Als Hymne wurde ursprünglich ein feierlicher Lob- oder auch Preisgesang bezeichnet, wobei zumeist Helden und Götter verehrt oder die Natur besungen wurde. Aus diesen Lobgesängen entwickelte sich die Gedichtform der Hymne. Diese Gedichtart hat keine feste Form, weshalb sie zumeist in freien Versen umgesetzt wird. Die Hymne ist eine festliche Preisung, wobei sie sich häufig auf eine Gottheit bezieht. Dennoch gibt es Beispiele, die Ortschaften, Personen, Umstände oder auch Gefühle besingen. Stilistisch ähnelt die Hymne deshalb der Ode. Im Zuge der Apotheose einer Person (Vergötterung von Sterblichen) kommen oft Hymnen zum Einsatz. Die Hymne richtet sich also – jedenfalls nach heutigem Verständnis – stets an etwas Höheres und zeichnet sich dabei durch eine subjektive Begeisterung des Sprechenden aus. Hymne ist außerdem ein Kurzwort für die National- sowie Landeshymne.

Der Begriff leitet sich vom altgriechischen Nomen hymnos (ὕμνος) ab und lässt sich in etwa mit Tongefüge übersetzen. Folglich verweist die Übersetzung darauf, dass es bei dem Begriff ursprünglich um eine Art des (lobenden und preisenden) Liedes handelte und eben erst später um eine Textsorte.

Dennoch zeichnen sich beide Formen – der Gesang und die Verschriftlichung – durch eine hohe Begeisterung gegenüber etwas Höherem aus. Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit diesen Darstellungsformen wird als Hymnologie und der Wissenschaftler, der ebendiese Forschung betreibt, als Hymnologe bezeichnet, wenngleich Hymnologen sich vor allem der Erforschung der Kirchenlieddichtung widmen.

In Bezug auf die Antike meint der Begriff also zumeist ein feierliches Preislied oder einen Lobgesang, der Helden und Göttern gewidmet war. Im Mittelalter ist mit dem Begriff (auch Hymnus) meist ein geistliches, kirchliches sowie liturgisches Gesangswerk gemeint, das den christlichen Gott preist sowie ein Teil der Liturgie und somit im Gottesdienst verankert war. Später – in etwa seit der Empfindsamkeit meinte der Begriff aber auch eine Gedichtform, die nicht in erster Linie an etwas Göttliches gerichtet war, aber sich stets an etwas Höheres richtete und sich durch eine Begeisterung des Sprechenden auszeichnete (vgl. lyrisches Ich).

Geschichte der Hymne

Hymnen in der (ägyptischen) Antike

In der Antike sind Hymnen vornehmlich Lobgesänge auf das Göttliche oder diverse Helden. Sie wurden – zumeist musikalisch begleitet – zu kultischen Festen von einem Chor, mehreren Personen oder im Einzelvortrag vorgetragen. Erste Vorläufer finden sich in der ägyptischen Antike, wie etwa im Großen Sonnen-Hymnus des Echnaton (auch Hymnus an Aton). Nachfolgend ein Auszug:


Alles, was die Sonne umschließt, ist Aton. Der Herr des Himmels, der Herr des Landes und der Herr des Hauses ist Aton, am Horizont ist Aton. Er ist der König von Ober- und Unterägypten -er lebe in Gerechtigkeit- und Herr der Beiden Länder, Sohn des Ra […] (Quelle: astrodoc.net)


Der Text des obigen Beispiels entstand zur Regierungszeit des Pharao Echnaton, also in etwa 1345 v. Chr., wobei Echnaton selbst als Verfasser des Textes gilt und sich, seine Gemahlin Nofretete und den Sonnengott in der ersten Zeile des Werkes benennt. Zu finden ist der Text im Grabmal des altägyptischen Pharao Eje II., wo er in 13 vertikalen Kolumnen eine ganze Wand des Eingangskorridors bedeckt (siehe: wikimedia).

Der Hymnus an Aton preist die Einzigartigkeit des Sonnengottes und stellt heraus, dass dieser der Schöpfer und Erhalter der Welt ist, dessen Wirken die Vielfalt des Lebens begründet. Folglich kann ebendieser Text als einer der ersten Vorläufer der späteren Hymnendichtung in der griechischen Antike gelten.

Hymnen in der (griechischen) Antike

Auch die alten Griechen verfassten zahlreiche Hymnen, die ebenso zur Preisung diverser Götter oder Heroen entstanden. Zu nennen sind hierbei unter anderem die Homerischen Hymne, eine Sammlung von 33 antiken griechischen Gedichten, die allesamt die griechischen Götter preisen und durchgängig in Hexametern – charakteristisch für die Dichtung Homers – verfasst sind. Sie wurden zumeist als Einleitung der Homerischen Gesänge von sogenannten Rhapsoden (wandernde Sänger) vorgetragen und richteten sich an Dionysos, Demeter, Hermes, Ares, Helios, Selene und andere Gottheiten.

