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Empfindsamkeit

Die Empfindsamkeit ist eine Strömung, die aus der literarischen Epoche der Aufklärung erwachsen ist. Inhaltlich stellt sie den vernünftigen sowie rationalen Ansätzen der Aufklärung das Sentimentale und Empfindsame zur Seite. Die Empfindsamkeit ist jedoch nicht als Gegenbewegung, sondern eher als Ergänzung der aufklärerischen Ideen zu verstehen. Datieren lässt sich die Empfindsamkeit auf die Jahre 1740 bis 1790, wobei bedacht werden muss, dass keine Strömung an einem Tag beginnt und an einem anderen endet. In Frankreich und England finden sich empfindsame Tendenzen ab 1700.

Begriff

Der Begriff geht auf eine Empfehlung des deutschen Dichters Gotthold Ephraim Lessing zurück. Im Jahr 1768 übersetzte der Verleger Johann Christoph Bode den Roman A Sentimental Journey Through France and Italy von Laurence Sterne ins Deutsche und wählte hierfür den Titel Yoricks empfindsame Reise. Der Roman ist eine Form des Reiseberichts, stellt jedoch im Gegensatz zu anderen Reiseberichten weniger Land, Leute, Sitten, Gebräuche und Kultur der besuchten Länder in den Vordergrund, sondern schildert die subjektiven Empfindungen des Reisenden. Der Roman begründete das Genre der empfindsamen Reiseliteratur.

Das Adjektiv empfindsam hatte Gotthold Ephraim Lessing als eine Übersetzung des Wortes sentimental vorgeschlagen. Folglich war der Begriff ein Neologismus, welcher erst seit dem Erscheinen des Romans im Deutschen belegt ist und heutzutage als Bezeichnung für eine ganze Epoche gilt: die Empfindsamkeit. Somit wurde der Epochenbegriff erst viele Jahre nach den ersten empfindsamen Tendenzen geprägt.

Schnell findet sich der Begriff Empfindsamkeit in Wörterbüchern sowie Nachschlagewerken und ist fortan im deutschen Sprachgebrauch verankert. Die Enzyklopädien jener Zeit versuchten, eine möglichst genaue Definition des Begriffs zu geben, die aber teils davon abweicht, was heute unter dem Wort verstanden wird.

So heißt es im Deutschen Wörterbuch von 1776: Empfindsamkeit ist sonach die Fähigkeit, leicht zu sanften Empfindungen gerührt zu werden. Im Wörterbuch der deutschen Sprache von 1807 findet sich der Eintrag: [Empfindsamkeit sei die] Fähigkeit und geneigt zu sanften angenehmen Empfindungen, Fertigkeit beziehend, an theilnehmenden Gemüthsbewegungen Vergnügen zu finden.Laurence Sterne

Laurence Sternes Roman A Sentimental Journey Through France and Italy ist für die Bezeichnung der Epoche ursächlich.


Zeitliche Einordnung der Empfindsamkeit

Wichtig ist, dass Literaturepochen nicht an einem Tag beginnen und schlagartig wieder aufhören. Eher ist es so, dass sich erste Regungen bemerkbar machen, immer mehr Werke im Zuge dieser Strömung entstehen und erst im Nachhinein ein Epochenbegriff geprägt wird.

Der Oberbegriff des Zeitraums, also die dominierende Epoche, ist die Aufklärung. Diese wird meist zwischen 1720 und 1790 verortet. Die Empfindsamkeit, verstanden als Binnenströmung der Aufklärung, kann in etwa auf 1740 datiert werden und endet ebenfalls 1790. Die neue Strömung ist demnach eher von kurzer Dauer.

Wenn wir das Ganze auf das Jahr 1740 datieren, wird damit zumeist gemeint, dass sich erste empfindsame Tendenzen in den Schriften Christian Fürchtegott Gellerts, der bereits zu seinen Lebzeiten als meistgelesener deutscher Schriftsteller galt, abzeichnen. Allerdings lässt sich das Ganze auch wenige Jahre später einordnen, wenn in zahlreichen Schriften empfindsame Tendenzen aufkeimen. Dann können wir das Ganze zwischen 1760 und 1790 verorten und meinen damit vornehmlich die Lyrik von Friedrich Gottlieb Klopstock.

