Als Ostrakon wird eine Tonscherbe bezeichnet, die als günstiges Schreibmaterial neben Papyrus und Pergament in der Antike diente. Solche Ostraka waren vor allem im alten Griechenland sowie im Ägypten des 3. Jahrhunderts v. Chr. verbreitet. Zumeist dienten die Scherben dazu, kurze Notizen festzuhalten, wie etwa schulische Aufgaben, Rechnungen, Quittungen, Listen, Sprüche oder auch knappe Briefe aller Art. Darüber hinaus sind aber auch literarische und religiöse Texte auf Ostraka zu finden. Der Text wurde hierfür entweder mit Tinte aufgetragen oder mithilfe eines spitzen Gegenstandes in das Ostrakon eingeritzt. Sehr selten wird die Bezeichnung aber auch für Muschel-, Eier- sowie Kalksteinscherben, die dem gleichen Zweck dienten, verwendet.

Der Begriff leitet sich vom griechischen Nomen τὸ ὄστρακον ab, das sich mit Tonscherbe übersetzen lässt. Darüber hinaus leitet sich davon das Ostrakismos ab, das sogenannte Scherbengericht. Mit diesem Begriff wird ein Verfahren in der Antike – vor allem in Athen – bezeichnet, um unliebsame Bürger aus dem politischen Umfeld zu vertreiben. Hierfür konnte jeder Bürger konnte auf die eigene Stimmscherbe“ schreiben oder ritzen, wen er der Stadt verwiesen haben wollte. Wurde diese Person mit einer Mehrheit von mindesten 6000 Stimmen genannt, wurde sie für 10 Jahre aus der Stadt verbannt.


Beispiele verschiedener Ostraka aus der Antike

Bild: Potsherds (ostraka) used as voting tokens von Tilemahos Efthimiadis, Bearbeitung: Wortwuchs, Lizenz: CC BY 2.0, Quelle


Das obige Beispiel-Bild zeigt vier verschiedene Tonscherben, die vermutlich bei einem Scherbengericht verwendet wurden. Drei der gezeigten Ostraka zeigen den Namen Megakles, den Sohn des Hippokrates, der athenischer Politiker war. Megakles wurde nachweislich 487/86 v. Chr durch das Scherbengericht verbannt, wenngleich er schon nach wenigen Jahren – nämlich 480 v. Chr. – zurückberufen wurde.

Ferner finden sich auf einigen dieser Tonscherben nicht nur einzelne Namen, sondern auch literarische Erzeugnisse, wie etwa knappe Gedichte in wenigen Versen oder die Abschriften einzelner Strophen bekannter antiker Dichter. Allerdings sind solche Ostraka eher irrelevant in Bezug auf das literarische Zeugnis, sind aber für die Dialektforschung, Topographie und Wirtschaftsgeschichte der Antike ein ein wertvoller Beleg und sind außerdem eine Quelle für politische Abläufe und das Alltagsleben der Antike.

Ostrakismos (Scherbengericht)

Das Ostrakismos (Scherbengericht) war ein „demokratisches“ Instrument der Antike. Vor allem in Athen konnten auf diesem Weg sämtliche Bürger alljährlich abstimmen, ob ein Scherbengericht stattfinden sollte und wenn ja, welcher Bürger für zehn Jahre verbannt werden sollte.

Demnach fungierten die kleinen Tonscherben hierbei als eine Art Stimmzettel, wobei jeder Bürger auf seine Scherbe „schreiben“ konnte, wen er verbannen wollte. Dabei wurde der Name und häufig noch der Name des Vaters angegeben, wobei sich auf einen Ostraka außerdem der Bezirk angegeben wurde, in welchem der jeweilige Bürger lebte. Wer nun am häufigsten genannt wurde, musste innerhalb von zehn Tagen für zehn Jahre in die Verbannung gehen. Wer vorzeitig zurückkam, dem drohte die Todesstrafe.

Bekannte Ostrakismen, die mittel Ostraka entschieden wurden.
JahrVerbannterWer war das?
488/87 v. Chr.HipparchosSohn des Charmos
487/86 v. Chr.MegaklesSohn des Hippokrates
485/84 v. Chr.XanthipposVater des Perikles
483/82 v. Chr.Aristeides
472/71 v. Chr.MegaklesSohn des Hippokrates, zum zweiten Mal
471/70 v. Chr.Themistokleshatte mehrfach Ostrakismen überstanden.
461/60 v. Chr.KimonSohn des Miltiades
444/43 v. Chr.ThukydidesSohn des Melesias
417/15 v. Chr.HyperbolosLetztes Scherbengericht
Sekundärliteratur und weiterführende Werke zum Thema Ostrakon
  • Fricke, Harald u.a. (Hrsg.): Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Berlin, New York: Walter Gruyter 2000, Bd.1-3
  • Otto F. Best: Handbuch literarischer Fachbegriffe. Definitionen und Beispiele 4. Aufl. Fischer, Frankfurt am Main 1998
  • Gero von Wilpert: Sachwörterbuch der Literatur. 8. Auflage. Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 2001