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Legende

Als Legende wird eine erzählende Textsorte bezeichnet, die mit dem Märchen, der Sage, dem Mythos und der Fabel verwandt ist. Die Legende meinte in ihrer ursprünglichen Bedeutung eine Lesung aus dem Leben und Wirken eines Heiligen, die zumeist an seinem Jahrestag vorgetragen wurde. Später wurden unter dem Begriff sämtliche Geschichten in Prosa oder Vers gefasst, die das Leben eines Heiligen erzählten oder um ein religiöses Ereignis kreisten, das historisch nicht greifbar war.

Der Begriff stammt aus dem Lateinischen (legenda) und lässt sich in etwa mit das zu Lesende übersetzen. Die Übersetzung verweist demzufolge auf die ursprüngliche Funktion: nämlich das Vorlesen aus dem Leben eines Heiligen an dessen Namenstag im Gottesdienst. Später wurde dann aber nicht nur der Vortrag, sondern eben auch das Geschriebene selbst unter dem Begriff der Legende gefasst.

Die Legende kreist also stets um das Leben eines Heiligen oder ein religiöses Ereignis. Dieses Merkmal ist es auch, das die Textsorte im Wesentlichen von anderen Genres abgrenzt und sie dadurch unterscheidbar macht. Im Aufbau ähnelt das Ganze zwar durchaus der Sage, doch kann diese auch nicht-religiöse Inhalte zum Kern haben und von Helden oder auch anekdotenhaft von einzelnen Persönlichkeiten erzählen.

Übersicht: wesentliche Merkmale der Textsorte

  • Legenden sind Heiligengeschichten, die ursprünglich verbal vermittelt und somit vorgetragen wurden. Die Bezeichnung wurde letztlich auf den Lesestoff selbst übertragen. Es geht dabei entweder um Heilige, die ein gottgefälliges sowie vorbildliches Leben führten oder um bedeutsame religiöse Ereignisse (Wunder, Heilungen, Kämpfe etc.).
  • Die Protagonisten solcher Erzählungen sind demzufolge Märtyrer, Ordenstifter, Heilige, Apostel, Mönche, Wunderheiler oder auch Maria und Jesus selbst. Somit gehören auch die Apokryphen, also Texte, die nicht in den Bibelkanon aufgenommen wurden, aber religiöse Ereignisse oder Personen zum Thema haben (bspw. das Buch Esra oder das Buch der Makkabäer) dazu.
  • Die Schauplätze sowie Handelnden einer Legende werden in der Regel beim Namen benannt, weshalb recht konkret kommuniziert wird, wer im Text agiert. Auch dieses Merkmal teilen sich die Textsorte und die Sage, wohingegen es ein wesentlicher Unterschied zum Märchen ist, dessen Schauplätze und Figuren oftmals Stereotype darstellen.
  • Grundsätzlich lassen sich zwei Formen ausmachen: die Heiligenlegende und die Volkslegende. Die Heiligenlegende dient der religiösen sowie moralischen Erbauung und der Belehrung des Volkes. Die Volkslegende ist eine einfache Form, die mit der Volkssage verwandt ist. Diese ist nicht unbedingt im christlichen Glauben angesiedelt, hat aber dennoch vorbildlich Handelnde.
  • Legenden haben, weil sie eine bedeutsame Figur oder Begebenheit in den Vordergrund rücken, stets einen historischen Kern. Die Volkslegende, die auch die Formen Legendenepos, Mirakel sowie Legendenspiel hervorbrachte, überlagerte das Historische allerdings häufig durch übertriebene Darstellungen, weshalb der wahre Kern in den Hintergrund trat.
  • Bekannte Legenden aus dem christlichen Glauben
    • Päpstin Johanna: Wurde um 850 geboren und fiel schon früh aufgrund ihrer Weisheit auf. Verkleidete sich als Junge und erlangte Ansehen, weshalb sie letzten Endes zum Papst aufstieg. Gebar ein Kind angeblich während einer heiligen Prozession, was die schockierten Zuschauer dazu veranlasste, sie kurzerhand zu steinigen. In anderen Texten stirbt sie durch die Geburt des Kindes.

    • Martin von Tours: Im Winter des Jahres 334 soll Martin einen unbekleideten Mann getroffen haben. Kurzerhand zog er sein Schwert und teilte seinen eigenen Mantel, um diesem mit dem Mann zu teilen. Ihm werden zahlreiche Wunder und Heilungen zugeschrieben. Wir erinnern an ihn am Martinstag.