Der Höhepunkt der Empfindsamkeit wird mit den zahlreichen Nachahmungen von Laurence Sternes Werk Sentimental Journey (1768) erreicht, wobei viele Übersetzungen die sentimentale Seite des Buches betonen sowie mit den Romanen Richardsons, Millers Siegwart (1776) und dem Erscheinen von Goethes Werther (1774), der zwar eigentlich dem Sturm und Drang zuzuordnen ist, aber dennoch empfindsame Tendenzen aufweist. Die beginnende Kritik an der Strömung und ihr Höhepunkt fallen demnach fast zusammen.

Epochen der Literatur als Zeitstrahl

Merkmale der Empfindsamkeit

Die Empfindsamkeit wird häufig als Gegenbewegung zur Aufklärung verstanden, ist aber eher eine Ergänzung dieser Epoche. Dies muss klar sein, um die Merkmale der Strömung in Gänze verstehen zu können. Beide Tendenzen wenden sich somit gegen eine Vorherrschaft von Adel und Klerus (~Kirche). Im Mittelpunkt steht der selbstsichere oder auch selbstbewusste Bürger, der seine moralischen und ethischen Grundsätze einer natürlichen Vernunft und einem natürlichen Menschsein verdankt.

Übersicht: Die wesentlichen Merkmale der Strömung im Überblick


  • Exkurs: Um die grundsätzlichen Merkmale der Empfindsamkeit einordnen zu können, sollten vorab die wesentlichen Inhalte der Aufklärung bedacht werden. Die Aufklärung bezeichnet seit etwa 1700 ganz allgemein das Vorhaben, durch rationales Denken alle Strukturen, welche den Fortschritt behindern, zu überwinden. Probleme sowie theoretische Hürden sollten fortan vor allem mithilfe des Denkvermögens gelöst werden. Kennzeichnend ist Immanuel Kants Appell Sapere aude!, den er mit Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! übersetzte.
  • Wesentlich war für die Aufklärung also die Berufung auf den eigenen Verstand und die Vernunft, der Kampf gegen Vorurteile, die Erhöhung der Naturwissenschaften und das Fordern einer religiösen Toleranz sowie das Einstehen für Bildung und die persönliche Handlungsfreiheit des Einzelnen, aber auch für allgemeingültige Menschenrechte.

  • Die Empfindsamkeit widerspricht vielen dieser Motive der Aufklärung gar nicht. Wesentlich ist nur, dass sie an die Stelle der Vernunft die Empfindung setzt. Dem Verstand wird folglich das Gefühl entgegengesetzt, wobei es nicht als Makel angesehen wird, wenn ein Mensch fühlt und seine subjektiven Empfindungen zum Ausdruck bringt. Die empfindsame Strömung ist demnach vor allem eine Reaktion auf die Vorherrschaft des Rationalismus.
  • Weiterhin ist das Empfindsame aber auch stark vom Pietismus beeinflusst. Als Pietismus wird eine religiöse Bewegung des deutschen Protestantismus bezeichnet, welche sich gegen den Dogmatismus der Kirche jener Zeit wandte. Im Pietismus geht es vor allem darum, das Göttliche subjektiv wahrzunehmen und somit einen eigenen Zugang zum Religiösen zu finden, der nicht durch die Lehre von Buchstaben (vgl. Bibel) vorgegeben wird. Folglich stellen Pietisten ihr Ideal einer persönlichen, gefühlsbetonten Frömmigkeit in den Vordergrund.
  • Die Empfindsamkeit erwächst also aus zwei wesentlichen Aspekten: so ist sie eine Reaktion auf die Vorherrschaft der Vernunft in der Aufklärung und speist sich weiterhin aus der Ansicht, dass der Glaube eines Menschen aus einer individuellen-subjektiven Frömmigkeit entsteht und nicht durch das Befolgen äußerlicher Dogmen (kirchliche Lehrsätze).
  • Folglich steht die Betrachtung der eigenen Empfindungen und demnach der Blick auf das Innere an oberster Stelle der Anhänger jener Strömung. Es ging um das Belauschen und Ausdrücken innerer Prozesse und das Zeigen von Gefühlsregungen, wodurch das Gefühl einen enormen Stellenwert einnahm und zum Maßstab für Handlungen und Persönlichkeit wurde.
  • Zentrale Motive der Empfindsamkeit waren demnach das Entdecken und Erleben der Natur, die Freundschaft, der Lebensgenuss, das Beobachten seelischer Regungen und die Ergriffenheit in Bezug auf Tugend, Anmut oder auch Freundschaft. Charakteristisch ist außerdem die Betonung des Privatlebens, die im Gegensatz zur Betonung der Öffentlichkeit im Absolutismus steht.
  • Diese Grundsätze schlugen sich in den künstlerischen Ansätzen der Empfindsamkeit nieder. So dominierten hierbei vor allem Gattungen, welche die feinen Nuancen des Inneren hervorkehren konnten, wie etwa der Brief, Tagebücher sowie empfindsame Reiseberichte, wobei auch viele (Brief-)Romane in ebendieser Zeit entstanden. Ebenso war die Lyrik eine beliebte Gattung, da sie sich anbot, um Empfindungen zu transportieren, wobei außerdem gefühlsbetonte Oden und Rührstücke (Theaterstück, das zu Tränen rühren soll) zum Programm gehörten.

