Als Knittelvers, Knüttelvers sowie Knüttel wird eine deutsche Versart bezeichnet, die sich vor allem im 16. Jahrhundert wachsender Beliebtheit erfreute. Der Knittelvers ist ein vierhebiger Vers, welcher sich durch Paarreime auszeichnet: aufeinanderfolgende Verszeilen reimen sich. Die Anzahl der Senkungen ist allerdings freigestellt. Man unterscheidet zwischen freiem und strengem Knittelvers (siehe unten).

Der Begriff leitet sich aus dem Frühneuhochdeutschen ab, wobei Knittel und Knüttel Wörter für das Substantiv Reim sind. Der Ursprung des Wortes gibt also darüber Auskunft, worum es grundsätzlich bei dieser Versart geht: reimende Verse [die sich oftmals durch je vier Hebungen auszeichnen]. Schauen wir auf ein Beispiel.

a
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b
b
c
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Achtbar, weiß und günstigen herren
Euch freud unnd fröligkeit zu mehren,
Seyd das es yetz ist an der zeyt,
Zu mehren freud und fröligkeyt,
Seind wir rein kummen zu euch allen
Auff sonder gunst und wolgefallen, […]

Das obige Beispiel stammt von Hans Sachs, einem Nürnberger Spruchdichter sowie Meistersinger, der auch für seine Schwänke und Fastnachtspiele bekannt ist. Ersichtlich ist in diesem Fall vornehmlich die Anordnung der Strophe in Paarreimen. Es reimen sich demzufolge aufeinanderfolgende Verszeilen (vgl. Reimschema).

Wir haben es hierbei mit einer Form des Knittelverses zu tun, wie er vor allem im Mittelalter gebraucht wurde: dem strengen Knittelvers. Dieser setzt voraus, dass das Werk aus Paarreimen besteht und außerdem jede Zeile lediglich aus acht oder neun Silben bestehen darf, wobei die Kadenzen wechselhaft erscheinen.

Wechselhaft sind die Kadenzen insofern, als dass eine Verszeile, welche aus neun Silben gebildet wird, unbetont endet, wohingegen eine Zeile, die auf acht Silben beruht, betont endet. Endet ein Vers auf eine unbetonte Silbe, nennen wir die Kadenz weiblich, endet er betont, nennen wir sie männlich.

(9)
(9)
(8)
(8)
(9)
(9)
Achtbar, weiß und günstigen herren
Euch freud unnd fröligkeit zu mehren,
Seyd das es yetz ist an der zeyt,
Zu mehren freud und fröligkeyt,
Seind wir rein kummen zu euch allen
Auff sonder gunst und wolgefallen, […]

Es wird ersichtlich, dass im Beispiel von Hans Sachs die Endreimabfolge dem Paarreim entspricht (aabbcc), alle Zeilen entweder aus acht oder neun Silben bestehen, weshalb die Kadenzen im Gedicht wechselhaft erscheinen. Der Text entspricht somit dem strengen Knittelvers. Das Gegenstück ist der freie Knittelvers.

Im Gegensatz zum strengen ist der freie auf ein einziges Merkmal herunterzubrechen: er wird aus Paarreimen gebildet und besteht in der Regel aus der Abfolge von sechs bis sechszehn Silben. Aufgrund der simplen und holprigen Struktur, wurde die Form oft abschätzig bewertet. Beispielsweise erklärte Optiz, den Alexandriner zum Versmaß der deutschen Dichtung und sagte dem Knittel so den Kampf an und verdrängte ihn.

So geriet der Knittel in den Hintergrund der deutschen Dichtung und klang nur vereinzelt in volkstümlicher Dichtung an. Im 18. Jahrhundert empfahl allerdings Johann Christoph Gottsched, den alternierenden Knittel für die komische Dichtung. Alternierend bedeutet, dass die Hebungen und Senkungen im Vers wechselhaft sind. In der Folge wurde der Vers wieder vermehrt genutzt. So auch von Johann Wolfgang von Goethe.

a
b
a
b
c
c
d
d
e
e
f
f
Habe nun, ach! Philosophie,
Juristerei und Medizin,
Und leider auch Theologie!
Durchaus studiert mit heißem Bemühn.
Da steh ich nun, ich armer Tor!
Und bin so klug als wie zuvor;
Heiße Magister, heiße Doktor gar,
Und ziehe schon an die zehen Jahr
Herauf, herab und quer und krumm
Meine Schüler an der Nase herum –
Und sehe, daß wir nichts wissen können!
Das will mir schier das Herz verbrennen.

Das obige Beispiel ist der Eingangsmonolog des Fausts. Dieser besteht, einmal vom Kreuzreim zu Beginn abgesehen, durchgängig aus Paarreimen, wobei die Anzahl der Silben unterschiedlich ist. Allerdings besteht jede Verszeile nur aus vier Hebungen, wobei die Anzahl der Senkungen frei bleibt.

Diese Wandlung durch Goethe und seine Zeitgenossen ist auch die Ursache dafür, weshalb eine eindeutige Definition des Knittelverses schwierig ist. Man zählte nun nicht mehr die Anzahl der Silben, sondern machte aus dem Knittelvers einen Vierheber, der meist jambisch war. Weiterhin war nicht nur der Paarreim erlaubt, sondern auch andere Reimschemata. Diese Variante wird als neuhochdeutsche Knittelvers bezeichnet.


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Hierbei wurden die betonten und unbetonten Silben des Monologs aus Faust farblich hervorgehoben. Es wird ersichlicht, dass Goethe hierbei beinahe in jeder Zeile einen Vierheber verwendet. Allerdings sind die Verse keinem Jambus unterworfen. Weiterhin gibt es eine handvoll Stellen im Beispiel, an denen mehrere Hebungen aufeinander stoßen (→ Hebungsprall). Die Senkungen erscheinen im Gegensatz dazu variabel.

Kurzübersicht: Das Wichtigste zum Knittelvers im Überblick

  • Der Knittelvers ist ein deutscher Vers, der vor allem zwischen dem 15. und 17. Jahrhundert populär wurde. Damals unterschied man zwischen freiem und strengem Knittel. Im 18. Jahrhundert entstand außerdem der neuhochdeutsche Knittelvers.
  • Der strenge Knittel basiert auf einer Abfolge von 8 oder 9 Silben mit wechselnden Kadenzen. Ist die Kadenz männlich, sind es 8 Silben, ist sie weiblich, besteht die Verszeile aus 9 Silben. Das Reimschema ist in diesem Fall der Paarreim.
  • Der freie Knittel erlaubt es, die feste Anzahl der Silben aufzulösen. Sein wesentliches Merkmal ist demzufolge, dass er aus Paarreimen gebildet wird.
  • Im 18. Jahrhundert erlebte der Knittelvers ein neues Hoch. Dabei wurde er nachträglich an die deutsche Sprache angepasst, wobei er nicht mehr aufgrund der Anzahl von Silben strukturiert wurde, sondern aufgrund der Hebungen und Senkungen. Der Knittel wurde so zum Vierheber und war außerdem sehr häufig jambisch. Mitunter wich nun auch das Reimschema ab.
Sekundärliteratur und weiterführende Werke zum Thema Knittelvers
  • Fricke, Harald u.a. (Hrsg.): Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Berlin, New York: Walter Gruyter 2000, Bd.1-3
  • Otto F. Best: Handbuch literarischer Fachbegriffe. Definitionen und Beispiele 4. Aufl. Fischer, Frankfurt am Main 1998
  • Gero von Wilpert: Sachwörterbuch der Literatur. 8. Auflage. Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 2001