WORTWUCHS | Literaturlexikon

Posse

Als Posse wird eine niedere, teilweise grobschlächtige Form der Komödie bezeichnet. Die Posse stellt lebensnahe sowie effektvolle Inhalte dar, was oft auf pointenreicher Charakter- und Situationskomik fußt. Das komische Schauspiel soll also vor allem erheitern. Allerdings ist es dabei prinzipiell nicht verletztend, auch wenn sie durchaus von beißendem Spott durchsetzt ist. Ulkige Zufälle und auch unwahrscheinliche Übertreibungen befriedigen im Stück das Lachbedürfnis des Zuschauers.

Begriff

Sehr wahrscheinlich ist, dass der Begriff auf das französische bosse zurückzuführen ist. Dieses lässt sich mit Buckel, Höcker, Beule oder Relief übersetzen. Folglich bezeichnete man als Posse ursprünglich Zierat oder Beiwerk an Gesimsen und Denkmälern oder groteske Scherzfiguren an Brunnen. Hier findet sich auch die Verbindung zum Bühnenstück, welches sonderbare, komische, teils scherzhafte Figuren präsentiert.

Hinweis: Nachfolgend möchten wir die Merkmale der Posse darstellen und anschließend einige Beispiele und Vertreter vorstellen, um dann die Entwicklung und den historischen Hintergrund näher zu beleuchten.

Merkmale der Posse

Übersicht: Merkmale des Bühnenstücks

  • Die Posse ist ein Bühnenstück sowie eine Sonderform der Komödie. Weiterhin ähnelt sie der Commedia dell’arte, der italienischen Stegreifkomödie; dem Fastnachtspiel; der Burleske und dem Schwank oder dem antiken Mimus, einer derbkomische Szene des Alltags.
  • Sie zeichnet sich durch Charakter- und Situationskomik aus und soll demzufolge durch ulkige Darstellungen zum Lachen anregen, wobei sie sich teils durch scharfen Spott auszeichnet.
  • Charakteristisch ist außerdem das hohe Maß an Improvisationen, die sehr häufig in Form eines Zwischenspiels für Erheiterung sorgten. Diese teilweise äußerst flotte Improvisation diente der Unterhaltung und Belustigung, war im 18. Jahrhundert aber auch eine Möglichkeit, der Zensur zu entgehen, da Texte vor der Aufführung kontrolliert und teilweise gestrichen wurden.
  • Im Mittelpunkt der Posse steht in all ihren Ausprägungen eine komische Person, der Harlekin, Hanswurst oder auch Kasper, der uns aus dem Puppenspiel bekannt ist. Diese Figur war der Träger des Komischen oder die Verkörperung dessen, was verspottet wurde.
  • Die Figuren des Theaterstücks sind meist einfache Leute des alltäglichen Lebens, wie etwa Bauern, Handwerker oder Bedienstete. Demnach steht das Ganze den Tragödien des 18. Jahrhunderts gegenüber, die meist von Adligen und höherrangigen Menschen handelten.
  • Auch sprachlich orientiert sich die Posse an den einfachen Menschen, sie basiert auf Alltags- und Umgangssprache und ist in sehr hohem Maße verständlich. Sie ist also für diejenigen geschrieben, die auch vornehmlich zum Publikum solcher Aufführungen zählten.
  • Im Stück kommt es häufig zu unwahrscheinlichen Zufällen, ulkigen Verwechslungen, maßlosen Übertreibungen, wobei das Ganze außerdem durch derben Spott, komische Elemente und witzige Improvisationen gekennzeichnet ist.
  • Hinweis: Die höchste Entwicklung der Posse findet sich im Wien des 17. und 18. Jahrhunderts. Dort wurde das Theaterstück zur Zauberposse erhoben, die mit aufwändiger Bühnentechnik Volksstücke realisierte. Hier traten Wesen der volkstümlichen Mythologie auf und griffen in menschliche Verhältnisse ein, wodurch ein Wendepunkt eingeleitet wurde (→ Peripetie).
  • Bekannte Werke und Possenschreiber
    • Ludwig Tiek (1773 – 1853)
      • Die verkehrte Welt (1798)
    • Johann Nestroy (1801 – 1862)
      • Der böse Geist Lumpacivagabundus (1833)
      • Einen Jux will er sich machen (1842)
      • Judith und Holofernes (1849)
    • Zygmunt Krasiński (1812 – 1859)
      • Ungöttliche Komödie (1835)

