WORTWUCHS | Literaturlexikon

Anastrophe

Eine Anastrophe ist ein rhetorisches Stilmittel, welches eine Umkehrung der geläufigen syntaktischen Wortstellung meint. Häufig kommt die Anastrophe zum Einsatz, um einen bestimmten Rhythmus oder Klang einzuhalten (vgl. Metrum) oder um eine Reimform zu realisieren. Man versteht unter dem Begriff also eine Figur, bei der abweichend von der ansonsten üblichen grammatikalischen Wortstellung zwei zusammengehörende Wörter umgestellt werden. Verwandt sind Hysteron-Proteron und Hyperbaton.

Dieser Begriff leitet sich aus dem Griechischen ab und setzt sich aus den Wörtern aná (ἀνά) für hinauf sowie stréphein (στρέφειν) für wenden zusammen. Die Übersetzung des Begriffs gibt demnach allenfalls Hinweise, worum es bei der Figur geht. Schauen wir deshalb zur Veranschaulichung auf einige Beispiele:


Röslein, Röslein, Röslein rot,
Röslein auf der Heiden.

Das obige Beispiel sind zwei Verszeilen, die sämtliche Strophen aus Johann Wolfgang von Goethes Gedicht Heidenröslein abschließen (vgl. Kehrreim). Auffällig ist hierbei die Nachstellung des Adjektivs rot, das hinter dem Nomen Röslein steht, auf das es sich bezieht. Üblicherweise heißt es nämlich rotes Röslein und eben nicht Röslein rot – genau diese Umkehrung der geläufigen Wortstellung wird als Anastrophe bezeichnet.


Hänschen klein ging allein in die weite Welt hinein […]

Die obige Zeile ist der Anfang eines bekannten Kinderliedes (vgl. Kinderreime). Auch in diesem Beispiel gibt es eine Umkehrung der geläufigen Reihenfolge, da das Adjektiv hinter dem Nomen steht, das es beschreibt. Üblicherweise würde es kleines Hänschen und eben nicht Hänschen klein heißen. In diesem Fall wird auch ersichtlich, dass diese Umstellung den rhythmischen Binnenreim aus klein, allein und hinein ermöglicht.

Die vorgestellten Beispiele sind förderlich für den Klang und Rhythmus des jeweiligen Werkes und klingen – was eine häufige Wirkung der Anastrophe ist – eher altertümlich. Demzufolge finden sich solche Wendungen vermehrt in der volkstümlichen Dichtung. Die Beispiele basieren beide auf einer Nachstellung des Adjektivs, wobei außerdem die Nachstellung der Präposition hinter das Substantiv häufig ist. Ein Beispiel:


Das war zweifelsohne Betrug.

Im obigen Beispiel findet sich das Adverb zweifelsohne. Dieses entsteht aus eine Umstellung der Präposition ohne hinter das Nomen Zweifel. Die geläufige Abfolge wäre demnach ohne Zweifel, die durch die Anastrophe vertauscht wurde. Ersichtlich wird dabei, dass die Anastrophe nicht nur als lyrisches Konstrukt, sondern auch im Sprachgebrauch auszumachen ist. In der Literatur sind übrigens Umstellungen aller Art zu finden:


Warum verschweigst du deine Herkunft ihm?

In diesem Beispielsatz, der Goethes Iphigenie auf Tauris entnommen wurde, handelt es sich beispielsweise um eine Nachstellung des Personalpronomens ihm. Üblicherweise stünde dieses zwischen du und deine, weshalb auch dieser Satz von der geläufigen Wortstellung abweicht und als Anastrophe zu werten ist.

Kurzübersicht: Das Wichtigste zur Stilfigur im Überblick


  • Die Anastrophe ist ein sprachliches Stilmittel, das eine Umkehrung der geläufigen syntaktischen Wortstellung meint. Zumeist kommt die Figur zum Einsatz, um einen bestimmten Rhythmus und Reim zu realisieren oder eine besonders gehobene Redeweise zu simulieren.
  • Viele der möglichen Umstellungen wirken erhaben, wobei das Nachstellen des Adjektivs hinter das Substantiv, auf welches es sich bezieht, durchaus volkstümlich wirken kann und demnach auch ein häufiges Stilmittel in ebendieser Dichtung sowie Volksliedern ist.
  • Teilweise erscheint die Anastrophe als Mittel, um den Vers einer bestimmten Form gefügig zu machen. Gegen diesen Einsatz, welcher unter Umständen mangelnde Fähigkeiten des Autors aufzeigt, sprach sich Martin Opitz, ein Dichter und ein Theoretiker des Barock, aus.

  • Hinweis: Die Begriffe Inversion und Anastrophe werden oftmals synonym verwendet. Im engeren Sinn bezieht sich die Inversion aber vornehmlich auf die unübliche Stellung von Prädikat und Subjekt.

Stichwortverzeichnis