  • Hinweis: Das Zeigen von Empfindungen nahm in der Empfindsamkeit einen hohen Stellenwert ein. Dennoch wurde die Vernunft nicht gänzlich verneint, da sie dem gefühlsbetonten Menschen ein hilfreiches Mittel war, die Gemütsregungen in die richtigen Bahnen zu lenken und sich zur sozialen Vollkommenheit zu entwickeln. Eine Steigerung findet sich erst im Sturm und Drang.

Literatur der Empfindsamkeit

Wie beschrieben, dominierten vor allem literarische Formen, die es möglich machten, innerselische Regungen und Stimmungen zum Audruck zu bringen. Oft ist es ein Merkmal dieser Texte, dass sie sich durch Schwärmerei auszeichnen und überschwänglich das innere Empfinden nach außen kehren.

Bereits um das Jahr 1700 lassen sich in England erste empfindsame Tendenzen ausmachen. Hier ist es vor allem die sogenannte sentimental comedy von Colley Cibber oder auch George Farquhar, die mit ihren einfachen Protagonisten das Publikum zu Tränen rührten und weniger zum Lachen brachten. Weiterhin wurde die englische Emfpindsamkeit von den verbreiteten Moralischen Wochenschriften geprägt, wenngleich diese vor allem von aufklärerischen Ideen bestimmt waren. Erst sehr viel später – ab 1740 – waren es die Familienromane Samuel Richardsons und die Werke Laurence Sternes, die empfindsame Ideen prägten.

In Frankreich entwickelte sich zeitgleich die comédie larmoyante, also die rührende Komödie, die stark an das bürgerliche Trauerspiel erinnert, jedoch zumeist auf ein Happy End hinausläuft. Die rührende Komödie kritisierte die Ständeklausel, welche besagt, dass in Tragödien ausschließlich Personen von höfischem Stand vorkommen sollten und dass in Komödien keine ernsthaften Themen behandelt werden könnten. Diese Gattung setzt nun bewusst nicht-adlige Figuren in ernste Situationen und bietet dennoch komödiantische Elemente. Zentrale Themen sind hierbei die Elternliebe und Kindesliebe.

In Deutschland findet sich in der literarischen Landschaft ein sehr starker Freundschaftskult, wie etwa in den Gedichten von Jakob Immanuel Pyra, wobei außerdem zahlreiche Formen der Kunstlyrik auszumachen sind. Dabei entstanden vor allem Oden, Idylle, Hymnen und Elegien. Hierbei ist es vor allem Friedrich Gottlieb Klopstock, welcher die Literatur der Empfindsamkeit durch kunstvolle Oden prägte und darüber hinaus eine enorme Naturnähe und tiefgreifende Religiösität im Epos Messias (1748-1773) erreicht. Klopstocks Schriften beeinflussten zahlreiche weitere Vertreter der Empfindsamkeit.

Typisch ist für die Lyrik dieser Zeit außerdem, dass das lyrische Ich im literarischen Text den eigenen Gefühlsregungen freien Lauf lässt und demnach fähig ist, starke Gefühlsregungen zu zeigen. Weiterhin wird das Seelenleben des Ichs oftmals offen gelegt und folglich dargestellt, wobei das Individuum und dessen Gefühle im Mittelpunkt stehen. Häufig werden hierbei das idyllische, romantisch anmutenden Landleben und das bürgerliche, auf Verstand ausgerichteten Stadtleben gegenübergestellt.

