WORTWUCHS | Literaturlexikon

Euphemismus

Als Euphemismus bezeichnet man ein Stilmittel, das etwas beschönigt, anstatt es direkt zu benennen. Der Euphemismus kann uns in allen literarischen Gattungen und außerdem im alltäglichen Gespräch begegnen. Die Stilfigur kann bewusst dazu genutzt werden, einen Sachverhalt zu verharmlosen und somit unbedeutender erscheinen zu lassen.

Der Begriff lässt sich aus dem Griechischen ableiten (εὐφημία ~ euphēmía) und bedeutet in etwa Worte von guter Bedeutung. Allein die Übersetzung der Stilfigur zeigt, worum es prinzipiell geht: eine Beschönigung des Sachverhalts, wodurch unliebsame Wörter mit angenehmen Assoziationen verknüpft werden.

Hierbei gibt es keinen bestimmten Themenbereich, in dem der Euphemismus besonders häufig anzutreffen ist. Allerdings finden sich zahlreiche Beispiele in der Politik und Wirtschaft, um manche Sachverhalte absichtlich zu verschleiern oder in ein positives Licht zu rücken. Jedoch treffen wir auch in alltäglichen Redesituationen auf vielfältige Beispiele für den Einsatz des Stilmittels → Redeanalyse


War es gestern Abend schlimm im Krankenhaus?
Es war traurig, aber Opa ist ganz friedlich entschlafen.

Die beiden Gesprächspartner unterhalten sich über den Tod des Großvaters. Doch anstatt zu sagen, dass dieser gestorben ist, antwortet die zweite Person, dass er friedlich entschlafen sei. Diese Aussage ist somit eine Beschönigung des Begriffs sterben.

Hinweis: Das Gegenstück des Euphemismus‘ ist der Dysphemismus, auch Kakophemismus genannt. Hierbei wird das Bezeichnete absichtlich negativ benannt. Im obigen Beispiel würde die Antwort dann vielleicht lauten:“Ach, es war ätzend im Krankenhaus. Doch irgendwann ist er endlich verreckt!

Wo finden wir Euphemismen?

Grundsätzlich lassen sich Euphemismen in Texten aller Art ausmachen. Es gibt aber Bereiche, wo Euphemismen sehr viel häufiger eingesetzt und somit gefunden werden können.

Das bedeutet, dass der Euphemismus nicht einfach auf literarische Werke beschränkt ist, sondern überall im sprachlichen Alltag Verwendung findet. Die Rede ist hierbei von sensiblen Kategorien oder tabuisierten Bereichen des Lebens, die ungern benannt werden. Gerade unangenehme Sachverhalte werden oft durch beschönigende Begriffe zum Ausdruck gebracht. Betrachten wir ein Beispiel aus dem Alltag.


Was sagt eigentlich deine Frau zu dieser Claudia?
Nichts! Das ist doch nur so’ne Bettgeschichte.

Im obigen Beispiel fragt Person A nach einer gewissen Claudia. Darauf erwidert Person B, dass das doch nur eine Bettgeschichte wäre und beschönigt damit die Tatsache, dass es sich hier um ein sexuelles Verhältnis handelt und er seine Frau wissentlich betrügt. Schauen wir auf ein Beispiel aus der Politik.


Wie ein Sprecher gegenüber dem Portal Wortwuchs mitteilte,
ist im Nahen Osten der Friedensprozess ins Stocken gekommen.

Dies ist ein recht schönes Beispiel für den Euphemismus. Die Aussage drückt nämlich nicht wirklich aus, was sie meint und verschleiert das Negative. Es ist von einem Friedensprozess die Rede (Prozess ~ Entwicklung, Verlauf), der sich nicht mehr weiterentwickelt. Oder anders ausgedrückt: wenn der Frieden ins Wanken geraten ist, herrscht Krieg. Schauen wir auf ein Beispiel aus der Wirtschaft.


Putin geht in der Krim-Krise aufs Ganze,
Russlands Wirtschaft droht dabei ein Nullwachstum.

Der Begriff Nullwachstum ist in der heutigen Zeit zu einem gängigen Ausdruck geworden, um zu sagen, dass die Wirtschaft eines Landes nicht wächst. Das Wort beschreibt eine Situation in der sich das Bruttoinlandsprodukt, verglichen über einen bestimmten Zeitraum, nicht mehr geändert hat. Ein anderes Wort dafür wäre Stagnation (lat. stagnatio ~ Flüssigkeitsstau).

Allerdings wird der Begriff durch die Verbindung mit dem Begriff Wachstum ungemein aufgewertet und wirkt auf den ersten Blick oder beim Hören weitaus positiver. Man sagt also nur indirekt, dass die Wirtschaft lahmt und die Entwicklung stillsteht. Ein eindeutiger Euphemismus.

Häufig sind es Themen wie Sexualität, Krankheit oder Tod die durch die Wortwahl beschönigt werden. Aber natürlich können auch Dinge, die Menschen beleidigen und Grenzen überschreiten, durch den Euphemismus abgemildert oder Inhalte nur durch die Blume gesagt werden (Politik, Wirtschaft).

Hinweis: Der Euphemismus ist ein fächer- und themenübergreifendes Phänomen, weshalb eine genau Definition des Begriffs schwierig ist. Das bedeutet, dass von Fall zu Fall entschiedenen werden muss, ob es sich hier um eine Beschönigung handelt oder eben nicht.

Der Euphemismus in der Rhetorik

Betrachten wir die Stilfigur jedoch als rhetorische Figur, müssen wir sie klar als Mittel der uneigentlichen Rede benennen. Das meint, dass sie etwas nur indirekt zum Ausdruck bringt.

