Literarische Gattungen beschreiben die Literatur von außen. Das bedeutet, dass hierbei der Versuch unternommen wird, literarische Texte in eine Ordnung zu bringen und sie aufgrund ihrer Gemeinsamkeiten und Besonderheiten zusammenzufassen und voneinander zu unterscheiden. Mitunter ist das aber gar nicht so leicht, da es viele Grenzfälle gibt.

Im Deutschunterricht lernen wir, dass sich die Literatur in die Gattungsbegriffe Epik, Lyrik und Dramatik einteilen lässt. Das Problem ist allerdings, dass diese Einteilung für die meisten Autoren vollkommen egal ist und die Begriffe dadurch sehr häufig gedehnt und im Nachhinein erweitert werden müssen oder gar nicht alle Textarten, Genres und Untergattungen einschließen können.

Das bedeutet, dass die Germanistik und Literaturwissenschaft in einem sehr viel stärkeren Maße daran interessiert sind, schriftliche Erzeugnisse in Gattungen zu unterteilen, als die Schreibenden selbst.

Gattungen: Epik, Lyrik, Dramatik

Im 18. Jahrhundert kristallisierte sich die bekannte Einteilung der literarischen Gattungen erstmals heraus, wobei auf Quellen aus der Antike Bezug genommen wurde.

So unterschied schon Aristoteles in zwei Arten von Texten: dramatische und nicht-dramatische Texte. Die uns bekannte Dreiteilung des Gattungsbgriffs wurde jedoch erst im 18. Jahrhundert populär und vor allem durch Johann Wolfgang von Goethe getragen.

Goethe unterschied nämlich in die sogenannten Naturformen der Dichtung und ging davon aus, dass alle drei Formen eine Stimmung oder Haltung des Menschen abbildeten. Deshalb schlussfolgerte er, dass die literarischen Gattungen einen überzeitlichen Charakter haben und somit immer gültig sein müssten.

„Es gibt nur drei echte Naturformen der Poesie: die klar erzählende, die enthusiastisch aufgeregte und die persönlich handelnde: Epos, Lyrik und Drama. Diese drei Dichtweisen können zusammen oder abgesondert wirken.“ (entnommen aus: Goethe, West-östlicher Diwan)

Diese Einteilung in Epik, Lyrik und Dramatik hat sich, jedenfalls im Deutschunterricht, gehalten und erst im Studium lernen wir weitere Formen der literarischen Gattungen und Erweiterungen des Begriffs kennen.

Literarische Gattung der Epik

Das Wort Epik stammt aus dem Griechischen und bedeutet in etwa „Wort“, „Erzählung“ oder auch „Geschichte“. Sie umfasst nahezu alle Texte der erzählenden Literatur.

In den Bereich der Epik fallen mit Sicherheit die meisten Textsorten und -formen der drei literarischen Gattungen. So umfasst der Bereich Romane, Autobiografien, Kriminal- und Abenteuerromane, aber auch Kurzformen wie Kurzgeschichten, Märchen, Novellen und den Schwank, die Fabel sowie die Anekdote.

Natürlich müssten an dieser Stelle noch zahlreiche Genres und Untergattungen aufgezählt werden, doch das Wichtigste ist, dass wir einen epischen Text aufgrund bestimmter Merkmale und Eigenschaften als solchen identifizieren können.

Kurzübersicht: Epik

  • Die Epik gibt Begebnisse der äußeren (Beschreibung, Feststellungen etc.) und inneren Welt (Gefühle, Gedanken etc.) vom Standpunkt eines Erzählers wieder.
  • Epische Texte haben folglich einen Erzähler, der das Geschehen erzählt. Dieser Erzähler lässt sich meist sehr einfach erkennen (siehe: auktorialer, personaler, neutraler Erzähler)
  • Epische Texte werden in Vers- oder Prosaform wiedergegeben. Spielarten sind möglich, aber in der Regel beschränken sich epische Texte auf ebendiese Formen.

Beispiel eines epischen Textes
Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt. Er lag auf seinem panzerartig harten Rücken und sah, wenn er den Kopf ein wenig hob, seinen gewölbten, braunen, von bogenförmigen Versteifungen geteilten Bauch, auf dessen Höhe sich die Bettdecke, zum gänzlichen Niedergleiten bereit, kaum noch erhalten konnte. Seine vielen, im Vergleich zu seinem sonstigen Umfang kläglich dünnen Beine flimmerten ihm hilflos vor den Augen.(Franz Kafka, Die Verwandlung)

Literarische Gattung der Lyrik

Lyrik leitet sich von der Lyra ab, einem Zupfinstrument, und meinte ursprünglich einen Gesang, der von der Leier (Lyra) begleitet wurde. Heutzutage fassen wir damit Gedichte aller Art.

