WORTWUCHS | Literaturlexikon

Jambus

Der Jambus ist ein Versfuß, der uns in zahlreichen lyrischen Texten begegnet. Mehrere solcher Versfüße bilden das Metrum (→ Versmaß) innerhalb eines Gedichtes. Das Metrum rhythmisiert einen Text, weil es angibt, welche Silben in einem Text betont werden oder unbetont bleiben. Der Jambus wird aus einer leichten und einer schwere Silbe gebildet (unbetont, betont).

Das Wort Jambus geht dabei auf das Altgriechische zurück (ἴαμβος ~ ïambos) und lässt sich in etwa mit dem deutschen Wort „schleudern“ übersetzen. Im antiken Griechenland wurde der Versfuß durch die Abfolge einer kurzen und einer langen Silbe beschrieben (υ –). Wird der Jambus mithilfe von kurzen und langen Silben beschrieben, sprechen wir von einer quantitierender Metrik.

Die deutsche Nachbildung dieser Silbenfolge beschreibt, dass im Jambus auf eine unbetonte eine betonte Silbe folgt (→ akzentuierende Metrik) und dieses Schema ist es auch, dass in unserem Deutschunterricht und Deutschbüchern angewandt und gelehrt wird.

Aufbau des Jambus

Wie beschrieben, folgt beim Jambus auf eine unbetonte eine betonte Silbe. Diesen Umstand geben wir normalerweise folgendermaßen an: x x‘.

Mitunter hat sich auch die Schreibweise von x X eingebürgert. Wichtig ist allenfalls, dass wir uns für eine Kennzeichnung entscheiden und diese konsequent durchhalten, wenn wir einen lyrischen Text bearbeiten. So können die Leser unserer Bearbeitung besser nachvollziehen, was wir nun genau auszeichnen und benennen wollen, wenn wir über ein Werk schreiben (Deutschlehrer, Dozenten, Lektoren).

Da der Jambus zwei Silben beschreibt, ist der „kleinstmögliche“ Jambus folglich ein zweisilbiges Wort, wie beispielsweise Verstand oder auch Gespenst.

Hinweis: Ob eine Silbe unbetont oder betont gesprochen wird, erkennen wir am besten, wenn wir sie laut und deutlich aussprechen. Prinzipiell sprechen wir eine betonte Silbe lauter und heben die Stimme bei der Aussprache an. Genauer beschrieben haben wir das im Beitrag zum Versmaß.

Der Jambus im Gedicht

Nun ist es allerdings so, dass der Jambus auch über mehrere Wörter reichen kann. Eine jambische Struktur aus vier Jamben würde so aussehen: x x‘ x x‘ x x‘ x x‘.

Das bedeutet, dass die Zeile eines Gedichts aus acht Silben besteht, die sich abwechselnd betonen und nicht betonen lassen, wenn wir sie laut und deutlich sprechen. Schauen wir in den ersten Vers des Gedichts “Am grauen Strand, am grauen Meer” von Theodor Storm, finden wir eine solche Abfolge.

Am grauen Strand, am grauen Meer
In diesem Vers wird außerdem klar, dass der Jambus nicht innerhalb eines Wortes stecken muss und es wirklich nur um die Abfolge einzelner Silben in der eigentlichen Zeile geht.

Kadenz und Jambus

Der Jambus, wie er in diesem Beitrag beschrieben wurde, endet immer auf eine männliche Kadenz. Das bedeutet, dass die letzte Silbe des Versfußes betont ist. Diese Beobachtung ist aber nur dann richtig, wenn alle jambischen Versfüße vollzählig im Vers vorhanden sind und nicht in einer einzelnen Verszeile beschnitten werden (→ Kadenz).

Allerdings gibt es Gedichte, die sehr wohl eine jambische Struktur aufweisen und denen dennoch die letzte Silbe fehlt, um „vollständig“ zu sein. In der Wissenschaft nennen wir eine solche Verszeile katalektischen Vers (→ Vers).

Nehmen wir einmal an, Storm hätte sein Gedicht um die letzte Silbe beschnitten und einfach auf das Substantiv Meer verzichtet. Dann würde das Ganze folgendermaßen aussehen und auf eine weibliche Kadenz enden.

Am grauen Strand, am grauen

Wir hätten in der Folge lediglich drei vollständige jambische Versfüße und eine Silbe, die gewissermaßen übrigbleibt. Dennoch würden wir den Vers als Jambus einordnen, da die übergeordnete Stuktur doch recht deutlich und klar zutage tritt.

Hinweis: Alternierende Verse müssen also nicht immer aufgehen. Alternierend bedeutet, dass sich unbetonte und betonte Verse abwechseln, wie es im Jambus der Fall ist.

