Als Adynaton wird ein rhetorisches Stilmittel bezeichnet, das uns in Texten jeder literarischen Gattung begegnen kann. Das Adynaton ist eine Aussage, die sich auf die Unmöglichkeit eines Sachverhalts beruft, um zum Ausdruck zu bringen, dass etwas unter gar keinen Umständen eintreten wird. Das Adynaton wirkt verstärkend und ist mit der Hyperbel verwandt.

Der Begriff leitet sich vom griechischen ἀδύνατος/ον (adynatos/on) ab, was sich mit unmöglich übersetzen lässt. Demzufolge zeigt uns schon die Übersetzung der Stilfigur, worum es grundsätzlich geht: um einen unmöglichen Sachverhalt [der angeführt wird, um indirekt zum Ausdruck zu bringen, dass etwas unter keinen Umständen eintritt]. Schauen wir zur Veranschaulichung der Stilfigur auf ein Beispiel.


Ich zahle das Geld zurück, wenn meine Katze ihr erstes Wort spricht.

Im obigen Beispiel wird ausgesagt, dass man seine Schulden dann begleicht, wenn die eigene Katze das Sprechen erlernt hat. Dieser Umstand ist sehr unwahrscheinlich, sogar unmöglich. Demzufolge sagt der Sprechende im Beispiel aus, dass er das Geld nie zurückzahlen wird.

Das Adynaton führt demnach ein Ereignis als Überraschungsmotiv ein, das im klaren Gegensatz zu einem Naturgesetz, der Weltordnung oder verbürgten Sitte steht. Adynata wurden als Stilmittel schon in der Antike verwendet, um zu bekräftigen, dass ein bestimmtes Ereignis niemals eintreten wird.


Eher werden darum flinke Hirsche am Himmel weiden, | und die Meere werden die Fische nackt am Strand zurücklassen, | eher wird der Parther aus der Saone oder der Germane aus dem Tigris trinken, | nachdem er sein Gebiet verlassen und das des anderen durchwandert hat, | als dass sein Antlitz aus unserem Herzen schwindet. (Vergil, Bucolica I 59-63)


Diese Passage stammt vom lateinischen Dichter Vergil und reiht gleich mehrere Adynata aneinander. Uns werden hier drei Möglichkeiten präsentiert, die unwahrscheinlich oder gar unmöglich sind (fliegende Hirsche, ein Meer, das die Fische im Stich lässt und eine räumliche Unmöglichkeit), aber dennoch viel wahrscheinlicher sind, als dass sein Antlitz (~Gesicht) nicht mehr in unseren Herzen ist.

Hinweis: Das Adynaton ist also immer ein Vergleich mit dem Unmöglichen, um die eigene Aussage zu bekräftigen und indirekt als richtig oder wahrscheinlicher darzustellen. Durch das enorme sprachliche Bild können Adynata verstärkend wirken und sind für den Empfänger (Leser, Zuhörer) einprägsam.

Wirkung und Funktion von Adynata

Prinzipiell ist es schwierig, einer rhetorischen Stilfigur eine einheitliche Funktion oder Wirkung zuzuschreiben. Dann laufen wir nämlich Gefahr, nicht mehr zu überprüfen, ob es sich in diesem Fall tatsächlich so verhält. Dennoch möchten wir Ihnen einige Hinweise geben.

Übersicht: Bedeutung, Wirkung und Funktion des Adynatons

  • Adynata meinen das Anführen von ganz unmöglichen Beispielen (weiße Raben; fliegende Fische; Wasser, das bergauf fließt etc.), um so zu bekräftigen, dass ein bestimmtes Ereignis niemals eintreten wird (Untreue unter Eheleuten; Rückkehr eines Sohnes, der wegen dem Mord an seinem Bruder flüchtig ist etc.). Die genutzten Beispiele sind hierbei häufig Oxymora.
  • Somit wirkt das Adynaton absolut, verstärkend und endgültig, es ist die Verbildlichung des Wortes nie. Die Wirkung kann deshalb verstärkend sein, weil das sprachliche Bild, das geschaffen wird, dem Empfänger (Leser, Zuhörer) das Ausmaß der Aussage vor Augen führt.
  • Demzufolge ist die Stilfigur mit der Periphrase verwandt. Als Periphrase wird die Umschreibung eines Ausdrucks bezeichnet, wobei dieser nicht direkt benannt wird, sondern aufgrund seiner Merkmale, Tätigkeiten oder Wirkungen umschrieben wird. Das Adynaton nennt dabei die unmöglichen Merkmale von Dingen und umschreibt so die Wörter nie oder niemals.
  • Das Stilmittel ist nicht nur auf literarische Werke oder die Rhetorik beschränkt, sondern taucht vor allem in der Umgangssprache und Redewendungen auf, um die Unmöglichkeit zum Ausdruck zu bringen (Beispiele: „Wenn Schweine fliegen können“ oder „Wenn Ostern und Weihnachten auf einen Tag fallen“.)
Sekundärliteratur und weiterführende Werke zum Thema Adynaton
  • Fricke, Harald u.a. (Hrsg.): Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Berlin, New York: Walter Gruyter 2000, Bd.1-3
  • Otto F. Best: Handbuch literarischer Fachbegriffe. Definitionen und Beispiele 4. Aufl. Fischer, Frankfurt am Main 1998
  • Gero von Wilpert: Sachwörterbuch der Literatur. 8. Auflage. Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 2001