Der umarmender Reim ist ein Reimschema, das aus einer bestimmten Abfolge von Endreimen gebildet wird, wie beispielsweise der Kreuzreim, Paarreim oder Schweifreim. Der umarmende Reim wird dabei aus mindestens drei Versen gebildet, wobei die äußeren Verszeilen die inneren Zeilen umschließen oder eben „umarmen“ (→ Vers).

Ein umarmender Reim besteht in der Regel aus zwei Reimpaaren, wobei das eine das andere gewissermaßen umschließt. Der erste Vers eröffnet hierbei die Strophe, die nächsten Zeilen werden aus einem Paarreim gebildet und die abschließende Verszeile reimt sich wiederum auf die erste. Das Reimschema folgt demnach dem Muster abba.

Um das zu verdeutlichen, können wir einmal auf einen Vierzeiler aus Goethes „Zahme Xenien“ schauen, die er mit Schiller verfasste. Hierbei reimen sich die Wörter begehrt und wert, haben und Gaben.

Ein reiner Reim ist sehr begehrt,
doch den Gedanken rein zu haben,
die edelste von allen Gaben,
das ist mir alle Reime wert.

In dieser Strophe reimen sich die Verse 1 und 4, aber auch die Verszeilen 2 und 3. Wenn wir diese beiden Reimpaare nun farblich hervorheben, wird klar ersichtlich, was das typische Merkmal eines umarmenden Reims ist und inwiefern hierbei ein Reimpaar das andere umschließt.

Ein reiner Reim ist sehr begehrt,
doch den Gedanken rein zu haben,
die edelste von allen Gaben,
das ist mir alle Reime wert.
Durch diese Markierungen können wir nun eine sehr klare Aussage über das Reimschema machen, da wir eine Abfolge erkennen können. Wir sehen, dass die einzelnen Farbpärchen irgendwie zusammengehören. Wir könnten diese Abfolge nun mit rot, grün, grün, rot beschreiben.

Hinweis: Der umarmende Reim wird auch als umschließender oder umfassender Reim, Blockreim oder auch Spiegelreim bezeichnet. Alle fünf Namen meinen allerdings haargenau das gleiche Reimschema. Allerdings ist die Bezeichnung umarmender Reim mit Sicherheit am weitesten verbreitet.

Das Reimschema im umarmenden Reim

Nun geben wir eine solche Abfolge allerdings nicht durch das Nennen der jeweiligen Farbe wieder, sondern nutzen dafür aufsteigende Buchstaben.

Für die Kennzeichnung fangen wir im Alphabet einfach ganz vorne an und wählen für den ersten Reim, der uns in einer Strophe begegnet, den Buchstaben A, den nächsten neuen Reim kennzeichnen wir also mit einem B. Allerdings hat man sich in der Germanistik und auch im Deutschunterricht darauf geeinigt, kleine Buchstaben zu nutzen. Das Prinzip wenden wir nun auf unseren umarmenden Reim an.

a
b
b
a
Ein reiner Reim ist sehr begehrt,
doch den Gedanken rein zu haben,
die edelste von allen Gaben,
das ist mir alle Reime wert.
Diese Abfolge können wir nun angeben, um zu zeigen, dass der obige Vierzeile ein umarmender Reim ist. Das Reimschema im umarmenden Reim ist folglich abba.

Buchstaben im umarmenden Reim fortführen

Allerdings ist es recht selten der Fall, dass ein Gedicht nur aus vier Zeilen oder auch nur einer einzigen Strophe besteht. Deshalb müssen wir die Buchstaben natürlich fortführen, um das Reimschema richtig zu kennzeichnen und zwar immer dann, wenn uns ein neuer Reim begegnet. Als Beispiel sollen die ersten beiden Strophen aus dem Gedicht „Adler“ von Joseph von Eichendorff herhalten.

a
b
b
a

c
d
d
c

Steig nur, Sonne,
Auf die Höhn!
Schauer wehn,
Und die Erde bebt vor Wonne.

Kühn nach oben
Greift aus Nacht
Waldespracht,
Noch von Träumen kühl durchwoben.

Beide Strophen sind klar durch einen umarmenenden Reim gekennzeichnet. Hierbei haben wir das Reimschema in der ersten durch abba und in der zweiten Verszeile mithilfe der Abfolge cddc angegeben.

Reimpaare: Sonne und Wonne | Höhn und wehn | oben und durchwoben | Nacht und Waldespracht

Hinweis: Würden nun noch weitere Strophen folgen, die wir als umarmende Reime identifizieren könnten, würden wir dies fortlaufend tun. Also: effe, ghhg, ijji usw.

Paarreim und umarmender Reim bilden einen Schweifreim

Vorsicht ist geboten, wenn wir achtlos mit dem Reimschema hantieren. Gerade bei der Analyse und Interpretation von Gedichten, können sich die einzelnen Reimpaare innerhalb der Strophen natürlich abwechseln oder auch gar kein einheitliches Muster bilden.

Wichtig ist in diesem Zusammenhang allerdings, dass die Verbindung eines Paarreims und des umarmenden Reims als Schweifreim bezeichnet wird. Schauen wir dafür auf ein Beispiel, das den meisten wohl aus der Kindheit vertraut ist: das Abendlied von Matthias Claudius.

a
a
b
c
c
b
Der Mond ist aufgegangen,
die goldnen Sternlein prangen
am Himmel hell und klar;
der Wald steht schwarz und schweiget,
und aus den Wiesen steiget
der weiße Nebel wunderbar.
Die ersten beiden Verszeilen sind im Eigentlichen ein Paarreim, wohingegen Vers 3,4,5 und 6 klar als umarmender Reim zu erkennen sind. Finden wir dieses Zusammenspiel allerdings in einer einzelnen Strophe, wird dies als Schweifreim bezeichnet.

Wirkung und Funktion des umarmenden Reims

Ein umarmender Reim ist selten willkürlich in einem Gedicht gesetzt und wir können getrost überprüfen, ob Inhalt und Funktion des Textes Hand in Hand gehen, weshalb es sich lohnt einmal auf die Wirkung des umarmenden Reims zu schauen.

Umarmender Reim und seine Funktion

  • Im umarmenden Reim wird ein Reimpaar durch ein anderes umschlossen. Dieses ist folglich durch das andere geschützt, vielleicht ein wenig versteckt oder auch ver- und geborgen. Dieser Effekt kann natürlich auch auf der Ebene der Interpretation eine Funktion erfüllen.
  • Ein umarmender Reim kann außerdem überraschend wirken, da der vermeintliche erste Reim ohne Paar am Ende doch noch aufgelöst wird und dadurch eine Einheit bildet.
  • Durch die Umarmung wird der Inhalt einer Strophe gewissermaßen abgeschottet. Folglich kann das Äußere das Innere als Unterthema benennen oder inhaltlich übergeordnet stehen.
Sekundärliteratur und weiterführende Werke zum Thema Umarmender Reim
  • Fricke, Harald u.a. (Hrsg.): Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Berlin, New York: Walter Gruyter 2000, Bd.1-3
  • Otto F. Best: Handbuch literarischer Fachbegriffe. Definitionen und Beispiele 4. Aufl. Fischer, Frankfurt am Main 1998
  • Gero von Wilpert: Sachwörterbuch der Literatur. 8. Auflage. Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 2001