Als identischer Reim wird eine Reimart bezeichnet. Bei einem identischen Reim wird das gleiche Wort gereimt. So sind die jeweiligen Reimwörter nicht nur klanglich gleich, sondern ebenso orthographisch identisch, da sie gleich geschrieben werden. Sehr verbreitet ist diese Reimform in der orientalischen Dichtung, wohingegen sie im Deutschen als verpönt und fehlerhaft betrachtet wird. Eine Ausnahme bildet hierbei die absichtliche Wiederholung des Wortes zum Zwecke der Verstärkung.

Weiterhin finden sich identische Reime mitunter in Kinderreimen oder in volkstümlicher Dichtung. Dies liegt teils darin begründet, dass diese Reimart einerseits eingängig sowie einprägsam ist und andererseits zu einer Art Singsang verleitet, welcher durch eine paarige Reimbindung noch verstärkt werden kann. Ein Beispiel:


Ich sehne mich, Liebste.
Möchte dich sehen, Liebste.

Das obige Beispiel verdeutlicht das Prinzip der Reimart und zeigt die Wiederholung des gleichen Wortes – hier das Nomen Liebste – am Versende. Wesentlich ist hierbei, dass das Reimen mit dem gleichen Wort mitunter nicht als tatsächlicher Reim wahrgenommen wird, da es selten kunstvoll und eintönig scheint.

Allerdings kann ein identischer Reim durchaus eine verstärkende Funktion erfüllen oder Wirkung entfalten, wenn er absichtlich gebraucht wird, um einen Gedanken erneut aufzugreifen und somit zu verstärken oder dessen Wichtigkeit in den Vordergrund zu stellen. Ein weiteres Beispiel:


a
b
c
d
c
b
a
d
Uns ward erst die Liebe Leben;
Innig wie die Elemente
Mischen wir des Daseins Fluten,
Brausend Herz mit Herz.
Lüstern scheiden sich die Fluten,
Denn der Kampf der Elemente
Ist der Liebe höchstes Leben
Und des Herzens eignes Herz.

Das obige Beispiel ist eine Strophe aus Novalis‘ Lied der Toten. Dabei reimt der Dichter vier Verse identisch. Interessant ist hierbei aber vor allem die Wirkung, die dadurch erzielt wird – die Verse folgen nämlich erst dem Muster abc, dann d, um dann rückläufig cba zu bilden und mit d zu enden. Es scheint fast so, als würden die Wellenbewegungen der Fluten nachempfunden werden, was durch den identischen Reim verstärkt wird.

In diesem Fall kann die Reimart also durchaus als verstärkend betrachtet werden. Entscheidend ist hier aber auch, dass Novalis die Eintönigkeit aufbricht, wenn er die Reime nicht paarig anordnet, sondern durch andere Reimbindungen voneinander trennt. So ist die identische Reimbindung weniger offensichtlich.

Kurzübersicht: Das Wichtigste zur Reimform im Überblick

  • Als identischer Reim wird eine Reimart bezeichnet, die gleiche Wörter miteinander reimt. Somit wird der absolute Gleichklang erzielt, welcher jedoch mitunter eintönig, fast langweilig, wirken kann und in der deutschen Dichtung zumeist als Stilfehler gewertet wurde.
  • Formal betrachtet zählt diese Reimform allerdings klar zu den reinen Reimen, da zwischen den Reimwörtern ein absoluter Gleichklang besteht und kann außerdem in den meisten Beispielen als rührender Reim gewertet werden. Rührend meint, dass auch die Konsonanten vor den betonten Reimsilben identisch sind, was bei gleichen Wörtern natürlich gegeben ist.
Sekundärliteratur und weiterführende Werke zum Thema Identischer Reim
  • Fricke, Harald u.a. (Hrsg.): Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Berlin, New York: Walter Gruyter 2000, Bd.1-3
  • Otto F. Best: Handbuch literarischer Fachbegriffe. Definitionen und Beispiele 4. Aufl. Fischer, Frankfurt am Main 1998
  • Gero von Wilpert: Sachwörterbuch der Literatur. 8. Auflage. Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 2001