Folglich ersetzt das Stilmittel einen Begriff oder sogar mehrere durch andere Wörter, die als weniger anstößig, abschwächend oder auch beschönigend empfunden werden. Dieses Mittel kann durch den Sprecher gezielt eingesetzt werden, um das Publikum von einem Sachverhalt abzulenken.

Hinweis: Es werden somit negativ konnotierte Begrifflichkeiten durch positive Konnotationen ersetzt. Das Wort Konnotation meint in der Sprachwissenschaft die Nebenbedeutung eines sprachlichen Ausdrucks oder anders ausgedrückt: den Inhalt, den wir mit einem Begriff verbinden.

Funktion und Wirkung von Euphemismen

Natürlich ist es schwierig, einem Stilmittel eine klare Wirkung oder Funktion zuzuschreiben. Dennoch gibt es meist Gründe, warum es zum Einsatz kommt. Diese wollen wir benennen.

Finden wir einen solchen Grund innerhalb eines Textes, können also ausmachen, warum das Stilmittel hierbei zum Einsatz kommt, sprechen wir vom Motiv oder der Absicht des Sprechenden. In diesem Zusammenhang lassen sich drei Bereiche ausmachen, die als Motiv für den Euphemismus gelten können.

Übersicht von Funktion und Wirkung der Stilfigur

  • Aufwertung eines Sachverhalts
    Oftmals gibt es für eine Sache ganz verschiedene Ausdrücke. Hierbei wird für das Gemeinte ein anderer Begriff eingesetzt. Dadurch kann entweder das Bezeichnete selbst absichtlich gewürdigt oder besser dargestellt werden oder etwas, das unmittelbar mit diesem im Zusammenhang steht.
    Beispielsweise Afroamerikaner statt Schwarzer, Menschen mit Behinderung statt Behinderte.
  • Milderung eines Sachverhalts
    Weiterhin können Euphemismen eine abschwächende oder auch mildernde Wirkung haben. In dieser Form kommt das Stilmittel zum Einsatz, um den Empfänger nicht zu kränken oder das Gesagte weniger drastisch erscheinen zu lassen. Häufig wird der Euphemismus so gebraucht, um Höflichkeit, Respekt, oder eben Rücksicht zu zeigen.
    Beispielsweise Bettgeschichte statt Affäre oder Nullwachstum statt Stagnation.
  • Verschleierung und Täuschung
    Wird der Euphemismus in dieser Form gebraucht, wird das Gesagte so ausgedrückt, dass das Gemeinte fast gar nicht mehr deutlich wird. Solche Verwendungen finden wir häufig bei Reden in totalitären Systemen. Die Verschleierung kann hierbei dazu dienen, einer Empörung vorzubeugen und kommt zum Einsatz, um Sachverhalte gezielt zu verbergen → Redeanalyse, Argumenttypen

Weitere Beispiele für den Euphemismus

Eine Stilfigur lässt sich am besten anhand zahlreicher Beispiele veranschaulichen. Deshalb möchten wir Ihnen abschließend noch einige Euphemismen beispielhaft auflisten.

Da wir im obigen Beitrag alle wesentlichen Informationen zum Euphemismus untergebracht haben, folgen die gesammelten Beispiele in Listenform. Sie werden also nicht durch uns kommentiert, wobei klar sein sollte, dass es sich durchgehend um Beschönigungen für einen Begriff handelt.

Hinweis: Zahlreiche der folgenden Formulierungen kommen auch in Beurteilungen (Praktikumsberichte oder Zeugnisse) zum Einsatz und sind allenfalls eine nette Umschreibung für ein negatives Adjektiv.


Allgemeinmediziner ANSTATT Hausarzt
Aufenthaltsbeendende Maßnahmen ANSTATT Abschiebung
Außendienstmitarbeiter ANSTATT Vertreter
Betreuer ANSTATT Vormund
Bildungsfern ANSTATT Dumm
Domizil ANSTATT Wohn- oder Geschäfts-Haus
Durchsetzungsfähig ANSTATT Autoritär
Eloquenter Gesprächspartner STATT Vielredner, schlechter Zuhörer
Extravertiert ANSTATT Vorlaut
Facility Manager ANSTATT Hausmeister
Fördergespräch ANSTATT Zensuren verteilen
Freisetzen ANSTATT Entlassen
Freudenhaus ANSTATT Puff oder Bordell
Heimgang ANSTATT Tod
Industriepark ANSTATT Gewerbeeinheiten
Korpulent ANSTATT fett
Korrekt ANSTATT Pedantisch, besserwisserisch
Kostenintensiv ANSTATT Teuer
Kreative Buchführung ANSTATT Bilanzfälschung
Landwirt ANSTATT Bauer
Landwirtschaftlicher Betrieb ANSTATT Bauernhof
Linien, Mimikfältchen ANSTATT Falten
Liquidieren ANSTATT Ermorden

Das Wichtigste zum Euphemismus im Überblick

  • Der Euphemismus ist eine Stilmittel der Rhetorik und bezeichnet einen beschönigenden Begriff, der nur teilweise zum Ausdruck bringt, was er eigentlich meint.
  • Die Stilfigur kann abmildernd, huldigend oder verschleiernd verwendet werden und somit den Gesprächspartner oder Empfänger einer Botschaft maßgeblich beeinflussen.

  • Mitunter ist auf den Zusammenhang zu achten, um zu beurteilen, ob ein Begriff euphemistisch verwendet wird oder eben nicht in diesem Zusammenhang zu werten ist.