Als Parallelismus wird ein rhetorisches Stilmittel bezeichnet, das uns in allen literarischen Gattungen begegnen kann. Der Parallelismus meint die Wiederholung derselben Wortreihenfolge in Sätzen, die aufeinander folgen. Das bedeutet, dass gleiche Satzarten, die nacheinander folgen, eine identische Abfolge ihrer Satzglieder (Subjekt, Prädikat, Objekt, Adverbial etc.) aufweisen. Oft werden hierbei sogar Wörter wiederholt, was die Parallelität verstärkt. Verwandt sind Chiasmus und Antithese.

Der Begriff geht auf das Griechische zurück (παραλληλισμός ~ parallelos), was sich mit gleichlaufend oder in diesem Fall mit Nebeneinanderstellung übersetzen lässt. Die Übersetzung verweist somit darauf, worum es grundsätzlich geht: gleichlaufende, nebeneinandergestellte Satzglieder. Schauen wir auf ein Beispiel.


Heiß ist die Liebe, || kalt ist der Schnee

Das obige Beispiel wird sehr häufig angeführt, wenn der Parallelismus erklärt wird. Jedoch bleibt es oftmals unkommentiert, weshalb sich nicht erschließt, warum wir es mit einem Parallelismus zu tun haben. Dieser Abschnitt ist dem ersten Vers des Liedes Rote Husaren von Hermann Löns (1866 – 1914) entnommen.

Das Ganze besteht aus zwei Sätzen, die sich jeweils aus einem mehrteiligen Prädikat und einem Subjekt zusammensetzen. Die Subjekte sind hier die Liebe und der Schnee. Als Prädikat gelten somit heiß ist und kalt ist. Wir könnten das Ganze, wenn wir die Wörter streichen und nur auf die Satzglieder blicken, auch folgendermaßen darstellen:


Prädikat Subjekt || Prädikat Subjekt

Nun wird eindeutig ersichtlich, dass die beiden Sätze jeweils aus einer identischen Abfolge der Satzglieder bestehen. Sie werden somit aus der Einheit von Prädikat und Subjekt gebildet. Da diese Abfolge identisch ist, sprechen wir von einem Parallelismus. Im Beispiel fällt außerdem eine weitere Eigenschaft der Stilfigur auf: die Wirkung wird oft durch die Antithese verstärkt, also der Gegenüberstellung widersprüchlicher Begriffe.

Hierbei sind es die Wörter kalt und heiß. Sie sind zwar parallel angeordnet, sind inhaltlich aber meilenweit voneinander entfernt und stehen sich somit antithetisch gegenüber. Schauen wir auf ein weiteres Beispiel.


Schnell lief er hin, || langsam kam er zurück.

Dieses Beispiel hat ein Satzglied mehr, als das vorherige. Nämlich die adverbiale Bestimmung des Ortes. Dennoch sind die Satzglieder im zweiten Satz mit der vorherigen Abfolge identisch. Die Reihenfolge ist also Prädikat, Subjekt und Adverbial. Daraus ergibt sich also ebenfalls ein klarer Parallelismus, der durch die Gegenüberstellung von schnell und langsam außerdem erneut antithetisch ist.

Hinweis: Die beiden Beispiele sind antithetische Parallelismen. Allerdings gibt es noch weitere Formen des Parallelismus. Nämlich die synonymen, synthetischen und parabolischen Parallelismen. Diese möchten wir Ihnen nachfolgend vorstellen und außerdem Beispiele für diese Formen geben.

Sonderformen des Parallelismus

Antithetischer Parallelismus

Antithetische Parallelismen haben wir in den obigen Beispielen bereits kennengelernt. Hierbei stehen sich die Aussagen beider Wortfolgen inhaltlich gegenüber. Oftmals wird dieser gegensätzliche Effekt durch die Verwendung von Oxymora verstärkt und unterstrichen. Das ist allerdings kein Muss.


Heiß ist die Liebe, kalt ist der Schnee.
Schnell lief er hin, langsam kam er zurück.
Lang war der Weg, kurz war der Kampf.
Kleine Kinder, kleine Sorgen – große Kinder, große Sorgen
Sein Bestes zu geben, muss nicht immer gut sein.

Synomymer Parallelismus

Der synonyme Parallelismus zeichnet sich dadurch aus, dass die Wörter im zweiten Teil mit denen aus dem ersten synonym sind und demnach das Gleiche bedeuten. Die parallel angeordneten Satzglieder ergeben also den gleichen Sinn und könnten teilweise ausgetauscht werden.


