Die Epanalepse ist ein rhetorisches Mittel der Wortwiederholung, das in allen literarischen Gattungen Verwendung findet. Die Epanalepse bezeichnet den Umstand, dass ein Wort oder eine Wortgruppe am Satzanfang oder -ende unmittelbar wiederholt wird. Durch das Wiederholen einzelner Elemente hat sie eine verstärkende Wirkung. Die Epanalepse ist mit Geminatio, Epizeuxis und Anadiplose verwandt.

Der Begriff lässt sich vom griechischen Nomen epanalepsis (ἐπανάληψις) ableiten und mit Wiederaufnahme übersetzen. Demzufolge verweist bereits die Übersetzung der Stilfigur darauf, worum es grundsätzlich geht: nämlich um die Wiederaufnahme eines Wortes oder einer Wortfolge, die schon genannt wurden [unmittelbar nacheinander am Satzanfang oder -ende]. Schauen wir zur Veranschaulichung auf ein Beispiel:


Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?

Der obige Beispielsatz zeigt, wie der Evangelist Markus die letzten Worte Jesu formuliert. Das Beispiel, das als eine Form der Exclamatio (Ausruf) gilt, beinhaltet gleich zu Beginn eine Wiederholung der Wortfolge Mein Gott. Da der angerufene Gott hier nicht physisch anwesend ist, kann die Anrede auch als Apostrophe gelten.

Eine Epanalepse ist es deshalb, weil die Wortfolge Mein Gott zu Beginn des Satzes unmittelbar wiederholt wird. Da es hierbei keine Unterbrechung gibt, also kein anderes Wort zwischengeschaltet wurde, handelt es sich um eine Form der Verdopplung. Eine Solche wird als Geminatio bezeichnet, die eine Sonderform der Epanalepse darstellt. Epanalepsen können allerdings auch mit Zwischenschaltungen bestehen:


Und atmete lang und atmete tief

Dieses Beispiel ist einer Strophe der Ballade Der Taucher des Dichters Friedrich Schiller entnommen. Hierbei wird die Wortfolge und atmete gleich zu Beginn des Verses wiederholt. Entscheidend ist hierbei, dass es sich auch um eine Epanalepse handelt, obwohl ein Wort zwischen der Wiederholung steht (lang). Wesentlich ist also nur das eindeutige Aufnehmen einer Wortfolge, nicht ob noch ein weiteres Wort dazwischen steht.


Laß sausen durch den Hagedorn,
Laß sausen, Kind, laß sausen!

Das angeführte Beispiel stammt aus dem Werk Leonore von Gottfried August Bürger, einem Dichter der dem Sturm und Drang zugerechnet wird. Entscheidend ist hier, dass der Satz über zwei Verse fortgeführt wird, was aufgrund der Interpunktion (Zeichensetzung) ersichtlich wird. Am Ende des Satzes findet sich – wieder mit einem Einschub (Kind) – die Wiederaufnahme der Wortfolge laß sausen. Auch das ist eine Epanalepse.

Hinweis: Wesentlich ist für die Stilfigur folglich die Wiederaufnahme einer bereits verwendeten Wortfolge oder eines Wortes. Dies kann sowohl am Satzanfang als auch am Satzende der Fall sein. Weiterhin sind Zwischenschaltungen möglich. Dabei gibt es mehrere Überschneidungen zu anderen Stilmitteln.

Sonderform der Epanalepse: Anadiplose

Die Anadiplose ist eine Sonderform der Epanalepse. Die Anadiplose meint, dass ein Wort oder eine Wortfolge am Ende eines Satzes steht und unmittelbar zu Beginn des nächsten Satzes aufgegriffen wird. Die wiederholten Elemente sind demnach nur durch ein Satzzeichen voneinander getrennt.


Du willst mir ein Freund sein? Ein Freund sein in guten und in schlechten Zeiten?


Im obigen Beispiel bildet die Wortfolge ein Freund sein den Abschluss des ersten Satzes und bildet sogleich den Anfang des folgenden Satzes. Dieser Aufgreifen in nachfolgenden Sätzen wird als Anadiplose bezeichnet und hat zumeist eine verstärkende Wirkung oder den Effekt, das Wesentliche eindeutig herauszustellen.

Kurzübersicht: Das Wichtigste zur Stilfigur im Überblick

  • Die Epanalepse ist ein rhetorisches Stilmittel. Sie beschreibt das Wiederaufnehmen einer schon verwendeten Wortfolge zu Beginn oder am Ende eines Satzes. Zwischengeschaltete Wörter, also Einschübe zwischen den Wiederholungen, sind üblich, auch wenn die Wiederholung eindeutig und eine Nachbarschaft erkennbar sein muss.
  • Wie andere Stilmittel, die etwas wiederholen, haben Epanalepsen eine verstärkende Wirkung. Weiterhin können sie die Aufmerksamkeit des Empfängers (Leser, Hörer) auf das Wiederholte lenken und sind demnach eindringlich, weshalb sie auch häufig in Reden verwendet werden.
Sekundärliteratur und weiterführende Werke zum Thema Epanalepse
  • Fricke, Harald u.a. (Hrsg.): Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Berlin, New York: Walter Gruyter 2000, Bd.1-3
  • Otto F. Best: Handbuch literarischer Fachbegriffe. Definitionen und Beispiele 4. Aufl. Fischer, Frankfurt am Main 1998
  • Gero von Wilpert: Sachwörterbuch der Literatur. 8. Auflage. Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 2001