Als Okkasionalismus wird eine spontane und oft einmalige Wortneuschöpfung bezeichnet. In der Philosophie wird damit die Lehre von den Gelegenheitsursachen beschrieben. In diesem Beitrag wird die erste Bedeutung betrachtet: Okkasionalismen als sprachliche Gelegenheitsbildungen, die als Stilmittel gebraucht werden können. Hierbei handelt es sich um ein neues Wort, das spontan vom Sprecher gebildet wird, um eine sprachliche Lücke zu schließen.

Der Begriff lässt sich vom lateinischen occasio ableiten und mit Gelegenheit oder auch Anlass übersetzen. Demzufolge zeigt uns die Übersetzung des Wortes beispielhaft, worum es grundsätzlich geht: nämlich um eine Wortbildung, die aus der Gelegenheit heraus entsteht. Schauen wir dafür auf ein Beispiel.


Ist der Okkasionalismusautor schon fertig oder müssen wir noch warten?

Im obigen Beispielsatz wurde ein neuer Begriff geschaffen: Okkasionalismusautor. Beispielsweise könnte so die Person bezeichnet werden, die den Beitrag über den Okkasionalismus schreiben soll. Denkbar wäre die Wortschöpfung in einer Redaktionssitzung, wenn der Chefredakteur danach fragt, ob der Autor des jeweiligen Beitrags schon fertig mit dem Schreiben ist oder eben noch nicht.

Es wird dabei ersichtlich, dass der Begriff nicht im aktiven Wortschatz der deutschen Sprache vorkommt, sondern spontan und außerdem einmalig gebildet wurde, um eine sprachliche Lücke zu schließen. Eine Lücke deshalb, weil es im Deutschen keinen Begriff gibt, der genau diesen Umstand beschreibt.


Ach. Thomas geht immer schnell nach Hause.
Der ist doch so ein
Nureinbiertrinker

Auch in diesem Beispiel wurde im Gespräch spontan ein neuer Begriff gebildet. Dem Gesprächspartner sollte klar sein, was der Sprechende mit der Äußerung ausdrücken möchte. Dennoch wird man das Wort vergeblich im Duden suchen, da es nach dem einmaligen Gebrauch aus der Sprache verschwindet.

Hinweis: Der Okkasionalismus ist demzufolge ein Wort, das in der jeweiligen Situation eine lexikalische Lücke schließt, um einen Umstand zu benennen. So kann ad hoc, also im Augenblick des Sprechens, ein komplexer Sachverhalt in einen Begriff gezwängt werden, der in diesem Kontext verstanden wird. Andere Bezeichnungen für diese Wortschöpfung sind Ad-hoc-Bildung und Gelegenheitsbildung.

Neologismus und Okkasionalismus

Der Okkasionalismus ist mit dem Neologismus verwandt, also einer Wortneuschöpfung. Jedoch unterscheiden sich die Figuren insofern voneinander, als dass ein Neologismus irgendwann den Weg in die Sprache und vor allem in die Wörterbücher schafft.

Wenn für eine Sache oder ein Ding ein neues Wort gefunden werden muss, weil diese Sache vorher noch nicht existierte, wird entweder planmäßig ein neuer Begriff dafür eingesetzt (Bsp.: Laptop) oder aber die Sprechenden bilden selbst ein Wort dafür (Brunch – Neologismus aus Breakfast und Lunch).

Solche Neologismen sind demnach im Augenblick ihres Bestehens oftmals Okkasionalismen, da sie spontan von einem Sprechenden genutzt wurde. Jedoch etablieren sich Neologismen im Laufe der Zeit und wandern in den aktiven Wortschatz einer Sprache. Im Gegensatz dazu verschwinden Okkasionalismen wieder, sind also nur im einmaligen Gebrauch relevant und somit auch in keinem Wörterbuch verzeichnet.

Hinweis: Diese klare Trennung wird im Deutschunterricht meist nicht vollzogen, weshalb eigentliche alle Wortneuschöpfungen als Neologismus bezeichnet werden. Prinzipiell ist das allerdings falsch, wobei eine Unterscheidung in der Praxis auch selten sinnvoll ist, da Wirkung und Funktion beider Figuren grundsätzlich nahezu identisch sind.

Wirkung und Funktion von Okkasionalismen

Es ist schwer, einem rhetorischen Mittel eine eindeutige Wirkung oder Funktion zuzuschreiben. Dann laufen wir nämlich Gefahr, es stets darauf zu reduzieren und überprüfen nicht, ob es sich auch in diesem Fall tatsächlich so verhält. Dennoch möchten wir einige Hinweise geben.

Übersicht: Bedeutung, Wirkung und Funktion des Okkasionalismus‘

  • Als Okkasionalismus wird die einmalige und oftmals spontane Wortneuschöpfung bezeichnet. Diese schließt in der Regel eine sprachliche Lücke. Das heißt, dass sie einen Sachverhalt bezeichnet, der ansonsten keinen eigenen Namen hätte.
  • Verwandt ist das Ganze mit dem Neologismus, ebenfalls einer sprachlichen Neuschöpfung. Der Unterschied ist aber, dass Neologismen ihren Weg in die Sprache und vor allem ins Wörterbuch finden. Sie etablieren sich demzufolge in der Sprache. Okkasionalismen verschwinden im Gegensatz dazu oder sind nur wenigen, vertrauten Sprechern bekannt.
  • Okkasionalismen eigenen sich dazu, einen komplexen, vielschichtigen Sachverhalt in einem einzigen Wort auszudrücken, der im Moment des Sprechens verständlich ist.
  • Demzufolge tauchen sie vornehmlich in Diskussionen, in der Propaganda oder der Werbesprache auf, da sie einen komplexen Umstand vereinfachen und auf das Wesentliche reduzieren können. Weiterhin können solche Gelegenheitsbildungen natürlich einprägsam erscheinen.

Hinweis für Schüler: Im Deutschunterricht, beim Schreiben einer Gedichtanalyse und in einer Prüfung ist es vollkommen in Ordnung, sämtliche Wortneuschöpfungen, beispielsweise im Zusammenhang mit Onomatopoesie (Lautmalerei), als Neologismus zu benennen. Einerseits vereinfacht es das Arbeiten, andererseits kann schwerlich überprüft werden, ob das Wort nun im Moment des Schreibens für den Autoren neu war oder in der Sprachgemeinschaft etabliert ist. Es ist hierbei auch nicht zielführend zwischen Okkasionalismus und Neologismus zu trennen, da die Wirkung im Text meist gleich ist.

Sekundärliteratur und weiterführende Werke zum Thema Okkasionalismus
  • Fricke, Harald u.a. (Hrsg.): Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Berlin, New York: Walter Gruyter 2000, Bd.1-3
  • Otto F. Best: Handbuch literarischer Fachbegriffe. Definitionen und Beispiele 4. Aufl. Fischer, Frankfurt am Main 1998
  • Gero von Wilpert: Sachwörterbuch der Literatur. 8. Auflage. Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 2001