Ich bin entdeckt, ich bin durchschaut.
Mein Gott, hilf mir aus der Hand des Gottlosen, aus der Hand des Ungerechten und Tyrannen.

Synthetischer Parallelismus

Bei dieser Sonderform wird die Aussage des ersten Satzes im zweiten vereinigt. Das bedeutet, dass die Aussage noch weiter entfaltet wird. Dadurch ist die Parallelität der Satzglieder jedoch schwer zu erkennen und muss genau geprüft werden. Ein Beispiel findet sich im folgenden Vers.


Jahwe ist mein Hirt, mir mangelt nichts.

Die Abfolge ist hierbei Subjekt, Prädikat, Objekt. Das gilt für beide Aussagen. Somit sind diese parallel. Die erste Aussage stellt etwas fest, woraus in der zweiten noch eine Schlussfolgerung folgt. Diese entfaltet dabei die vorherige Aussage und bestimmt sie ein wenig genauer.

Parabolischer Parallelismus

Als parabolisch wird etwas bezeichnet, das allegorisch ist und somit nur als Sinnbild zu verstehen ist. Diese Sonderform beschreibt den Umstand, dass die zweite Aussage das sprachliche Bild der ersten auf eine Sachebene holt. Die Form besteht demnach aus einer Sach- und einer Bildhälfte.


Gleichwie ein Vater sich erbarmt der Kinder,
so erbarmt sich Jahwe über alle, die ihn fürchten.

Im Beispiel wird im ersten Vers ein Bild geschaffen. Es ist das Bild eines Vaters, der sich um seine Kinder kümmert. Dieses Bild wird in der Folge auf eine Sachebene transportiert und konkretisiert. Demnach ist diese Sonderform durchaus mit dem Vergleich verwandt und kommt oft bei der Deutung eines Bildes zum Tragen.

Stufenartiger Parallelismus

Diese Form basiert auf dreigliedrigen Versen, die sich steigern, dabei die Satzglieder parallel anordnen und somit die Aussagekraft verstärken. Ein solches Prinzip findet sich auch beim Stilmittel der Klimax. Deshalb nennt man diese Form auch klimaktischen, repetierenden oder tautologischen Parallelismus.


Gewaltiger als vieler Wasser Gebraus,
gewaltiger als die Brandung der Meere:
allgewaltig in der Höhe ist Gott

Auch hierfür finden wir eine Entsprechung in der Bibel. Hierbei erfolgt eine Steigerung von Wasser über Meer zu Gott. Weiterhin sind die einzelnen Verse parallel angeordnet. Hierbei wird die Aussagekraft der Passage also doppelt verstärkt. Einerseits durch die Klimax und andererseits durch den Parallelismus.

Übersicht: Merkmale, Wirkung und Funktion von Parallelismen

  • Als Parallelismus wird die Wiederkehr der gleichen Wortreihenfolge bezeichnet, wobei beide Teile in etwa die gleiche Anzahl von Wörtern enthalten, die syntaktisch identisch sind.
  • Das Stilmittel wird oft mit einer Antithese gebildet, wobei ebenso die Klimax typisch erscheint. Äußerlich sind Parallelismen außerdem sehr häufig durch die Epipher, Anapher oder das Homoioteleuton miteinander verbunden.
  • Als Wirkung lässt sich die Verstärkung und Steigerung der Aussagekraft benennen. Der zweite Teil lenkt nämlich durch die Wiederholung erneut das Augenmerk des Empfängers (Zuhörer, Leser) auf den ersten Teil. Dieser wird verstärkt, vertieft und oftmals genauer gedeutet.
  • Das stilistische Gegenstück ist gewissermaßen der Chiasmus. Hierbei werden die einzelnen Satzglieder nicht parallel, sondern gekreuzt, also beinahe spiegelbildlich, angeordnet.
Sekundärliteratur und weiterführende Werke zum Thema Parallelismus
  • Fricke, Harald u.a. (Hrsg.): Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Berlin, New York: Walter Gruyter 2000, Bd.1-3
  • Otto F. Best: Handbuch literarischer Fachbegriffe. Definitionen und Beispiele 4. Aufl. Fischer, Frankfurt am Main 1998
  • Gero von Wilpert: Sachwörterbuch der Literatur. 8. Auflage. Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 2001