WORTWUCHS | Literaturlexikon

Ironie

Als Ironie wird ein rhetorisches Stilmittel bezeichnet, das in sämtlichen literarischen Gattungen, in der Rede sowie in der Umgangssprache verwendet wird. Die Ironie beschreibt, dass der Sprechende etwas audrückt, wobei er genau das Gegenteil des Ausgedrückten meint. Wesentlich ist allerdings, dass der Empfänger (Zuhörer, Leser, Zuschauer) oder zumindest ein bestimmtes Publikum erkennt, dass die Äußerung ironisch war und das Gegenteil meint. Die Figur ähnelt Sarkasmus, Spott und Zynismus.

Begriff

Der Begriff lässt sich aus dem Griechischen (εἰρωνεία ~ eironeía) ableiten und mit Verstellung oder aber auch Vortäuschung übersetzen. Demzufolge verweist schon die Übersetzung darauf, worum es grundsätzlich geht: nämlich um das Vortäuschen einer Aussage, obwohl das genaue Gegenteil dieser Aussage gemeint ist. Deshalb ist die Ironie teils schwer zu erkennen. Schauen wir zur Veranschaulichung auf ein Beispiel.


Peter balanciert mehrere Kaffeetassen. Plötzlich fallen diese zu Boden.
„Toll gemacht!“, ruft ihm Anne, seine Chefin, entgegen.

Im obigen Beispiel ist die situative Einbettung, also die kurze Vorgeschichte, wirklich wichtig. Ansonsten wäre für den Leser nicht ersichtlich, dass die Aussage ironisch zu verstehen ist. Wesentlich ist hierbei, dass es klar ist, dass es nicht toll sein kann, mehrere Tassen auf den Boden fallen zu lassen, sodass diese zerbrechen.

Würde dort nur stehen „Toll gemacht“, ruft ihm Anne […] entgegen.“ wäre nicht zu erkennen, dass die Aussage im Eigentlichen das Gegenteil meinen muss und sich nicht tatsächlich auf eine lobenswerte Handlung bezieht. Dabei fällt auf, dass Ironie mitunter schwer zu erkennen ist und demnach missverstanden werden kann, wenn nicht ersichtlich ist, dass das Gegenteil gemeint ist. Schauen wir auf ein weiteres Beispiel.


Ein Schüler kommt nach Hause und erzählt, dass auf dem Heimweg sein neues Smartphone auf den Boden gefallen ist und nun nicht mehr geht. Die Mutter schaut ihn an und sagt:„Kein Problem. Wir haben es ja!“.


Das Beispiel ist doppeldeutig und zeigt das Problem der Ironie auf. Ist die Bemerkung der Mutter hierbei ironisch zu verstehen oder sagt sie ihrem Sohn tatsächlich, dass es kein Problem sei, dass das Smartphone kaputt ist? Im Alltag kann diese Frage zumeist durch den Unterton oder andere Ironiesignale beantwortet werden (Mimik, Gestik, Betonung). In literarischen Werken ist das allerdings meist schwieriger.

Wichtig ist hier, dass die Äußerung der Mutter nur dann ironisch zu verstehen ist, wenn die Familie eigentlich kein Geld zur Verfügung hat und der Sohn das auch weiß. Das bedeutet, dass beide Seiten wissen, dass es kein Geld gibt und es problematisch wäre, ein Handy zu kaufen. Gäbe es aber große finanzielle Rücklagen, wäre die Aussage nicht ironisch zu werten, da sie die Wahrheit zum Ausdruck bringt. Noch ein Beispiel:


Ein Mann kommt nach Hause. Der Hund hat die Wohnung verwüstet.
Mann: „Das ist ja eine schöne Bescherung!“

Dieser Beispielsatz meint offensichtlich das Gegenteil und ist somit ironisch gemeint. Er ist außerdem ein Beispiel dafür, dass es mitunter feststehende ironische Formulierungen gibt, die in der Sprache gebräuchlich sind. Der obige Satz meint im Deutschen meist das Gegenteil und eher selten das, was er bekundet.