Neben diesen Werken entstehen in der deutschen Empfindsamkeit allerhand dramatische Texte, wie etwa Rührstücke oder auch weinerliche Lustspiele, in denen – ähnlich wie in Frankreich – das Komödiantische vom Empfindsamen verdrängt wurde, wobei außerdem das bürgerliche Trauerspiel an Bedeutung gewinnt. Wichtige Vertreter des empfindsamen Dramas sind August von Kotzebue und August Wilhelm Iffland.

In der Epik sind es vornehmlich Gattungen, die es möglich machen, das Innere zu zeigen und die verschiedenen Nuancen der eigenen Empfindungen darzustellen. Folglich dominieren vor allem Briefe, Briefromane, Reiseberichte und andere Erlebnisberichte. Einen Höhepunkt dieser Darstellung der tiefsten Empfindungen bildet Goethes Werther (1774), der jedoch schon in den Sturm und Drang fällt. Immerhin wird hier das Gefühl nicht nur schwärmerisch gezeigt, sondern zum Absoluten erhoben.

Der Sturm und Drang ist es dann auch, der parallel zu Empfindsamkeit und Aufklärung entsteht und die einfache Erhöhung des Gefühls, wie es Vertreter der Empfindsamkeit fordern, ablegt und sich in einen Rausch der Empfindungen begibt. Hier wird der Vernunft etwas entgegnet, das sie nahezu ablösen soll: das Gefühl.

Vertreter und Werke der Empfindsamkeit

  • Matthias Claudius (1740-1815)
    • Der Wandsbecker Bothe (1771/75)
    • Abendlied (1778)
  • Ludwig Heinrich Hölty (1748-1776)
    • Gedichte (1782/83)
  • Friedrich Gottlieb Klopstock (1724-1803)
    • Messias (1748-1773)
    • Hermanns Schlacht (1769)
    • Oden (1771)
    • Der Zürchersee (1771)
    • Die frühen Gräber (1771)
    • Die Frühlingsfeier (1771)
  • Johann Heinrich Voß (1751-1826)
    • Der siebzigste Geburtstag (1781)
    • Luise (1783/84)
  • Sophie von La Roche (1730-1807, Großmutter der Bettina von Arnim)
    • Geschichte des Fräuleins von Sternheim (1771)
Kurzübersicht: Das Wichtigste zur Empfindsamkeit im Überblick


  • Die Empfindsamkeit ist eine Strömung, die aus der literarischen Epoche der Aufklärung erwachsen ist. Inhaltlich stellt sie den vernünftigen sowie rationalen Ansätzen der Aufklärung das Sentimentale und Empfindsame zur Seite. Die Empfindsamkeit ist jedoch nicht als Gegenbewegung, sondern eher als Ergänzung der aufklärerischen Ideen zu verstehen.
  • Sie lässt sich in etwa auf die Jahre 1740 bis 1790 datieren. In England und Frankreich gab es allerdings bereits seit 1700 empfindsame Tendenzen, die sich vor allem in dramatischen Werken niederschlugen. Weiterhin setzen sich einzelnen Gedanken bis ins 19. Jahrhundert fort.
  • Das das Betonen der inneren Empfindungen im Vordergrund stand, dominierten vor allem literarische Formen, die die verschiedenen Nuancen des Seelenlebens trefflich darstellen und abbilden konnten. In der Lyrik waren es Oden, Idylle und Elegien, das Drama zeichnete sich durch Rührstücke aus und wurde vom bürgerlichen Trauerspiel geprägt und in der Epik waren es Briefe, Briefromane und Reiseberichte, die das literarische Feld bestimmten.

  • Hinweis: Aufklärung, Empfindsamkeit und Sturm und Drang sind Epochen, die nahezu zeitgleich verliefen. Das Wesentliche ist, dass in der Aufklärung der Verstand zum höchsten Gut erhoben wurde, die Empfindsamkeit gefühlsbetont und beinahe schwärmerisch ist und sich der Sturm und Drang in einer Art Gefühlsrausch äußert.