Als Peripetie wird der Höhepunkt und somit der Wendepunkt im klassischen Drama bezeichnet. Die Peripetie ist die unerwartete Umkehr im Handlungsverlauf des Dramas, weshalb an dieser Stelle der Ausgang (gut oder schlecht) der Handlung ersichtlich wird. Somit bezeichnet die Peripetie das plötzliche Umschlagen des Glücks / Unglücks im Schicksal des Handelnden.

Der Begriff lässt sich aus dem Altgriechischen ableiten (περιπέτεια ~ peripeteia) und mit plötzlicher Umschlag oder unerwartetes Glück übersetzen. Demnach verweist schon die Übersetzung des Wortes darauf, worum es grundsätzlich geht: das plötzliche Umschlagen im Verlauf einer Tragödie, welches das Blatt wendet.

Das klassische Drama beginnt mit einer Exposition, worauf das erregende Moment folgt, das im Höhepunkt (Peripetie) gipfelt, woraufhin die Handlung durch das retardierende Moment verzögert wird und letzten Endes in der Katastrophe endet. Daraus ergibt sich die typische Spannungskurve des Dramas.Aufbau des klassischen Dramas - Exposition, erregendes Moment, Peripetie, retardierendes Moment, Katastrophe

Diese Spannungskurve kann vor allem im klassischen Fünfakter nachvollzogen werden, wobei die Peripetie ganz charakterisitsch für die Tragödie ist und die Katastrophe einleitet. Erstmalig wird der Begriff in der Poetik des Aristoteles verwendet. Später wird die Bezeichnung auch für andere literarische Gattungen genutzt und beschreibt einen Wendepunkt im Ablauf der Handlung, der die Lösung des Konflikts einleitet.

In Bezug auf den Fünfakter liegt die Peripetie demnach im dritten Akt, wobei die Probleme und Wirrungen der ersten Akte allmählich aufgelöst werden. In Dreiaktern findet dies meistens am Ende des zweiten oder zu Beginn des dritten Aktes statt. Aristoteles verweist darauf, dass sich Peripetie aus der Handlung des Dramas ergeben und nicht von außen herbeigeführt oder übernatürlicher Natur sein sollte.

Hinweis: Die Peripetie bezieht sich auf die Handlung des Dramas und lässt sich vor allem in Dramen der geschlossenen Form ausmachen. Solche Dramen kennzeichneten das literarische Schaffen der Antike. In der Folge nahmten viele Literaten die antiken Dichter nach, weshalb der Aufbau sehr verbreitet war.

Beispiel: Peripetie in Maria Stuart

Maria Stuart, ein klassisches Drama von Friedrich Schiller, eignet sich aufgrund seines Aufbaus ideal, um die einzelnen Elemente des dramatischen Textes herauszuarbeiten. Alle Bestandteile treten eindeutig zutage, wobei wir es hierbei außerdem mit einer Tragödie zu tun haben.

FunktionInhalt
I. AktExposition
(erregendes Moment)
Vorgeschichte; Situation Marias (Gefangenschaft); Begründung für das Todesurteil, das ihr alsbald bevorsteht und die Konsequenzen daraus.
II. AktSteigerungVerhandlung des Staatsrates über das Todesurteil von Maria Stuart; das scheinbare Eingehen Mortimers auf den Mordauftrag von Elisabeth; Leicesters und Mortimers Auseinandersetzung über die Befreiung von Maria; Leicester bringt Elisabeth dazu, einem Treffen mit Maria einzuwilligen.
III. AktHöhepunkt (Peripetie)Die beiden Königinnen, Maria und Elisabeth, treffen sich im Garten von Fotheringhay; Mortimers leidenschaftlicher Gefühlausbruch gegenüber Maria.
IV. Aktretardierendes MomentVerrat durch Leicester; Mortimers Befreiungsplan scheitert; Mortimer stirbt; Auseinandersetzung über das Todesurteil, dem Leicester zustimmt.
V. AktKatastropheTod der Maria Stuart; Bestrafung der Elisabeth (Verlassenheit)

Maria Stuart, Königin von Schottland, wird wegen der Ermordung ihres Mannes aus dem Land gejagt und sucht bei der Königin von England, Elisabeth I., Zuflucht. Da Maria aber selbst Anspruch auf die englische Krone hätte, sperrt Elisabeth die Schutzsuchende ein. Die Handlung setzt 19 Jahre später, drei Tage vor der Hinrichtung Marias, ein.

In der Vergangenheit hatten viele Männer versucht, die schöne Maria zu befreien. Auch Mortimer möchte sie retten und nimmt deshalb einen Auftrag der Königin Elisabeth an, um sich Maria zu näheren und seinen Plan in die Tat umzusetzen.

Darüber setzt er den Grafen von Leicester in Kenntnis, der Maria liebt, aber der Liebhaber Elisabeths ist. Um Maria zu helfen, arrangiert dieser ein Treffen der beiden Königinnen, so dass Maria die Möglichkeit hat, das Herz der Rivalin zu berühren und dem Urteil zu entgehen.

Als das Treffen zustande kommt, eskaliert die Situation. Maria, die vom Zeitpunkt des Treffens nicht wusste, ist unvorbereitet und verhält sich nicht unterwürfig genug, sondern auf die Ebenbürtigkeit der beiden Frauen verweist. Das hat zur Folge, dass Elisabeth sie noch stärker demütigt und ihr vorwirft, all ihre Männer ins Jenseits zu befördern, woraufhin Maria kontert und Elisabeth vorwirft, dass ihre niedere Herkunft nicht zu verleugnen sei, auch wenn sie sich als jungfräuliche Königin bezeichne.