Alle Beispiele sind ironisch zu verstehen. Das kann entweder aufgrund von Ironiesignalen sein (Zwinkern, verstellte Stimme und andere Signale, die darauf verweisen, dass etwas anderes gemeint ist) oder auf dem Wissen beruhen, dass etwas anders gemeint sein muss. Haben beide Seiten ein gemeinsames Wissen, braucht es keine weiteren Signale. Für Außenstehende ist die Ironie dann schwer zu deuten.

Unterschied: Ironie, Sarkasmus und Zynismus

Wurde das Stilmittel der Ironie nun erkannt, fällt häufig auf, dass es eine Nähe zum Sarkasmus und dem Zynismus gibt. Doch auch wenn die Begriffe miteinander verwandt sind und sich teilweise ähneln, lassen sie sich unterscheiden. Nachfolgend ein Überblick der Unterschiede.

  • Ironie: Als rhetorisches Stilmittel bezeichnet sie vornehmlich den Umstand, dass etwas durch das Gegenteil ausgedrückt wird. Wichtig ist hierbei, dass dem Empfänger klar ist, dass es sich so verhält. Sonst wird der Ironiker missverstanden. Es ist also ein gemeinsames Wissen, dass die Äußerung ironisch ist, notwendig. Die Ironie bedient sich der Technik der Bedeutungsumkehr und ist ein Mittel, um etwas auszudrücken.

  • Sarkasmus: Bezeichnet beißenden Spott oder Hohn. Sarkasmus kann ironisch ausgedrückt werden, wenn das Gegenteilige gesagt wird. Allerdings kann er auch vollkommen frei von Ironie sein. Sarkasmus ist – im Gegensatz zur Ironie – keine Technik, sondern eine Absicht der Aussage. Diese soll den Empfänger klar verhöhnen sowie verspotten. Das Gemeinte kann hierbei direkt oder indirekt ausgedrückt werden.

  • Zynismus: Beschreibt im Gegensatz zu Ironie und Sarkasmus eine Art Geisteshaltung. Zynismus ist keine Technik, sondern eine Lebenseinstellung. Ein Zyniker verwirft zentrale Normen und Moralvorstellungen der Gesellschaft und macht sie lächerlich. Zynismus ist so eine Charaktereigenschaft. Wer die Werte anderer Personen lächerlich macht, verletzt und verspottet diese bewusst. Zynische Bemerkungen können aber sarkastisch und ironisch sein, weshalb die Unterscheidung im Einzelfall schwierig ist.

Ironie in der Literatur

Die ironische Bemerkungen setzen ein gemeinsames Wissen zwischen Empfänger und Sender voraus. Entweder besteht dieses schon vorab oder kann durch eindeutige Ironiesignale transportiert werden. Ist das jeweilige Signal uneindeutig, wird der Ironiker missverstanden und muss die Ironie erklären.

Das Problem, das die Literatur hat, ist, dass der Autor eines Werkes nicht weiß, welches Wissen seine Leser haben und mimische, klangliche oder gestische Ironiesignale sind kaum zu vermitteln. Demzufolge muss der Autor seine Leserschaft entweder mit dem notwendigen Wissen ausstatten oder kann im Buch darauf verweisen, dass dieses oder jenes ironisch zu verstehen ist und demnach das Gegenteil meint.

Vor allem bei anspruchsvoller Literatur wird dieser Wissensaustausch häufig vernachlässigt. Das bedeutet, dass der Autor seinem Leser die Verantwortung zum Erkennen und Entschlüsseln der ironischen Botschaft überträgt. Allerdings besteht die Gefahr, dass die Ironie nicht verstanden wird, was somit bewusst in Kauf genommen wird. Der Autor muss annehmen, dass nur Leser mit ähnlichem Wissen die Ironie erkennen.

Diese Probleme gibt es auch im Journalismus. Ist das Publikum einer Publikation klar umrissen und setzt sich aus einer ganz bestimmten Zielgruppe zusammen, kann angenommen werden, dass bei Medium (Zeitschrift, Magazin etc.) und Leser das gleiche oder zumindest ein sehr ähnliches Wissen vorliegt. Ist die Zielgruppe allerdings größer, besteht die Gefahr, dass der ironische Unterton beim Adressaten nicht ankommt.

