WORTWUCHS | Literaturlexikon

Epanadiplose

Die Epanadiplose ist ein sprachliches Stilmittel der Wiederholung, das in allen literarischen Gattungen verwendet wird. Die Epanadiplose beschreibt den Umstand, dass ein Wort oder auch eine Wortfolge zu Beginn und am Ende eines Textes wiederholt wird. Diese Wiederholung kann am Anfang und am Ende einzelner Verse stehen, aber auch Strophen oder Werke umschließen (vgl. Kyklos). Der Begriff wird mitunter aber auch synonym zur Anadiplose verwendet, was eine Wiederaufnahme des Satz- oder Versendes im folgenden Satz oder Vers meint, um die Itensität der Aussage zu verstärken.

Begriff

Der Fachbegriff lässt sich aus dem Griechischen ableiten (ἐπαναδίπλωσις) und mit Unten-Oben-Verdopplung übersetzen. Demnach verweist bereits die Übersetzung der Figur darauf, worum es dabei grundsätzlich geht: nämlich um das Verdoppeln eines Elements [das am Anfang und Ende zweier Wortfolgen gebraucht wird]. Entweder (1) umschließt es etwas oder (2) verbindet Aufeinanderfolgendes. Schauen wir auf ein Beispiel:


(1) Entbehren sollst du! sollst entbehren!

Das obenstehende Beispiel stammt aus Johann Wolfgang von Goethes Tragödie Faust und ist einem Dialog zwischen Mephistopheles und Faust entnommen. Hierbei bildet das Verb entbehren, das das erste Wort der Zeile ist, gleichermaßen deren Abschluss. Dadurch wird das Wort entbehren enorm verstärkt, was letzten Endes die Wirkung der Epanadiplose und anderer Wiederholungsfiguren ausmacht.

Im Vers wird auch die Ähnlichkeit zu anderen Stilfiguren ersichtlich. Weiterhin handelt es sich hier nämlich um eine Epanodos, eine Sonderform des Chiasmus. Das liegt darin begründet, dass diese Wörter in umgekehrter Reihenfolge wiederholt werden. Der Vers beginnt mit entbehren sollst, ein du folgt, um dann mit den gleichen Wörtern, aber eben vertauscht, zu enden: sollst entbehren. Noch ein weiteres Beispiel:


(1) Unwissender, niederträchtiger Kerl! hast du mir es nicht oft genug gesagt, daß ich mich aus der Stube fortmachen soll? Kannst du dir denn aber nicht einbilden, daß die, welche im Kabinette hat sein dürfen, auch Erlaubnis haben werde, in der Stube zu sein? Unwissender, niederträchtiger Kerl!


Dieses Beispiel stammt aus dem 14. Aufzug des dritten Akts von Gotthold Ephraim Lessings Lustspiel Der junge Gelehrte. Dabei rahmt die Wiederholung der Anrede unwissender, niederträchtiger Kerl die gesamte Passage. Da die Wortfolge hier ebenso zu Beginn und am Ende des Abschnitts steht, kann das Ganze als Epanadiplose gelten, die wiederum in Form einer Kyklos verwendet wird.

Mitunter wird der Begriff Epanadiplose aber auch synonym zur Anadiplose verwendet. Die Anadiplose meint, dass ein Wort oder auch eine Wortfolge am Ende eines Satzes steht, aber unmittelbar zu Beginn des nächsten Satzes aufgegriffen wird. Die wiederholten Elemente sind demzufolge nur durch ein Satzzeichen oder einen Zeilenumbruch voneinander getrennt (vgl. Interpunktion, Enjambement). Dafür ein Beispiel:


(2) Mit dem Schiffe spielen Wind und Wellen,
Wind und Wellen spielen nicht mit seinem Herzen.

Die obigen Verse stammen aus der letzten Strophe von Goethes Gedicht Seefaht. Hier bildet die Wortfolge Wind und Wellen den Abschluss des einen und den Beginn des nächsten Verses. Die Wörter werden somit verdoppelt, aber stehen in unterschiedlichen Versen (oder Sätzen). Eine einfache Verdopplung, also ohne Umbruch durch Vers- oder Satzende, wird als Geminatio oder Epanalepse bezeichnet.

Epanadiplose im Film

Die Epanadiplose ist aber nicht nur in Texten zu finden, sondern ist gleichermaßen ein häufiges Mittel im Film. Als Epanadiplose werden hier Szenen oder Motive bezeichnet, die am Anfang und am Ende, teils auch leicht variiert, wiederholt gezeigt werden und somit einen Rahmen bilden.

Als Beispiel kann der Film Forrest Gump (1994) angeführt werden. Zu Beginn des Films sieht der Betrachter eine Feder, die durch den Wind tanzt. Aber auch in der letzten Einstellung sieht man eine Feder, die aus der Handlung führt und den Film beschließt. Zu Beginn es Films und auch am Ende steht demnach das gleiche Motiv: die Feder. Mitunter enden und beginnen Filme aber auch mit einer identischen Szene.

Kurzübersicht: Das Wichtigste zur Stilfigur im Überblick


  • Die Epanadiplose ist ein rhetorisches Stilmittel. Diese meint entweder die Umrahmung eines Satzes, Verses oder auch einer anderen syntaktischen oder semantischen Einheit durch die Wiederholung desselben Wortes oder des gleichen Satzgliedes (Kyklos) oder aber auch die Wiederholung an Ende und Beginn aufeinanderfolgender Sätze oder Verse (Anadiplose).
  • Wie andere Stilmittel, die etwas wiederholen, haben Epanadiplosen eine verstärkende Wirkung. Weiterhin können sie die Aufmerksamkeit des Empfängers (Leser, Hörer) auf das Wiederholte lenken und sind demnach eindringlich, weshalb sie auch häufig in Reden verwendet werden.

Stichwortverzeichnis