Als Lügengeschichte wird eine kurze Erzählung bezeichnet, die grundsätzlich erlogen ist. Jedoch wird es in einer Lügengeschichte so dargestellt, als würden die Schilderungen den Tatsachen entsprechen, weshalb in der Regel ein Ich-Erzähler von den angeblichen Taten spricht, wobei häufig die Form des Reiseberichtes gewählt wird. Verwandt ist sie mit der Schelmengeschichte (vgl. Schwank).

Wichtig ist weiterhin, dass die Lügengeschichte nicht das Ziel verfolgt, einem Zuhörer oder Leser Schaden beizufügen. Ein wesentliches Merkmal ist somit, dass klar ersichtlich wird, dass das Ganze erlogen ist und lediglich zum Zwecke der Unterhaltung geschrieben wurde. Die Erzählung realisiert dies, indem entweder gänzlich Unmögliches erzählt wird oder das Erzählte so übertrieben wird, dass es unglaubwürdig wirkt.

In Lügengeschichten begegnen uns grundsätzlich Aufschneider. Bekannte Figurentypen sind Miles gloriosus, ein eitler Prahler und Angeber; Horribilicribrifax, der vom Barockdichter Andreas Gryphius angelegt wurde; wobei auch der Baron von Münchhausen zu den bekanntesten Gestalten der Lügendichtung zählt.

Übersicht: Die wesentlichen Merkmale der Textsorte

  • Der Begriff setzt sich aus den zwei Wörtern Lüge und Geschichte zusammen. Als Lüge wird eine unwahre Äußerung bezeichnet, bei welcher der Erzählende weiß, dass sie nicht richtig ist. Eine Geschichte ist eine Erzählung. Die Textsorte meint also eine unwahre Erzählung.
  • Im Gegensatz zur richtigen Lüge, soll die Erzählung in keinem Fall einen Schaden anrichten. Es ist für alle Beteiligten eindeutig, dass die Geschichte nicht wahr ist. Dies wird vor allem dadurch unterstrichen, dass die Lügengeschichte Unmögliches beschreibt oder dermaßen übertreibt, dass der Empfänger (Zuhörer, Leser) die Unwahrheit erkennt (vgl. Hyperbel).
  • Um die Glaubhaftigkeit einer solchen Erzählung zu untermauern, wird in der Regel die Ichform gewählt. Sehr häufig sind Reiseberichte die typische Form der Lügengeschichte. Der Erzähler verfrachtet das Geschehen so an einen unbekannten Ort, wodurch nicht eindeutig ist, ob die Begebenheit nicht vielleicht doch wahr ist.
  • Die meisten Lügengeschichten sind sehr kurze Episoden und beschreiben lediglich ein einziges Erlebnis oder konzentrieren sich auf eine unwahrscheinliche Begebenheit. Mitunter werden später ähnliche Episoden zu eine Sammlung zusammengefasst.

  • Hinweis: Verwandt ist die Gattung mit dem Schelmenroman, dem Märchen, dem Reiseroman, dem Abenteuerroman oder auch den mittelalterlichen Schwänken und der Anekdote.

Lügengeschichten im Deutschunterricht

Im Deutschunterricht der Grundschule gibt es ebenfalls den Begriff der Lügengeschichte. In diesen steht meist der Schüler im Mittelpunkt der Erzählung und versucht, eine besonders fantasiereiche, erlogene und übertriebene Geschichte zu kreieren. Es folgen Hinweise zu Aufbau und Form

  • Aufbau der Textsorte im Deutschunterricht

    • Überschrift (möglichst knapp und passend)
    • Zeitform ist das Präteritum, also die erste Vergangenheit
    • Erzählperspektive ist die eines Ich-Erzählers
    • Aufbau
      • Einleitung (Wo spielt das Ganze? Wer ist anwesend? Möglichst realistisch.)
      • Hauptteil (unwahrscheinliche, erlogene Begebenheit; Steigerung mit Spannungsaufbau)
      • Schluss (Festigung, dass die Geschichte wahr ist, vielleicht mit einer Pointe)
    • Kürze (Lügengeschichten sind kurz; beschreiben oft nur eine Begebenheit)

  • Tipps: Idealerweise wird in einer solchen Geschichte sehr detailliert erzählt. Wer war alles dabei, wo spielte das Ganze und was ist eigentlich genau passiert? Umso genauer die Beschreibung der unwahrscheinlichen Begebenheit ist, umso reizvoller ist sie natürlich und provoziert außerdem mehr Lacher.

Beispielhafte Lügendichtung

Wie beschrieben, gibt es diverse Figuren, die in zahlreichen Lügendichtungen vertreten sind. Sehr häufig sind diese Figuren dann als Typus zu verstehen und lassen sich nicht unmittelbar einem Autoren zuordnen. Nachfolgend eine Auswahl von Lügengeschichten und ihrer Figuren.

  • Till Eulenspiegel
    • Angeblich ein umherziehender Schalk. Die Erlebnisse um diese Figur wurden erstmals vom Verleger Johannes Grüninger veröffentlicht. Der Name des Lügenbolds ist jedoch nicht nur in den jeweiligen Geschichten belegt, sondern ebenfalls in zahlreichen Sprichwörtern enthalten.
  • Baron von Münchhausen
    • Figur, die auf Hieronymus Carl Friedrich von Münchhausen, der angeblich allerhand Unwahrheiten verbreitet haben soll, anspielt. Diese wurden von unterschiedlichen Autoren literarisch verarbeitet.
  • Miles gloriosus
    • Ist eine Art Typus der Weltliteratur, der in Schwänken und Lustspielen vertreten ist. Miles gloriosus, was glorreicher Soldat bedeutet, ist ein Prahlhans und Aufschneider und taucht in zahlreichen Werken auf.
  • Schelmuffsky
    • Ist eine Figur, die durch Christian Reuter, einem deutschen Schriftsteller des Barocks, geprägt wurde. Hierbei werden unglaubliche Begebenheiten geschildert, die sich in einigen Fällen schnell als Lüge identifizieren lassen. Die gewählte Form ist hierbei der Reisebericht.
Sekundärliteratur und weiterführende Werke zum Thema Lügengeschichte
  • Fricke, Harald u.a. (Hrsg.): Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Berlin, New York: Walter Gruyter 2000, Bd.1-3
  • Otto F. Best: Handbuch literarischer Fachbegriffe. Definitionen und Beispiele 4. Aufl. Fischer, Frankfurt am Main 1998
  • Gero von Wilpert: Sachwörterbuch der Literatur. 8. Auflage. Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 2001