Die Zusammenkunft der beiden Frauen brachte folglich nicht das gewünschte Ergebnis. Eher ist es so, dass das Verhältnis noch unversöhnlicher ist und die beiden nun gänzlich entzweit sind. Mortimer unterbreitet Maria nun einen Plan, wie sie entkommen könnte, doch da zahlreiche Menschen gefährdet wären, lehnt Maria das Angebot ab.

Einer der Gefolgsleute Mortimers versucht daraufhin einen Mordanschlag auf Elisabeth, der scheitert, woraufhin sich Mortimer ersticht, ohne Maria retten zu können. Um ihren Machtanspruch zu sichern, unterzeichnet Elisabeth das Todesurteil Marias. Da sie dieses aber nicht selbst vollstrecken will, schiebt sie es dem Staatssekretär Davison, der es dann ausführen lässt.


Hinweis: Die Zusammenfassung ist knapp gehalten. Hierbei geht es vornehmlich um den Aufbau des Dramas, um die Peripetie zu verdeutlichen. Die Inhaltsangabe eignet sich allerdings nicht für eine fundierte Analyse des Stücks oder eine tiefgehende Betrachtung (dazu siehe: Maria Stuart).

Im ersten Akt (Exposition) werden uns die Zusammenhänge erklärt. Es gibt eine Einführung, worum es im Drama geht, welche Verstrickungen es bisher gab und warum die Situation so ist, wie sie ist. Das erregende Moment wird ersichtlich, weshalb Maria überhaupt handelt. Hier ist es das Bekenntnis Mortimers und Marias anschließender Brief an Leicester, der nicht folgenlos bleiben soll.

Im zweiten Akt findet sich die Steigerung. Sie dient dazu, den dramatischen Konflikt auszubauen und fußt in der Regel auf einer Handlung des Protagonisten oder Antagonisten, die die weitere Handlung sehr stark beeinflusst und zuvor durch das erregende Moment eingeleitet wurde.

Im dritten Akt steigert sich das Ganze nun zum Höhepunkt (Peripetie). Es keimt die Hoffnung auf, dass der Konflikt aufgelöst werden kann, wenn die beiden Königinnen ins Gespräch kommen. Das Gegenteil ist der Fall und die Katastrophe wird endgültig eingeleitet. Marias Todesurteil ist somit eindeutig besiegelt.

Der vierte Akt verzögert das Offensichtliche nun ein weiteres Mal, um Spannung aufzubauen. Eine solche Verzögerung wird als Retardation bezeichnet. Es entsteht der Eindruck, dass das Schicksal noch abwendbar sei, auch wenn klar ist, dass es unausweichlich ist. Hierbei ist es Mortimers Plan, den Maria abweist und der gescheiterte Mordversuch auf Elisabeth. Die Handlung verlangsamt sich und leitet die Katastrophe ein.

Im fünften Akt wird der Zuschauer nun mit der Katastrophe konfrontiert: der Hinrichtung Marias sowie der Vereinsamung Elisabeths. In der Komödie gäbe es das Happy End, wobei alle Konflikte aufgelöst werden. Das Empfinden von Mitleid und Trauer führt beim Zuschauer zur Katharsis, einer Reinigung oder auch Läuterung der Seele. Die genaue Art der Reinigung wird durch Aristoteles aber nicht näher definiert.

Übersicht: Bedeutung, Wirkung und Funktion der Peripetie

  • Das klassische Drama besteht aus fünf Elementen: der Exposition, dem erregenden Moment, dem Höhepunkt (Peripetie), der Retardation und der Katastrophe. Diese Begriffe gehen auf Aristoteles‘ Poetik zurück und galten für das Drama. Allerdings wurden sie im Laufe der Jahrhunderte ebenso auf andere literarische Gattungen angewendet.
  • Die Peripetie meint den Höhepunkt des dramatischen Textes und leitet dabei einen Umschwung im Handlungsverlauf ein. An dieser Stelle wird ersichtlich, wie das Ganze ausgehen wird, wobei in der Tragödie klar wird, dass das Schicksal des Helden unausweichlich ist.
  • In der Novelle gibt es ein ganz ähnliches Element, das sogenannte Dingsymbol (Falkenmotiv), das den Wendepunkt der Geschichte einleitet und dabei ein zentrales Motiv für den Konflikt der Handlung darstellt. Im Film wird die Peripetie auch als Plot Point bezeichnet.
  • Oftmals ist der Auslöser der Peripetie die Anagnorisis. Diese bezeichnet das Erkennen der wahren Verhältnisse oder das Umschlagen von Unkenntnis in Kenntnis. Aristoteles verweist darauf, dass die Peripetie den größtmöglichen Effekt erzielt, wenn sie mit der Anagnorisis zusammenfällt.
Sekundärliteratur und weiterführende Werke zum Thema Peripetie
  • Fricke, Harald u.a. (Hrsg.): Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Berlin, New York: Walter Gruyter 2000, Bd.1-3
  • Otto F. Best: Handbuch literarischer Fachbegriffe. Definitionen und Beispiele 4. Aufl. Fischer, Frankfurt am Main 1998
  • Gero von Wilpert: Sachwörterbuch der Literatur. 8. Auflage. Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 2001