WORTWUCHS | Literaturlexikon

Brachylogie

Als Brachylogie wird eine knappe sowie gedrängte Ausdrucksweise bezeichnet. Demnach meint Brachylogie die Fähigkeit, mit einem minimalem Wortaufwand das Maximum an Aussagekraft zu erzielen und somit die Wirkung eines literarischen Textes zu verdichten. Sie ist folglich ein Stilmittel der Rhetorik und ähnelt Ellipse, Aposiopese, Syllepse, Apokoinu und Zeugma.

Der Begriff Brachylogie stammt aus dem Griechischen (brachys ~ kurz, logos ~ Wort) und lässt sich in etwa mit Kurzwortigkeit oder auch Kürze im Ausdruck übersetzen. Demnach zeigt die Übersetzung exemplarisch, worum es hier geht: nämlich um eine kurze und knappe Ausdrucksweise. Schauen wir auf ein Beispiel.


WALTER: – – – Kann jemand anders hier im Orte nicht – ?
ADAM: Nein, in der Tat –
WALTER: Der Prediger vielleicht.
ADAM: Der Prediger? Der –
WALTER: Oder Schulmeister.

Dieser Auszug stammt aus dem Lustspiel Der zerbrochne Krug von Heinrich von Kleist und zeigt uns einen Dialog zwischen dem Dorfrichter Adam und dem Gerichtsrat Walter. Im Text werden bestimmte Satzglieder ausgelassen, die für den Leser jedoch nicht unbedingt zum Verständnis notwendig sind.

Die fehlenden Elemente kann der Empfänger (Leser, Zuschauer) nämlich selbst erschließen, wenn er den Zusammenhang des Textes kennt und die fehlenden Bausteine somit im Kopf zusammenfügt und ergänzt. Folglich meint Brachylogie nicht nur das Verkürzen des Textes, sondern die künstlerische Fähigkeit, mit minimalem Wortaufwand das Maximum an Aussage zu erzielen.


Das Tröpflein wird das Meer, wenn es ins Meer gekommen;
Die Seele     Gott, wenn sie in Gott ist aufgenommen.

Das obige Beispiel stammt von Angelus Silesius, einem deutschen Lyriker, Theologen und Arzt der Barockzeit, und ist seinem Werk Der cherubinische Wandersmann entnommen, das vornehmlich aus zweizeiligen Sprüchen besteht, die in Alexandrinern verfasst sind.

Hierbei fehlt das Wort wird (farblich Markierung), das durch den Leser selbst erschlossen werden kann, da es im unmittelbaren Kontext der Verse schon aufgegriffen wurde, weshalb der Satzsinn durchaus klar und verständlich ist. Demnach kann das Auslassen von wird als Form der Brachylogie gelten.

Brachylogie und verwandte rhetorische Stilmittel

Wie eingangs erwähnt, ist die Brachylogie mit zahlreichen anderen Stilfiguren verwandt, die auf dem Auslassen von Satzbestandteilen fußen. Zur Unterscheidung möchten wir diese vorstellen.

  • Ellipse: Meint grundsätzlich das Fehlen bestimmter Satzteile, die sich jedoch im Zusammenhang durch den Empfänger rekonstruieren lassen. Demnach ist die Brachylogie stets eine Ellipse.
  • Syllepse: Beruht auf der Einsparung eines Elements, um den Satz zu verkürzen. Sie ist somit die syntaktisch unkorrekte Verbindung eines Wortes (Satzteiles) mit mehreren in Person, Numerus, Genus oder Kasus ungleichen Wörtern (Satzteilen). (Beispiel:“Die Rede wurde gehalten und zahlreiche Beispiele gezeigt.“)
  • Aposiopese: Ist das Abbrechen eines Satzes, wobei das Wesentliche, also die grundsätzliche Aussage des Satzes, verschwiegen wird und somit durch den Leser ergänzt werden muss. (Beispiel:“Ich hätte ihn einfach – !“)
  • Apokoinu: Ist ein rhetorisches Stilmittel der Worteinsparung. Hierbei gibt es eine Doppelbeziehung von einem Satzteil oder Wort auf etwas Vorhergehendes sowie Folgendes. (Beispiel:“Was sein Pfeil erreicht, das ist seine Beute, was da kreucht und fleucht.“ ~ Der Mittelteil, das ist seine Beute, bezieht sich auf die umschließenden Textteile.)

  • Zeugma: Ein Wort (meist ein Verb) bezieht sich auf verschiedene Teile eines Satzes. Demnach wird die gemeinschaftliche Wortart zweier Sätze in einer Satzverbindung doppelt gebraucht (Beispiel:“Er schlug die Scheibe und den Weg nach Hause ein.“).

Wirkung und Funktion von Brachylogie

Grundsätzlich ist es natürlich schwierig, einer Stilfigur eine eindeutige Wirkung nachzuweisen. Dann laufen wir nämlich Gefahr, das Ganze nur noch auf diese Wirkungsweise zu reduzieren. Dennoch möchten wir Ihnen einige Vorschläge zum Effekt der Brachylogie machen.

  • Brachylogie kann einen Text durchaus hektischer erscheinen lassen, gerade in Form des Dialogs, wird durch den Einsatz Geschwindigkeit vermittelt.
  • Weiterhin ist sie die Reduktion auf das Wesentliche. Das kann einerseits bewirken, dass eine Aussage verstärkt wird und somit eindringlicher wirkt und andererseits die Aussagekraft steigern.
  • Oftmals wird Brachylogie in der Literatur auch verwendet, um Umgangssprache nachzuahmen. Diese zeichnet sich oft durch Auslassungen von Wörtern und dem Abbrechen von Sätzen aus.
  • Aber vor allem in Dialogform kann nicht nur Hektik, sondern auch eine innere Zerrissenheit der Protagonisten ausgedückt werden. Es wirkt so, als würden wir Zeuge der Gedanken werden.