Die Epipher, auch Epiphora, ist ein Stilmittel, das uns in Texten aller Art und literarischen Gattung begegnet. Die Epipher ist die einmalige oder mehrfache Wiederholung eines Wortes oder einer Wortgruppe am Ende aufeinander folgender Sätze oder Verse. Ihr stilistisches Gegenstück ist die Anapher, was eine Wiederholung zu Beginn aufeinander folgender Verse und Sätze meint.

Die Bezeichnung der Stilfigur leitet sich aus dem Griechischen ab (ἐπιφορά ~ epiphorá) und lässt sich in etwa mit Hinzufügen oder Zugabe übersetzen. Diese Übersetzung zeigt schon, worum es grundsätzlich geht: das wiederholte Hinzufügen von Wörtern [am Ende eines Verses]. Schauen wir auf ein Beispiel.


Sir Mortimer, Ihr überrascht mich nicht, erschreckt mich nicht
Auf solche Botschaft war ich schon längst gefasst. Ich kenne meine Richter.

Diese Zeilen sind dem Drama Maria Stuart von Friedrich Schiller entnommen und stammen aus einem Dialog zwischen Mortimer und Maria. Für uns ist hier der erste Teil von Marias Antwort entscheidend. Nach der Anrede Mortimers wird die Wortgruppe mich nicht zweimalig wiederholt. Das nennen wir Epipher.

Haben wir es hierbei nur mit einer Dopplung zu tun, finden sich in der Lyrik natürlich Beispiele, die das Stilmittel stark in den Vordergrund rücken. Dadurch kann die Epipher einen Text rhythmisieren und den Fokus auf einen bestimmten Inhalt lenken. Schauen wir auf ein Beispiel von August von Platen.


Sturm und Meeresgefährde trifft nie
Dich den Klugen, der geschifft nie;
Wer in Furcht sogar den Wein scheut,
trinkt das eingemischte Gift nie.
Schartenlos ist euer Schwert zwar,
weil ihr feig zum Schwerte grifft nie
Hieroglyphisch bist du nicht? Gut!
Man entziffert deine Schrift nie.

Diese Strophe ist aus den gesammelten Werken Platens und aus zwei Gründen interessant. Hierbei finden wir einerseits in Vers 1,2,4,6 und 8 die Epipher, wodurch das Adverb nie stark in den Vordergrund gedrängt wird. Andererseits wird dieser Effekt durch das Hyperbaton verstärkt, indem von der üblichen Satzstellung abgewichen wird. So wirkt das Werk holprig, legt den Fokus aber noch stärker auf nie.

Hinweis: Die beiden Epipher-Beispiele haben etwas gemeinsam: sie verstärken die jeweilige Aussage enorm. Maria wiederholt das Wort nicht, in Platens Werk ist es das Wort nie. In beiden Fällen drängt somit ein Wort in den Vordergrund. Die Epipher dient also zur Verstärkung einer Aussage.

Beispiele für die Epipher

Idealerweise verdeutlicht man eine Stilfigur natürlich anhand von Beispielen aus der Literatur. Deshalb möchten wir Ihnen an dieser Stelle noch einige Beispiele für die Epiphora vorstellen.


O Mutter! Was ist Seligkeit?
O Mutter! Was ist Hölle?
Bei ihm, bei ihm ist Seligkeit!
Und ohne Wilhelm Hölle!

Die Verse stammen aus der Ballade Leonore von Gottfried August Bürger. Bürger gilt als einer der wesentlichen Vertreter der Literaturepoche des Sturm und Drang und ist den meisten wohl durch seine Geschichten rund um den Lügenbaron Münchhausen bekannt geworden.

Im gewählten Abschnitt finden sich zwei Epiphern. Eine wiederholt in den Versen 1 und 2 die Wörter ist Seligkeit und die andere in Vers 2 und 4 das Wort Hölle. Durch den zusätzlichen Einsatz der Anapher, die den Ausruf (Exclamatio) O Mutter wiederholt, wird auch hier eine verstärkende Wirkung erzielt.


Der sich schaffend hat erwiesen siebenmal,
Wohnt in sieben Paradiesen siebenmal;
Adler, siebenmal umkreise du den Fels,
Krümme, Bach, dich durch die Wiesen siebenmal;
Feuer schürt am Stamm der Zeder, und sein Duft
Wind‘ als Rauch sich um den Riesen siebenmal;
Schenke, nimm die beiden Becher, beide nimm,
Fülle jenen mir und diesen siebenmal;
Siebenfach ist deine Locke schön geteilt,
Deine Locke sei gepriesen siebenmal!

Diese Strophe wurde ebenso, wie schon ein vorheriges Beispiel, den gesammelten Werken August von Platens entnommen. Hier finden wir eine Epipher in der ständigen Wiederholung des Wortes siebenmal, welches in sechs der zehn Verse den Abschluss bildet. Auch hier wird eine Verstärkung erzielt.


Doch alle Lust will Ewigkeit, will tiefe, tiefe Ewigkeit! (Friedrich Nietzsche)
Und das nur für Dich, für immer und Dich, für immer und dich. (Rio Reiser)
Zeichen sind Sprache, Leben ist Sprache, ist Sprache (Wortwuchs)

Alle drei Beispielsätze verstärken das Gesagte durch die Epiphora und rhythmisieren den Text. Der zweite Beispielsatz (Rio Reiser) ist dem Lied Für immer und dich entnommen, das fast ausschließlich aufgrund von Epiphern den eigenen Rhythmus findet und ein Dich in den Vordergrund rückt.

Wirkung und Funktion der Epipher

Natürlich ist es schwierig, einer Stilfigur eine eindeutige Funktion oder Wirkung zuzuschreiben. Tun wir dies nämlich, laufen wir Gefahr, das Stilmittel auf diese Wirkung herunter zu brechen und nicht zu schauen, ob es vielleicht auch etwas anderes bewirkt.

Jedoch hat der Einsatz eines Stilmittels natürlich immer einen Effekt auf den Empfänger dieser sprachlichen Äußerung (Leser, Zuschauer) und diesen können wir natürlich beschreiben. Wichtig ist ab in jedem Fall, bei der Analyse und Interpretation zu schauen, ob vielleicht doch etwas anderes durch die Figur bewirkt wird.

Übersicht zu Wirkung und Funktion der Epipher

  • Die Epipher gehört zu den Figuren der Wortwiederholung. Diese Stilfiguren haben gemeinsam, dass durch die häufige Wiederholung einer sprachlichen Äußerung die Aussage verstärkt wird und der Fokus des Rezipienten (Leser) auf ebendiese Äußerung gelenkt wird.
  • Diese Wirkung wird natürlich stärker, umso häufiger der entsprechende Abschnitt wiederholt wird. Eine ähnliche Wirkung hat auch das Polysyndeton, wobei eine Konjunktion wiederholt wird.
  • Das stilistische Gegenstück der Epipher ist die Anapher. Hier finden wir eine Wiederholung am Anfang von Versen oder Sätzen. Eine Verbindung der beiden Stilmittel nennt man Symploke.
Sekundärliteratur und weiterführende Werke zum Thema Epipher
  • Fricke, Harald u.a. (Hrsg.): Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Berlin, New York: Walter Gruyter 2000, Bd.1-3
  • Otto F. Best: Handbuch literarischer Fachbegriffe. Definitionen und Beispiele 4. Aufl. Fischer, Frankfurt am Main 1998
  • Gero von Wilpert: Sachwörterbuch der Literatur. 8. Auflage. Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 2001