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Nonsens

Als Nonsens, auch Nonsensdichtung oder Unsinnspoesie, wird ein literarisches Genre bezeichnet, das sowohl in Prosa als auch in Versen vorliegen kann. Nonsensdichtung ist unlogisch, bricht mit Normen der Sprache, nutzt leere Vergleiche und paradoxe Aussagen. Allerdings ist Nonsens nicht sinnlos, da Texte dieser Art dennoch systematischen Regeln folgen. Eine typische Form ist der Schüttelreim, wobei sich auch zahlreiche Kinderreime durch die beschriebenen Merkmale auszeichnen.

Begriff

Der Begriff geht auf das Book of Nonsense (1846) von Edward Lears zurück. Lears, ein britischer Schriftsteller und Maler, sammelte in diesem Werk 73 Limericks, die sich vor allem durch das Fehlen von Sinn oder Pointe auszeichnen. Nonsense lässt sich mit Unsinn oder Blödsinn übersetzen. Schauen wir auf ein Beispiel.


Dunkel war’s, der Mond schien helle,
schneebedeckt die grüne Flur,
als ein Wagen blitzeschnelle,
langsam um die Ecke fuhr.

Das obige Beispiel ist die erste Strophe eines Gedichts aus dem sächsischen Volksmund, unklar ist, wer es tatsächlich geschrieben hat. Das Werk setzt sich aus einer Abfolge von Oxymora, also widersprüchlichen Wortfolgen, in Kreuzreimen zusammen. Auffällig ist, dass es inhaltlicher Unfug und somit Nonsens ist.

Diese Art der Nonsensdichtung ist zwar unlogisch, aber dennoch nicht sinnlos. Immerhin orientiert sie sich an sprachlichen Regeln und unterhält den Leser durch die unsinnigen Verbindungen in den einzelnen Verszeilen. Schauen wir auf ein weiteres Beispiel von Edward Lear: einen Limerick in englischer Sprache.


Ein Nonsens-Limerick vom englischen Schriftsteller Edward Lear.


Frei übersetzt steht unter dieser Abbildung Es war einmal ein alter Mann mit einem Bart, der sagte:“Es ist, wie ich es befürchtet habe – zwei Eulen, eine Henne, vier Lerchen und ein Zaunkönig haben sich ein Nest in meinem Bart gebaut. Der Text zeichnet sich nicht durch einen tieferen Sinn aus, sondern lediglich durch das Spiel mit Sprache, um den Empfänger (Leser, Zuhörer) zu erheitern. Schauen wir auf ein weiteres Beispiel.


Vorigen Handschuh verlor ich in meinem Herbst
da ging ich drei Tage finden, eh´ ich ihn suchte

Dieses Beispiel ist einem Werk von Johann Lewalter entnommen. Hier werden die wichtigen Wörter des Satzes vertauscht und somit gleichermaßen Ursache und Wirkung. Diese Ausschnitt ist auch ein Sprachspiel und dient ausschließlich der Unterhaltung aufgrund der unlogischen Verbindung. Demnach ist es Nonsens.

Merkmale der Nonsensdichtung

Übersicht: Die wichtigsten Merkmale der Nonsens-Dichtung

  • Sämtliche Texte, die sich als Nonsens identifizieren lassen, verletzen teils Regeln der Sprache, logische Tatsachen, erscheinen absurd, spielen mit Paradoxa oder sind lediglich Sprachspiele. Nonsens soll unterhalten, eine überraschende Wirkung erzielen oder dient als sprachliche Lockerungsübung sowie als kindlicher Abzählreim.
  • Nonsensliteratur entzieht sich oftmals einer verstandesmäßigen Deutung und lässt sich kaum fassen. Demzufolge kann es durchaus Sinn ergeben, ein solches Werk zu analysieren, doch eine Interpretation ist in den meisten Fällen nicht sinnvoll oder zielführend.
  • Charakteristisch sind Buchstabendreher und das Austauschen ganzer Wörter, das Brechen mit gängigen Regeln der Grammatik sowie der Rechtschreibung (vgl. Kauderwelsch), Bildung von Neologismen und Okkasionalismen (Wortneuschöpfungen) oder unendliche Verse, die mit der gleichen Zeile enden, die auch zu Beginn gebraucht wird (Bsp.: Ein Mops ging in die Küche).

  • Typische Stilmittel und Formen: Onomatopoesie (Lautmalerei), Schüttelreime, Limericks, Palindrome, Klapphornverse, Kinderlieder, Sprachspiele, Abzählreime, Lügengeschichten, Neologismen, Okkasionalismen, fiktive Nomen, Paradoxa, unbekannte Metaphern.

Ursprünge, Werke, Vertreter des Nonsens

In zahlreichen Werken lassen sich Passagen ausmachen, die dem Nonsens zuzuordnen sind, was sich sogar im Mittelalter oder auch bei den Reden der Shakespeare’schen Narrengestalten belegen lässt. Als eigenständiges Genre ist der Nonsens aber erst ab dem 19. Jahrhundert auszumachen.

In Deutschland sind als erste Vertreter vornehmlich Christian Morgenstern (1871-1914) oder auch Joachim Ringelnatz (1883-1934) zu benennen. Vorher ist der Nonsens vor allem im englischen Raum vertreten und beliebt, wie bereits durch das obige Beispiel von Edward Lears belegt.

Lears verhalf nicht nur der Gattung zu einem eigenen Namen, sondern trug auch beträchtlich dazu bei, dass der Limerick sich international so sehr etablieren konnte. Zwar erfand er in seinem Book of Nonsense nicht den Limerick selbst, konnte ihm aber durch die Popularität des Werkes zu einem festen Stand in der literarischen Szene verhelfen.

Neben Lears muss außerdem Lewis Carroll (1832 – 1898) als wesentlicher Vertreter der Gattung genannt werden. Sein wohl bekanntestes Werk Alice im Wunderland ist beinahe eine Aneinanderreihung unsinniger Elemente. Immerhin erwachen dort Karten zum Leben, verrückte Hutmacher treiben ihr Unwesen und eine Katze streunt herum, die sich in ein einziges Grinsen verwandeln kann.

In Deutschland sind es weiterhin Heinz Erhard, James Krüss, Peter Hacks, Robert Gernhardt, Ernst Jandl und Michael Ende, die Nonsens im 20. Jahrhundert prägten und für Jung und Alt in zahlreichen Texten zum Leben erweckten. Versuchen wir außerdem, den Unsinn einer bestimmten Literaturepoche zuzuordnen, landen wir alsbald im Futurismus, Dadaismus oder Surrealismus (→ Literaturepochen).

Kurzübersicht: Das Wichtigste im Überblick

  • Die Gattungsbezeichnung geht auf das Book of Nonsense von Edwards Lears zurück. Dieses enthält scherzhafte, unsinnige Limericks und ist dabei charakteristisch für das spätere Genre.
  • Nonsensliteratur, auch Unsinnspoesie, ist ein Genre, das sich kaum deuten lässt. Es bricht mit gängigen Regeln, verletzt erwiesene Dinge, und Normen der Sprache, erbringt teils leere Vergleiche und ist größtenteils absurd und ein Spiel mit der Sprache.
  • Dennoch ist das Genre nicht sinnlos und kann auch nicht als einfache Blödelei oder Witzerei abgetan werden. Denn Nonsens ist nicht nur witzig oder satirisch, sondern folgt dennoch gewissen Regeln oder Abfolgen. Der Begriff der Nonsenskunst ist durchaus sinnvoll.