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Kafkaesk

Das Adjektiv kafkaesk, abgeleitet vom deutschsprachigen Schriftsteller Franz Kafka, bezeichnet eine unerklärlich bedrohliche, aber auch absurde Situation oder meint die Werke Kafkas und auch solche, die an seinen Stil erinnern. Der Begriff lässt sich schon in der Mitte des 20. Jahrhunderts als Kafka-esque belegen. Dieser Neologismus schaffte alsbald, nämlich 1973, den Sprung in den Duden. Als Synonym können unheimlich, skurril sowie absonderlich und teils bedrohlich verwendet werden.

Anfangs wurde der Begriff vornehmlich verwendet, um Werken eine Art oder auch Wirkung zuzuschreiben, wie sie auch Kafkas Werke entfalten. Demzufolge wurde das Adjektiv vor allem genutzt, um auf Textmerkmale zu verweisen, die an Kafka erinnerten oder wurde unter anderem als Beschreibung von Hommagen für den Schriftsteller verwendet. Der Begriff stellte also vor allem innerliterarische Bezüge her.

Heutzutage wird der Begriff allerdings ebenso auf außerliterarische Sachverhalte angewandt. Hierbei werden zumeist Situationen beschrieben, die unerklärlich bedrohlich, unheimlich oder absurd erscheinen. Weiterhin können Begebenheiten kafkaesk erscheinen, in denen ein Handelnder einer ganz unverständlichen sowie undurchschaubaren Bürokratie ausgeliefert ist, was ebenfalls auf Kafkas Werke anspielt.

Der Plot dieser Werke ist oftmals diffus oder spielt mit der Entfremdung seiner Handelnden. Wiederkehrende Themen sind beispielsweise die Entfremdung sowie die Ohnmacht der jeweiligen Protagonisten gegenüber eines undurchsichtigen Systems, das ihnen als Feind oder Gegenspieler erscheint (vgl. Antagonist). Diese erkennen sich selbst nicht, sind fremd oder durch Angst und Unsicherheit gekennzeichnet, was teilweise surreal erscheint. All diese Eigenschaften können unter dem Begriff kafkaesk gefasst werden.

Beispielsweise wird Josef K. im Roman Der Process an seinem 30. Geburtstag verhaftet und versucht im Laufe der Erzählung, da er sich dennoch frei bewegen darf, herauszufinden, was ihm überhaupt zu Lasten gelegt wird. Allerdings ist das Gericht für ihn nicht greifbar und obwohl es kein Urteil gibt, das er oder der Leser erfährt, wird er einen Tag vor seinem 31. Geburtstag wie ein Hund hingerichtet.

Ähnlich ergeht es Gregor Samsa, der in Kafkas Erzählung Die Verwandlung, eines Morgens in der Gestalt eines Käfers erwacht. Auch er weiß nicht, warum es zu dieser Verwandlung kam oder was er tun könnte, um dieser zu entgehen. In der Erzählung treffen Alltägliches und Surreales aufeinander, wodurch eine sehr bedrückende, absurde und bedrohliche Wirklichkeit entsteht. Auch das ist kafkaesk.

Nach Thomas Anz (geb. 1948), einem ehemaligen Professor für Neuere Deutsche Literatur an der Universität Marburg, steht der Begriff für „Situationen und diffuse Erfahrungen der Angst, Unsicherheit und Entfremdung“, wie er es in seinem Werk Franz Kafka. Leben und Werk. fasst. Der Kafkabiograf Reiner Stach deutete den Begriff in einem Interview mit der FAZ (Frankfurter Allgemeine Zeitung) folgendermaßen:


Meistens meinen die Leute damit etwas Absurdes und zugleich Unheimliches, meistens geht es um irgendwelche Machtbeziehungen: Wenn diejenigen, die das Zentrum der Macht besetzen, im Dunkeln bleiben, dann hat man das Gefühl, die Situation sei «kafkaesk» […]. In seinen Romanen ist ja der Gipfel der Pyramide unsichtbar, und in der heutigen Gesellschaft weiß man – trotz der scheinbaren Transparenz – auch nicht so genau, wie es in den obersten Instanzen zugeht. Wir wissen nicht, wo das Machtzentrum liegt, wir wissen nicht einmal, ob es ein solches Zentrum überhaupt gibt. […] Man wüsste gern, wie es dort oben zugeht, aber man lernt allenfalls die Zwischenhändler kennen. Das ist genau wie in Kafkas Process. (→ zum Interview)


Kurzübersicht: Das Wichtigste zum Begriff im Überblick

  • Die Bezeichnung kafkaesk tauchte erstmalig in der Mitte des 20. Jahrhunderts als Kafka-esque auf. Ursprünglich stellte es Bezüge zwischen literarischen Texten her und bezeichnete Werke, die an Textmerkmale von Kafkas Œuvre (Gesamtwerk) erinnerten. Heutzutage wird es aber auch für Sachverhalte verwendet, die außerhalb der Literatur existieren sowie auf einzelne Situationen, Befindlichkeiten, Eindrücke oder Begebenheiten angewandt.
  • Der Begriff drückt also entweder aus, dass etwas an Kafkas Stil oder seine Art des Erzählens erinnert oder meint eine unheimliche, absurde, surreale, auch bedrückende oder unerklärlich bedrohliche Situation. Mituner wird außerdem auf das Ausgeliefertsein gegenüber eines Systems oder die Ohnmacht der Protagonisten in Kafkas Werken angespielt.

  • Hinweis: Die Bedeutung des Begriffs ist demzufolge nicht immer ganz eindeutig. Oftmals kann sie nur eindeutig verstanden werden, wenn sie im Kontext des weiteren Textes betrachtet wird.

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