Der Jambus und die Hebigkeit

Im letzten Abschnitt haben wir geschrieben, dass der erste Vers aus Storms Gedicht aus vier Jamben besteht, da sich in 8 Silben immer wieder unbetont und betont abwechseln. In der Germanistik, aber natürlich auch im Deutschunterricht, wird diese Beobachtung allerdings durch die Hebigkeit benannt.

Das erklärt sich so, dass der Jambus auch durch die Abfolge von Senkung und Hebung beschrieben werden kann, wobei Senkung synonym zu unbetont und Hebung für betont steht.

Das bedeutet, dass wir von einem vierhebigen Jambus sprechen, wenn sich innerhalb einer Zeile vier Jamben aneinanderreihen. Wären es nur drei, wäre das ein dreihebiger Jambus usw.

Der Alexandriner, eine Sonderform des Jambus

Ähnlich wie bei Reimen (→ Reimschema), gibt es bestimmte Sonderformen, wodurch wir zu einer anderen Bezeichnung greifen müssen. Eine Sonderform des Jambus ist der Alexandriner.

Dieser Alexandriner begegnet uns vornehmlich in der Sonett-Dichtung und beschreibt einen sechshebigen Jambus (zwölf Silben; sechs unbetonte & sechs betonte), deren Mitte eine Zäsur bildet. Als Zäsur wird ein gedanklicher Einschnitt, ein inhaltlicher Wendepunkt oder im Zusammenhang mit Rhetorik und Poetik ein kurzes Innehalten beim Lesen, also eine Atempause, bezeichnet.

Auf den Alexandriner bezogen meint es, dass ein Vers, der durch einen sechshebigen Jambus gebildet wird, nach den ersten drei Hebungen und Senkungen eine kurze Sprechpause erfährt. So eine Atempause kann mit einem inhaltlichen Umbruch einhergehen. Ein Paradebeispiel für diese Verwendung des Jambus ist das Werk Es ist alles eitel von Andreas Gryphius. Als Beispiel soll die erste Strophe herhalten.

a
b
b
a
Du siehst, wohin du siehst, / nur Eitelkeit auf Erden.
Was dieser heute baut, / reißt jener morgen ein,
Wo itzund Städte stehn, / wird eine Wiese sein,
Auf der ein Schäferskind / wird spielen mit den Herden.

Der Alexandriner und Jambus lassen sich hierbei sehr klar erkennen, wobei sich die Hebungen und Senkungen stets abwechseln und nach der dritten Hebung, also der sechsten Silbe, eine Zäsur abzeichnet. Weiterhin leitet sie in Vers zwei und drei einen inhaltlicher Widerspruch ein, der den Teil vor der Zäsur und den nach der Zäsur inhaltlich gegenüberstellt (→ Antithese).

Angemerkt muss allerdings werden, dass die erste und letzte Verszeile dieser Strophe 13 Silben aufweisen, weshalb die Kadenzen wechselnd sind und das einheitliche Bild ein wenig trüben. Warum es sich dabei so verhält, haben wir ausführlich im Beitrag zum alexandrinischen Versmaß aufbereitet (→ Alexandriner).

Dennoch fällt die jambische Struktur auf, wobei die Zäsur außerdem Gegensatzpaare voneinander trennt. Vornehmlich der zweite und dritte Vers bilden in dieser Strophe einen inhaltlichen Wendepunkt.

Wirkung und Funktion des Jambus

Grundsätzlich ist es natürlich sehr schwierig, einem Versfuß oder einem Stilmittel eine Funktion zuzuschreiben. Dennoch können sie natürlich einen Effekt auf den Leser haben.

Häufig wirkt der Jambus durch das Abwechseln von unbetonten und betonten Silben sehr rhythmisch, wobei wir solche Texte vielleicht mit einem schlagenden Herz oder auch einem galoppierenden Pferd vergleichen könnten. Folglich klingen Werke, die sich des Jambus bedienen, oftmals wie ein Singsang.

Diese Wirkung kann zusätzlich durch den Einsatz von Kreuzreim und Paarreim verstärkt werden. Auch anderen Reimschemata, die die Wechselwirkung weiterhin unterstützen und betonen, können diesen Effekt sehr verstärken.

Hinweis: Dennoch sollte dieser Umstand unser Leserverhalten nicht beeinflussen. Denn bloß, weil das ein oder andere Gedicht dadurch galoppierend wirkt, muss dies nicht auf alle Werke der Literatur zutreffen, bloß weil ein Jambus darin vorkommt.

Jambus und Trochäus

Das Gegenstück zum Jambus bildet in der Metrik der Trochäus, der aus einer betonten und unbetonten Silbe gebildet wird. Das Wort Jambus ist folglich selbst ein Trochäus, da wir beim Sprechen die Silbe Jam betonen und bus unbetont bleibt. Klingt komisch, ist aber tatsächlich so.