Ein Sprichwort aus der Medienbranche und eine Warnung, die mitunter in Journalismus-Seminaren gelehrt wird, lautet folgendermaßen:„Ironie versteht der Leser nie!“. Deshalb sind Texte, welche nicht unbedingt das ausdrücken, was sie erzählen, in der Zeitung als solche gekennzeichnet (vgl. Glosse, Kolumne, Kommentar).

Aber auch der persönliche Schriftverkehr kann vor dieser Herausforderung stehen, da wesentliche Signale der Ironie durch die Verschriftlichung untergehen. Im Austausch per SMS oder im Chat wird sich häufig durch Emoticons geholfen, die die Intention des Senders unterstreichen können. Typischerweise kann ;-), ein liegendes zwinkerndes Gesicht, oder Anführungszeichen als Zeichen der Ironie gedeutet werden.

Sokratische Ironie

Zu Lebzeiten des Sokrates (469 v. Chr. – 399 v. Chr.), einem griechischen Philosophen, bezeichnete der Begriff kein Stilmittel, sondern eine Technik der Gesprächsführung. Hier geht es darum, sich kleiner zu machen, als man tatsächlich ist und sich somit dumm zu stellen, um den Gesprächspartner in eine sprachliche Falle zu locken, um ihn anschließend zu belehren oder zum Nachdenken anzuregen.

Dabei geht es tatsächlich um das Verstellen. Diese Bedeutung zeigt auch die Übersetzung des Wortes an, das sich mit Vortäuschen oder Verstellen übersetzen lässt. Sokrates selbst bezeichnete diese Form der Ironie als Hebammenkunst (Mäeutik), die dem jeweiligen Gesprächspartner dazu bringen sollte, seine eigenen irrigen Vorstellungen und Ansichten einzusehen und durch die Ironie zu anderen Ansichten zu gelangen.

Erst im Laufe der Zeit und durch die Entwicklung der Rhetorik wandelte sich der Begriff zur Stilfigur, wie wir sie heutzutage verwenden. Dennoch wird auf diese ursprüngliche Bedeutung, also des Kleinermachens, durch den Fachbegriff sokratischen Ironie verwiesen. Geläufig ist die Ironie aber vor allem als Stilmittel.

Kurzübersicht: Das Wichtigste zur Stilfigur im Überblick

  • Als Ironie wird ein rhetorisches Stilmittel bezeichnet. Hierbei geht es darum, das Gegenteil von dem zum Ausdruck zu bringen, was tatsächlich gemeint ist. Wesentlich ist allerdings, dass ein Teil der Empfänger das auch erkennt. Ansonsten wird die Ironie missverstanden.
  • Um einen ironischen Unterton zu verdeutlichen, kann der Sprecher sich diverser Ironiesignale bedienen, die den Empfänger gewissermaßen einweihen. Verfügen Sprecher und Empfänger allerdings über ein ähnliches Wissen oder haben ähnliche Ansichten, kann die Ironie ohne solche Signale auskommen. In diesem Fall kann sie durchaus witzig sein.
  • Vor allem in der Literatur (vgl. Belletristik) sind solche Signale aber nicht immer eindeutig zu kommunizieren. Deshalb muss ein Autor auf das Ironische verweisen und den Leser somit einweihen. Verzichtet er darauf, kann die Ironie mitunter missverstanden werden.
  • In der Antike, vor allem zu Lebzeiten des Philosophen Sokrates, bezeichnete der Begriff etwas anderes. Hierbei ging es darum, einem Gesprächspartner Unwissen vorzugaukeln und sich bewusst zu verstellen, um diesem eine sprachliche Falle zu stellen. Diese sollte den Sprechenden zu anderen Einsichten führen.

  • Hinweis: Verwandt ist das Stilmittel mit dem Zynismus, dem Sarkasmus, aber auch mit dem Spott sowie dem Hohn. Mitunter ist es schwierig, die Begriffe klar voneinander abzugrenzen.