Zu nennen sind hierbei auch auch die Dithyramben, die eine Gattung der antiken Chorlyrik darstellen. Im Dithyrambos wurde der Gott Dionysos gepriesen, weshalb sie vor allem im Rahmen der Dionysien (Festspiele zu Ehren des Gottes Dionysos) von Chor und Vorsänger vorgetragen wurden. Sie waren leidenschaftlich erregte, stürmische, ekstatische Loblieder und demnach eine Form der Hymne auf das Göttliche.

Weitere Beispiele sind unter anderem die Carmen Saeculare des Horaz, einer der bedeutendsten römischen Dichter, die an Apollo sowie Diana gerichtet waren und zu Säkularfeiern (Fest, welches das Ende eines alten und den Beginn eines neuen Zeitalters markiert) vorgetragen wurden oder auch die Hymnen des griechischen Dichters Pindar, die sich vor allem an Sieger eines Wettkampfes richteten.

Hymnen im Mittelalter

Im Mittelalter war der Adressat der Hymne zumeist Gott, weshalb es eine enorme Nähe zum Kirchenlied gibt. Folglich meint der Begriff in jener Zeit so ziemlich jeden Lobgesang, der sich an das Göttliche richtete. Zumeist waren solche Hymnen in lateinischer Sprache verfasst, folgten in der Regel einem metrischen Aufbau und unterteilten sich in Strophen. Sie wurden darüber hinaus zumeist melodisch begleitet.

Vornehmlich seit dem 13. Jahrhundert finden sich solche Hymnen in zahlreichen Gesangbüchern, zeichnen sich durch verschiedene Reimformen (meist Endreime) aus und werden zu einem festen Bestandteil des christlichen Gottesdienstes. Sie werden in sogenannten Hymnarien gesammelt.

Die Hymne im Barock

Im Barock, also in etwa die Jahre zwischen 1575 bis 1770, zeichneten sich Hymnen vor allem durch klare – teils starre – Regeln aus und ähnelt vermehrt der Ode. Sie unterscheidet sich zu dieser Zeit vor allem durch ihren Inhalt von der Ode, denn dieser war in der Hymnendichtung meist religiöser Natur. Von der Ode übernimmt die Hymne nun eindeutig die strophische Gliederung.

Martin Opitz, ein Dichter und Theoretiker jener Zeit, empfiehlt zwar, dass das inhaltliche Spektrum der Hymne erweitert wird und sich durchaus auf weltliche Begebenheiten oder Naturerscheinungen beziehen sowie in deutscher Sprache verfasst werden kann, bleibt mit dieser Empfehlung allerdings erfolglos.

Die Hymne des Barocks zeichnet sich vor allem durch das Einhalten formaler Kriterien aus. So wurden vor allem Texte als schön empfunden, die einem regelmäßigen Aufbau folgten. Als Vorbild galten hierbei die Texte Pindars, die sich zumeist am klassischen Aufbau von Strophe, Antistrophe und Epode orientierten. Die ersten beiden Teile, die Strophe sowie die Antistrophe, waren dann metrisch gleichartig, wohingegen die Epode zumeist eine abweichende metrische Form aufwies. Eine inhaltliche Erweiterung findet sich erst später.

Aufklärung, Empfindsamkeit, Sturm und Drang

In den folgenden Jahrhunderten wurde vor allem das inhaltliche Spektrum der Hymne erweitert, was zu einer noch stärkeren Annäherung an die Ode führte. Weiterhin verlor die Gedichtform mit der Zeit jegliche formale Festlegungen und wurde darüber hinaus in freien Rhythmen verfasst. Folglich ist eine Abgrenzung zur Ode spätestens seit jener Zeit kaum noch möglich.

In der Aufklärung zeichnet sich die Hymnendichtung ebenso durch das Preisen einer Sache aus, nimmt darüber hinaus aber auch einen lehrhaften Charakter an. Weiterhin richtet sich die Hymne nun auch wieder an andere Götter und greift so abermals die griechische und römische Mythologie auf (vgl. Mythos). Typische Vertreter sind beispielsweise August Wilhelm Schlegel oder auch Christoph Martin Wieland.

Ein wichtiger Vertreter ist außerdem Friedrich Gottlieb Klopstock, der die Hymne – vor allem durch Einflüsse der Empfindsamkeit inhaltlich um diverse Themen anreicherte. Ging es vormals vor allem um ein Ich, das über das eigene Verhältnis zu Gott sprach, sind es nun auch andere Themen (bspw. Naturereignisse), die ekstatisch und begeistert zum Inhalt der Hymne werden. Klopstock wählte hierbei zumeist einen Aufbau aus vierzeiligen Strophen, wobei diese keinen metrischen Kriterien unterlagen.

