Als Antilabe wird ein rhetorisches Stilmittel bezeichnet, welches vornehmlich im Drama zum Einsatz kommt, aber durchaus auch in der Lyrik zu finden ist. Die Antilabe beschreibt den Umstand, dass ein einzelner Vers, welcher metrisch oder inhaltlich zusammengehört, von zwei oder mehreren Figuren gesprochen wird. Diese Fragmente sind zumeist keine eigenständigen Sätze, sondern Wortfolgen.

Der Begriff leitet sich aus dem Griechischen ab (ἀντιλαβή) und lässt sich mit Einwendung, Widerhalt oder auch Haltegriff übersetzen. Die Übersetzung verweist somit nur indirekt darauf, worum es eigentlich geht: nämlich darum, dass mehrere Figuren einen Dialog führen, wobei die einzelnen Wörter ineinandergreifen und dabei wie ein Haltegriff oder eine Einwendung funktionieren. Schauen wir zur Veranschaulichung auf ein Beispiel.


M: Die Mütter sind es!
F: Mütter!
M: Schaudert’s dich?

Das obige Beispiel ist ein Dialog aus Johann Wolfgang von Goethes Faust und beinhaltet ein Wortgefecht zwischen Mephistopheles und Faust. Dieser Auszug wurde ausgewählt, weil er einerseits das Stilmittel der Antilabe verdeutlicht und andererseits oft für dieses angeführt wird, wobei er nicht richtig erklärt wird.

Entscheidend ist hierbei, dass der aufgeteilte Vers im Eigentlichen ein Blankvers ist. Das meint, dass er aus einem fünfhebigen Jambus gebildet wird, wechselnde Kadenzen hat sowie eine freie Zäsur aufweist. Dieser Blankvers, der demnach metrisch, also aufgrund der Hebungen und Senkungen, zusammengehört, wurde zwischen Mephistopheles und Faust aufgeteilt und wird demzufolge zur Antilabe. Noch ein Beispiel.


B: Peace then. No words.
C: I’ll rather kill myself.
——
B: Frieden dann. Keine Worte.
C:Ich werde mich nicht töten.

Dieses Beispiel ist ebenfalls einem Dialog entnommen. Es sprechen Brutus und Clitus aus Shakespeares Tragödie Julius Cäsar miteinander. Auch hierbei wurde die zusammengehörende Dramenzeile auf mehrere Sprechende aufgeteilt, auch in diesem Fall ist das Ganze als Blankvers zu bezeichnen. So wird eine hohe Dynamisierung und Dramatisierung der Figurenrede ermöglicht, da der Rhythmus nicht gebrochen wird.

Übersicht: Bedeutung, Merkmale und Wirkung der Antilabe

  • Die Antilabe ist ein Begriff aus der Rhetorik und eine Form der Stichomythie. Sie beschreibt den Umstand, dass ein Sprechvers auf mehrere Sprechende aufgeteilt wird. Das erkennt man daran, dass die Teile der Rede rhythmisch zusammengehören. Das kann auf einer inhaltlichen Ebene vollzogen werden und außerdem entsprechen die einzelnen Elemente meist einer bekannten Versform (z.B. Blankvers).
  • Der Wechsel zwischen den Sprechenden wird von Vers zu Vers vollzogen, wobei der Redeanteil der einzelnen Figuren zumeist elliptisch ist, also aus unvollständigen Sätzen besteht. Dies kann dazu führen, dass die Geschwindigkeit und somit das Redetempo erhöht wird. Die Antilabe kommt also häufig zum Einsatz, wenn Hektik und eine Dynamik gezeigt werden soll.
  • Im dramatischen Text wird das Stilmittel sehr oft durch Einrückungen verdeutlicht, wie auch in den obigen Beispielen ersichtlich wird. So weiß der Leser, dass der Sprechvers zwischen den Sprechenden aufgeteilt wird und der rhythmischen Struktur kein Abbruch getan wird.
Sekundärliteratur und weiterführende Werke zum Thema Antilabe
  • Fricke, Harald u.a. (Hrsg.): Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Berlin, New York: Walter Gruyter 2000, Bd.1-3
  • Otto F. Best: Handbuch literarischer Fachbegriffe. Definitionen und Beispiele 4. Aufl. Fischer, Frankfurt am Main 1998
  • Gero von Wilpert: Sachwörterbuch der Literatur. 8. Auflage. Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 2001