stilmerkmal erhoben (z.B. Droste-Hülshoff). Mitunter gibt es eine Hiatvermeidung, um ein Metrum einzuhalten.

Der Hiatus wird dabei meist durch eine Elision vermieden, wobei ein Wort, das auf einen Vokal endet, wenn darauf ein vokalisch anlautendes Wort folgt, mit einem Apostroph versehen wird, wobei durchaus auf diesen verzichtet werden kann. Ein Beispiel finden wir in der vorletzten Strophe von Goethes Zauberlehrling, wobei ein E am Ende des Wortes werde ausgelassen wird. Dies ist für den Rhythmus entscheidend.


Die ich rief, die Geister,
Werd  ich nun nicht los.

Das Wichtigste zum Hiatus im Überblick

  • Der Hiatus meint das aufeinanderfolgen zweier Vokale in unterschiedlichen Silben oder von aufeinanderfolgenden Wörtern. Das kann mitunter bei der Aussprache hinderlich sein.
  • Folglich gibt es in den jeweiligen Sprachen Mittel der Hiatvermeidung, um die Artikulation der einzelnen Wörter zu fördern. Aber auch in der Literatur kommt diese Vermeidung zum Einsatz.
  • In der Dichtung wird die Vermeidung eines Hiatus genutzt, um die sprachliche Dynamik sowie den Klang zu fördern oder um ein bestimmtes Versmaß einzuhalten. Hierbei kommt meist die Figuren der Elision, Aphärese oder Apokope zum Einsatz.
Sekundärliteratur und weiterführende Werke zum Thema Hiatus
  • Fricke, Harald u.a. (Hrsg.): Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Berlin, New York: Walter Gruyter 2000, Bd.1-3
  • Otto F. Best: Handbuch literarischer Fachbegriffe. Definitionen und Beispiele 4. Aufl. Fischer, Frankfurt am Main 1998
  • Gero von Wilpert: Sachwörterbuch der Literatur. 8. Auflage. Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 2001