Klopstock ist es auch, der im ersten Teil seiner Geistlichen Lieder (1757) zwischen zwei Arten geistlich-religiöser Dichtung unterscheidet: nämlich den Gesang und das Lied. So schreibt er: „Der Gesang ist fast immer kurz, feurig, stark, voll himmlischer Leidenschaft, oft kühn, heftig“, weshalb er für „Viele“ bestimmt ist, wohingegen das Lied der „Ausdruck einer sanften Andacht“ ist, an welcher die „Meisten“ teilhaben können.

Die Hymne kann somit im Sinne eines Liedes erscheinen, das eher zur zeremoniellen Verehrung oder Preisung des Göttlichen dient, wohingegen der Gesang feurig und stark ist, sich darüber hinaus durch eine himmlische Leidenschaft auszeichnet und folglich von Begeisterung getragen ist. Die Hymne, wie sie heute verstanden wird, passt somit eher zu Klopstocks Definition des hymnischen Gesangs.

Als Beispiele, die diese Definition auffangen und außerdem nicht das Göttliche, sondern sich inhaltlich vor allem an etwas Größeres richten, sind hierbei Klopstocks Ode Der Zürchersee oder auch Friedrich Schillers Hymne An die Freude zu nennen, die von Beethoven vertont und zur Europahymne wurde. Siehe Video:

Im Sturm und Drang sind es dann vor allem die Hymnen der Jugend, die sich ebenfalls durch freie Rhythmen auszeichnen. Allen voran sind hierbei als Beispiele die Werke Goethes zu nennen, wie etwa Wandrers Sturmlied oder auch An Schwager Kronos. Bei letztgenanntem Text ist vor allem in der letzten Strophe ersichtlich, dass es sich dabei um eine Art der Hymne handelt, die einen Gott preist:


Töne, Schwager, dein Horn,
Raßle den schallenden Trab,
Daß der Orkus vernehme: ein Fürst kommt,
Drunten von ihren Sitzen
Sich die Gewaltigen lüften.

In der Folge sind es dann Hölderlin und Novalis, die die Hymnendichtung beeinflussen, aber auch Heine und Scheffel greifen die Gedichtform in ihren Werken auf. Dennoch: die wesentliche Entwicklung durchlebte die Gedichtform in den vorherigen Jahrhunderten und wandelt nunmehr eher die inhaltliche Gestaltung und nicht mehr ihren grundsätzlichen Aufbau oder ihre Form ab. Es bleibt also nun bei der anfänglichen Definition des Begriffs: Die Hymne ist eine festliche Preisung, wobei sie sich häufig auf eine Gottheit bezieht. Dennoch gibt es Beispiele, die Ortschaften, Personen, Umstände oder auch Gefühle besingen.

Kurzübersicht: Das Wichtigste zum Begriff im Überblick

  • Ursprünglich meinte die Hymne einen feierlichen Lob- oder auch Preisgesang. Erste Vorläufer finden sich hierfür in der ägyptischen, griechischen und römischen Antike. Hierbei wurden zumeist Götter oder Helden gepriesen, was durch eine melodische Begleitung untermalt wurde. In Griechenland ist es zumeist der Chor, der zu Ehren eines Gottes solcherlei Hymnen vorträgt.
  • Im Mittelalter wurde die grundsätzliche Gestaltung übernommen, wendete sich nunmehr aber dem christlichen Gott zu. Hymnen dieser Zeit waren zumeist strophisch gegliedert, basierten auf Endreimen und wurden zum festen Bestandteil der christlichen Liturgie. Folglich gibt es hierbei Überschneidungen zum Kirchenlied.
  • In den folgenden Jahrhunderten wurde die Hymne der Ode immer ähnlicher, sodass eine ganz eindeutige Unterscheidung der beiden Gedichtformen kaum noch möglich ist. Zwar spricht die Hymne oft religiöse Themen an, kann sich aber durchaus auch auf Naturereignisse, Helden oder etwas Höheres beziehen, das voller Begeisterung gepriesen und gelobt wird.

  • Hinweis: Der Begriff Hymne wird außerdem als Kurzwort für die Nationalhymne oder auch Landeshymne gebraucht. Diese Bezeichnung ist allerdings irreführend, da eine Nationalhymne schlicht und ergreifend ein Lied ist. Dies liegt darin begründet, dass diese – da viele erreicht werden sollen – zumeist von geringer dichterischer sowie musikalischer Qualität ist.
Sekundärliteratur und weiterführende Werke zum Thema Hymne
  • Fricke, Harald u.a. (Hrsg.): Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Berlin, New York: Walter Gruyter 2000, Bd.1-3
  • Otto F. Best: Handbuch literarischer Fachbegriffe. Definitionen und Beispiele 4. Aufl. Fischer, Frankfurt am Main 1998
  • Gero von Wilpert: Sachwörterbuch der Literatur. 8. Auflage. Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 2001