WORTWUCHS | Literaturlexikon

Metaphrase

Als Metaphrase wird die wortgetreue Übersetzung von Versdichtung in Prosa bezeichnet, wobei das Reimschema und das Metrum nicht in jedem Fall eingehalten werden. Weiterhin kann die erklärende Wiederholung eines Wortes durch ein Synonym als Metaphrase bezeichnet werden. Tritt die zweite Möglichkeit ein, kann das Ganze als rhetorisches Stilmittel bezeichnet werden.

Der Begriff leitet sich aus dem Griechischen ab (μετά ~ hinterher, φράση ~ Ausdruck, Wort) und lässt sich mit Nachwort oder nachgestelltem Ausdruck übersetzen. Die Übersetzung zeigt recht deutlich, womit wir es zu tun haben, wenn wir die Metaphrase als Stilfigur annehmen: nämlich mit einem nachgestellten Wort [das das vorherige in Form eines Synonyms präzisiert und verfeinert]. Schauen wir dafür auf ein Beispiel.


Wer hat die Kirschen geklaut?
Es war der Kleine, das Kind von vorhin!

Im obigen Beispiel wurde das Substantiv Kleine durch das Synonym Kind präzisiert und somit unmittelbar wiederholt. Diese Korrektur des Ausdrucks – denn so wird klar, dass der Gemeinte nicht nur klein, sondern außerdem ein Kind ist – wird als Metaphrase bezeichnet. Somit ist die Figur mit der Correctio verwandt.

Eingangs wurde beschrieben, dass die Metaphrase eine wortwörtliche Übertragung von Versdichtung in Prosa meinen kann. Weiterhin kann die wortwörtliche Übertragung eines Gedichts als solches bezeichnet werden, also Zeile für Zeile, Wort für Wort. Schauen wir dafür auf ein einfaches Beispiel.

a
a

a
b

Lightening, thunder, all around
Soon the rain falls on the ground

Blitze, Donner, überall
Bald wird der Regen auf den Boden fallen


Die ersten beiden Verse in englischer Sprache folgen dem Muster eines Paarreims, wohingegen unsere Metaphrase der Zeilen, also die wortgetreue Übersetzung, kein Reimschema mehr aufweist und auch den Rhythmus des Textes vernachlässigt. Es fällt allerdings auf, dass die englische Vorlage Wort für Wort und außerdem Zeile für Zeile übertragen wurde.

Nun kann ein Text aber auch die gebundene Rede, die in diesem Fall durch die Versform aufgezwungen wird (Zeilenumbruch, Sprechpause), aufbrechen, wenn er in Prosa übertragen wird. Würde das obige Beispiel nun eine prosaische Entsprechung finden, sähe es so aus:


Blitze, Donner, überall. Bald wird der Regen auf den Boden fallen.

Der entscheidende Unterschied ist hier, dass die gebundene Rede, also der Zeilenumbruch, aufgelöst wurde, um aus dem Gedicht einen Prosatext zu machen. Dieser orientiert sich aber dennoch Wort für Wort an der Vorlage. Die Metaphrase kann somit dreierlei Bedeutungen haben.

Kurzübersicht zu den Bedeutungen der Metaphrase

  • Entweder meint sie das Ersetzen eines vorangegangen Wortes durch ein Synonym und kann in diesem Fall als Stilfigur verstanden werden. Dann ist sie mit der Correctio verwandt und hat auch eine ähnliche Wirkung wie dieses Stilmittel.
  • Außerdem kann sie die wortwörtliche Übertragung von Versdichtung in Prosa meinen, wobei das Reimschema, das Metrum, der Rhythmus und die gebundene Rede des Verses aufgebrochen werden kann. Dennoch bildet das Gedicht die Grundlage, die nicht erweitert wird.
  • Weiterhin kann der Begriff eine Übersetzung von Versdichtung meinen, die Wort für Wort und Zeile für Zeile vollzogen wird.

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