    • Nikolaus von Myra: Nikolaus war im vierten Jahrhundert Bischof von Myra. Angeblich verhalf er einmal dem Volk zu einer unverhofften Getreidelieferung, um den Hunger zu stillen. Er gehört mit Sicherheit zu den bekanntesten Heiligen, weshalb wir Anfang Dezember immer noch unsere Schuhe putzen und sie uns vom heiligen Nikolaus befüllen lassen.

Wanderlegenden

Mythologische Inhalte, sagenhafte Taten sowie legendäre Handlungen gibt es in der Geschichte sowie Literatur zahlreiche. Teilweise kommt es vor, dass ein und derselbe Inhalt verschiedenen Personen zugeschrieben wird oder die Handlung gleichbleibend ist und sich lediglich der Schauplatz ändert. Diese Besonderheit gibt es auch bei Anekdoten (Wanderanekdote) und Ammenmärchen.

Ein klassisches Beispiel für eine solche Geschichte, die auf Wanderschaft geht, ist beispielsweise der Schüler, der angeblich bei der Aufsatzfrage „Was ist Mut“ eine leere Seite abgegeben hat und lediglich darauf verwies, dass das Mut sei und daraufhin ein glatte Eins bekam. In beinahe jeder Schule kursiert diese Geschichte.

Im Kontext mit religiösen Ereignissen können wir das Beispiel der spontanen Selbstentzündung wählen. Vor allem im Hinduismus hat diese Legende einen großen Stellenwert. So war es Shivas, eine hohe Gottheit, erste Frau Sati, die aus Zorn in Flammen aufging, als Shiva und sie nicht zu einer Festlichkeit ihres Vaters Daksha eingeladen waren. Seither gibt es allerhand angebliche Berichte zum Thema, wobei es keinerlei Nachweis gibt, dass eine solche Entzündung überhaupt möglich ist. Die Geschichte wandert also.

Hinweis: Im Zusammenhang mit der Wanderlegende ist es tatsächlich schwer, den Begriff von ähnlichen Bereichen zu trennen. Der Begriff wird teils synonym zur Wanderanekdote oder der Großstadtlegende sowie den urbanen Legenden gebraucht. Grundsätzlich lässt sich die Textsorte jedoch abgrenzen.

Unterschied: Legende, Märchen, Sage, Fabel, Mythos

Die wohl größten Schwierigkeiten in Bezug auf die Legende bereitet sehr häufig die Unterscheidung zu ähnlichen, verwandten Textsorten. Die Legende ähnelt vor allem dem Märchen, der Sage, der Fabel und weiterhin dem Mythos. Wir möchten nachfolgend die Unterschiede der Gattungen aufzeigen.

  • Fabel: Fabeln sind erfunden und wurden von einem Autor geschrieben, wobei es keine konkreten Angaben zu Zeit und Raum gibt. In der Fabel agieren Tiere und vertreten gewissermaßen den Menschen. Die Fabel endet mit einer Pointe und ist meist belehrend. Die Protagonisten sind meist keine eindeutigen Charaktere, sondern Stereotype, die gewisse Eigenschaften verkörpern.

  • Märchen: Sind auch frei erfunden, unterscheiden sich in Volksmärchen (weitererzählt) und Kunstmärchen (von einem Autoren). Märchen spielen außerhalb von Raum und Zeit, weshalb ebenso keine konkreten Orts- und Zeitangaben gemacht werden. Das Personal des Märchens ist eher typisiert, es gibt selten konkrete Personen (Die Prinzessin, der Wolf, die böse Hexe).

  • Mythos: Ein Mythos erklärt gewissermaßen die Welt. Vor allem ist uns heute die griechische oder römische Mythologie vertraut. Hierbei werden Sachverhalte sowie Zusammenhänge durch Götter, Helden oder Fabelwesen erklärt, wie beispielsweise die Erschaffung der Welt oder das Leben nach dem Tod.

  • Sage: Wird mündlich überliefert und handelt von konkreten Personen, Zeiten oder Schauplätzen. Die Sage hat demnach einen sehr hohen Realitätsanspruch, weshalb die handelnden Personen auch ganz genau benannt werden. Zwar kommen durchaus Fabelwesen vor, sind aber als solche zu erkennen.

  • Legende: Der Unterschied zwischen Sage und Legende ist gering. Prinzipiell gelten die gleichen Merkmale. Wesentlich ist allerdings, dass Legenden stets von Heiligen erzählen. Dabei beziehen sie sich natürlich auch immer auf eine bestimmte Person oder ein eindeutiges Ereignis, weshalb der Realitätsanspruch gleichermaßen hoch ist. Sie basieren also meist auf der Biografie einer Person.