Ursprung und Entwicklung der Posse

Die ersten Auspägungen der volkstümliche Komödienform finden sich bereits im 17. Jahrhundert in den Haupt- und Staatsaktion, einer Sammelbezeichnung für Theaterstücke, in deren Mitte der Hanswurst stand, eine derbkomische Gestalt der deutschsprachigen Stegreifkomödie.

Dennoch gab es bereits in der Antike das sogenannte Satyrspiel. Dieses kann gewissermaßen als eine Urform der Posse verstanden werden. Das Satyrspiel ist ein heiteres, befreiendes Nachspiel, das den einer Abfolge von drei Tragödien folgte, die am tragischen Agon der Großen Dionysien aufgeführt wurde.

Die Posse, wie sie heutzutage verstanden wird, entwickelte sich allerdings aus dem Fastnachtspiel des 16. Jahrhunderts und ist auch mit der Commedia dell’arte verwandt, der italienischen Stegreifkomödie des 16. bis 18. Jahrhunderts. Auch die Figur des Kaspers im Puppenspiel weist wesentliche Elemente der Posse auf. Die Puppenfigur Kasper ist im deutschen Sprachraum seit Ende des 18. Jahrhunderts bekannt.

Im 18. Jahrhunderte entwickelte sich das derbe Bühnenstück zu einer aufwändigen Show der Illusionen, wobei der Text teilweise in den Hintergrund geriet. Die Possen dieser Zeit basieren auf Bühnenillusionen und Zauberei oder handeln als Besserungsstücke von einem Menschen, der sich aus Dummheit, Unzufriedenheit oder Vermessenheit nicht der gesellschaftlichen respektive göttlichen Ordnung fügt und erst nach vielen Prüfungen zurück ins gutbürgerliche Leben findet, wodurch das klassische Happy End eingeleitet wird.

Den Höhepunkt der Possen bilden allerdings die Werke Johann Nestroys im 19. Jahrhundert. Nestroy verhalf der verbreiteten Zauberposse zu einem neuen Image, gab ihr einen intellektuellen Anstrich und entwickelte in diesem Zuge zahlreiche parodistische und satirische Possen. Eines seiner bekanntesten Werke dieser Tage ist Der böse Geist Lumpacivagabundus (1833), welches von der Kritik durchweg positiv bewertet wurde.

Außerdem ist die Posse im 19. Jahrhundert beinahe immer mit Gesang verbunden und wird außerdem von einem prägnanten Couplet unterbrochen, einem mehrstrophigen, witzig-zweideutigen, politischen oder auch satirischen Lied mit sehr eingängigem Refrain. Weiterhin kann das Bühnenstück nun Tänze und Chöre enthalten und wandelt sich in dieser Form vermehrt zum Musiktheater.

Kurzübersicht: Das Wichtigste zur Posse im Überblick

  • Possen sind derbe und mitunter grobschlächtige Vertreter der Komödie. Das bedeutet, dass sie sich durch ulkige Begebenheiten und wahnwitzige Begebenheiten auszeichnet und von derber und einfacher Sprache begleitet ist. Die Posse erinnert in Teilen sogar an die Clownerie, was vornehmlich durch den Schwerpunkt auf pointenreicher Situationskomik begründet ist.
  • Die Posse wandelte sich im Laufe der Jahrhunderte von einem einfachen, ulkigen Bühnenstück zur eindrucksvollen Bühnenillusion (Zauberposse) mit Feen, Geistern und Märchengestalten, wobei vermehrt musikalische Einlagen ins Repertoire genommen wurden.
  • Hinweis: Zahlreiche der einstigen Possentraditionen sowie der vorgestellten Eigenschaften werden heutzutage durch das Kino respektive den komödiantischen Film übernommen.