Die Lyrik ist uns also hauptsächlich als literarische Gattung der Dichtung bekannt. Das bedeutet, dass sich unter diesen Gattungsbegriff alle Formen des Gedichtes fassen lassen, wie beispielsweise die Ode, die Ballade, das Haiku oder auch das Elfchen.

Aber auch bei dieser literarischen Gattung gibt es natürlich unzählige Variationen und Unterformen, die nicht alle aufgeführt werden müssen, wenn wir einmal auf die wichtigsten Merkmale der Lyrik schauen.

Kurzübersicht: Lyrik

    Die Lyrik erscheint uns grundsätzlich in Form der rhythmischen gebundenen Rede, also in Versform. Diese Verse sind grundsätzlich in Strophen angelegt. → Vers, Strophe

  • Weiterhin finden wir in der Lyrik einen Rhythmus, den wir mithilfe des Versmaßes (Metrum) angeben können. Zwar entspricht dieser nicht immer einem bestimmten Muster, doch kann er beobachtet werden und ein Gedicht strukturieren. → Versmaß
  • Häufig finden wir in der Lyrik den Reim. Allerdings muss dies, vor allem in modernen Formen der Poesie, nicht sein. Es gibt viele Beispiele, die ohne Reim auskommen. → Reimschema
  • Die Lyrik kann außerdem als monologisches Darstellen eines Zustandes bezeichnet werden. Das bedeutet, dass ein lyrisches Ich eine Situation oder Begebenheit allein darstellt.
  • Da diese literarische Gattung nur sehr wenige Merkmale hat, die in jeder Unterart auftauchen und immerzu verändert oder erweitert werden kann, gilt die Lyrik als wandlungsreichste Form der drei Gattungen der Literatur.

Um die genannten Merkmale der Lyrik zu verdeutlichen, macht es Sinn, auf ein Beispiel zu schauen, das das Geschriebene recht schön illustriert. Dafür nehmen wir eine Strophe aus Heinrich Heines Die Wanderratten. Hier finden sich gebundene Rede in Versform, Strophen, Reime (Paarreim).

a
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Es gibt zwei Sorten Ratten:
Die hungrigen und satten.
Die satten bleiben vergnügt zu Haus,
Die hungrigen aber wandern aus.

Literarische Gattung der Dramatik

Das Drama kennen wir aus dem Theater und meint übersetzt „Handlung“. Folglich meint diese literarische Gattung alles, was für die Bühne gedacht und geschrieben wurde.

Demnach fallen alle Bühnenstück in diesen Bereich. Namentlich sind das die Oper, Theaterstücke und hierbei die Untergattungen Tragödien und natürlich Komödien. Aber auch hier finden sich zahlreiche Unterteilungen, weshalb es sinnvoll ist, auf die Merkmale der Gattung zu schauen.

Kurzübersicht: Dramatik

  • Kennzeichnend für das Drama ist, dass die Handlung hauptsächlich durch den Dialog der Handelnden (Protagonist, Deuteragonist) getragen wird, es gibt somit keine Erzähler-Instanz.
  • Schon im antiken Theater finden sich lyrische (Chor), epische (Botenbericht) und dramatische Elemente. Es überwiegt aber stets das Dramatische, auch wenn alle Gattungen vorhanden sind.
  • Nach neuzeitlichem Verständnis sind Dramen für Schauspieler geschrieben, um einem Publikum vorgeführt zu werden. Folglich finden sich im dramatischen Text zahlreiche Anweisungen, die sich vornehmlich an die Schauspieler selbst richten.

Beispiel eines dramatischen Textes

Wirt. Guten Morgen, Herr Just, guten Morgen! Ei, schon so früh auf? Oder soll ich sagen: noch so spät auf?

Just. Sage Er, was Er will.

Wirt. Ich sage nichts als »Guten Morgen«; und das verdient doch wohl, daß Herr Just »Großen Dank« darauf sagt?

Just. Großen Dank!

Wirt. Man ist verdrießlich, wenn man seine gehörige Ruhe nicht haben kann. Was gilt’s, der Herr Major ist nicht nach Hause gekommen, und Er hat hier auf ihn gelauert?

Just. Was der Mann nicht alles erraten kann!

Wirt. Ich vermute, ich vermute.

Just (kehrt sich um und will gehen). Sein Diener!
(Gotthold Ephraim Lessing, Minna von Barnhelm)

Sekundärliteratur und weiterführende Werke zum Thema Literarische Gattungen
  • Fricke, Harald u.a. (Hrsg.): Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Berlin, New York: Walter Gruyter 2000, Bd.1-3
  • Otto F. Best: Handbuch literarischer Fachbegriffe. Definitionen und Beispiele 4. Aufl. Fischer, Frankfurt am Main 1998
  • Gero von Wilpert: Sachwörterbuch der Literatur. 8. Auflage. Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 2001