Ein unreiner Reim, auch Halbreim, ist eine Reimart. Im unreinen Reim werden Silben gereimt, die sich nur annähernd reimen, also lautlich nicht exakt identisch sind. Im unreinen Reim stimmt die Lautfolge der Reimsilben also nur an­nä­hernd überein, was vornehmlich bei Vokalen, weniger bei Konsonanten, deutlich wird. Mitunter erscheinen Reime beim Lesen unrein, sind jedoch bei einer mundartlichen Aussprache rein. Die Akzeptanz von unreinen Reimen schwankt in den Literaturepochen.

Typisch ist diese Reimart vor allem für die volkstümlicher Dichtung (bspw. im Volkslied), wohingegen sie bei Werken, die sich an eindeutigen Merkmale der hohen Formkunst orientieren, eher selten ist. Dennoch finden sich zahlreiche Beispiele aus der Literatur und von ganz unterschiedlichen Dichtern, die den unreinen Reim bewusst als Mittel der Gestaltung einsetzen. Schauen wir auf ein Beispiel von Friedrich Schiller:


a
b
a
b
c
c
Da ergreift’s ihm die Seele mit Himmelsgewalt,
Und es blitzt aus den Augen ihm kühn,
Und er siehet erröten die schöne Gestalt
Und sieht sie erbleichen und sinken hin –
Da treibt’s ihn, den köstlichen Preis zu erwerben,
Und stürzt hinunter auf Leben und Sterben.

Das obige Beispiel ist die vorletzte Strophe aus Schillers Ballade Der Taucher und beinhaltet einen unreinen Reim: die Reimbindung von kühn und hin, die lautlich nur ähnlich, aber nicht gleich sind. Im Gegensatz dazu stehen die anderen Verse, die wiederum als rein zu bewerten sind (-gewalt/Gestalt, erwerben/Sterben).

Genauer ausgedrückt: Wenn sich Wörter rein reimen, stehen nach einem betonten Vokal (auch Umlaut und Diphthong) identische Konsonanten. Beim Wort Sonne folgen auf das betonte o die Buchstaben nne, ebenso verhält es sich bei Wonne. Demnach reimen sich Sonne und Wonne rein. Schaut man vergleichend auf das obige Beispiel, also die Wörter hin und kühn, fällt ein lautlicher Unterschied auf.

Einerseits werden ü und i natürlich unterschiedlich ausgesprochen und außerdem wird das i kurz und das ü im Beispiel lang gesprochen, der Laut wird also länger gehalten. Folglich klingen die Wörter zwar ähnlich, aber nicht gleich: sie reimen demzufolge unrein. Ein reiner Reim auf hin wäre beispielsweise bin oder drin.


Was gibt’s wohl zum Essen heute?
Fragt sich Peter voller Freude.

Dieses Beispiel wurde selbst gedichtet und verdeutlicht das Prinzip erneut. Hierbei wird heute auf das Nomen Freude gereimt. Nach dem Doppelvokal eu, der sich in beiden Begriffen findet, steht im ersten Wort te und im zweiten de. Das d ist hierbei ein weicher Konsonant, das t wird hart gesprochen. Folglich stimmen nicht alle Laute nach dem Doppelvokal überein: ein unreiner Reim. Abschließend ein Beispiel mit Dialekt:


Ach neige,
Du Schmerzenreiche,
Dein Antlitz gnädig meiner Not!

Der obige Auszug zeigt die ersten drei Zeilen eines Monologs aus Goethes Faust. Der Dichter reimt dabei die Wörter neige und Schmerzenreiche. Nach dem letzten Vokal, hierbei der Doppelvokal ei, stehen im ersten Teil ge (neige), im zweiten che (-reiche). Diese Paarung kann durchaus als unreiner Reim gelten. Wird das Wort neige allerdings frankfurtisch, also im Frankfurter Dialekt, gesprochen, wird es zu neiche – dann wäre der Reim lautlich gleich. Nachfolgend eine Übersicht häufiger unreiner Reime.

Unreiner ReimMerkmal
Komm schnell gucken, Mama
Dort hinten spuckt ein Lama.
lange und kurze Vokale werden gereimt
Ich war heute schon im Wald.
Da wurde mir ganz furchtbar kalt.
Weiche und harte Konsonanten werden gereimt.
Später gibt es Hiebe,
du ungezog’ne Rübe.
Vokale (und Dipthonge) werden auf Umlaute gereimt.
Wo gestern die Verliebten saßen,
seit heute Autofahrer rasen.
stimmhafte und stimmlose Laute werden gereimt.
Und man hört schon die Reichen,
wie sie leise „Bitte!“ keuchen.
Verschiedene Diphthonge werden gereimt.
Ach neige,
Du Schmerzenreiche
Dialekt oder auch Umgangssprache wird gereimt, hierbei ch und g.

Sonderform: Assonanz

Eine Sonderform des unreinen Reims ist die Assonanz. Die Assonanz meint einen Reim aus Wörtern, bei denen sich ausschließlich die betonten Vokale reimen. Die Konsonanten sind aber unterschiedlich. In diesem Zusammenhang spricht man auch eher vom vokalischen Gleichklang. Ein Beispiel:


Ach, ich will mich nicht beklagen,
immerhin konnt‘ ich nachts schlafen

Im Beispiel ist ersichtlich, dass die Wörter beklagen und schlafen keineswegs gleich sind. Nach dem letzten Vokal gibt es auch keine gleichen Konsonanten, wie es bei einem reinem Reim wäre. Doch ist eben dieser letzte Konsonant identisch – beide setzen auf das a. Dadurch erhalten die Wörter einen Gleichklang der betonten Vokale. Ähnlich wäre es bei einem Reim von Stab auf Macht oder Grund auf Duft.

Sonderform: Augenreim

Eine weitere Sonderform des unreinen Reims ist der Augenreim. Im Augenreim reimt sich lautlich gar nichts. Für das Auge, daher auch der Name, existiert jedoch ein Raum. Dieser besteht jedoch nur orthographisch, weil die Wörter gleiche Buchstaben aufweisen. Ein beispielhafter Zweizeiler:


Das war ja eine Blamage,
so was gibt’s nicht alle Tage.

Die Wörter, die hier gereimt werden, sind zwar nach dem betonten Vokal identisch, wodurch -age auf -age gereimt wird, werden aber vollkommen anders ausgesprochen. Tage würde einen reinen Reim mit Lage bilden, Blamage reimt sich auf Etage oder Rage. Die Kombination ist hierbei allerdings nur für das Auge gereimt, aber lautlich nicht existent: ein Augenreim. Häufig findet er sich beim Reim auf Fremdwörter.

Kurzübersicht: Das Wichtigste zur Reimart im Überblick

  • Als unreiner Reim wird eine Reimart bezeichnet. Ein unreiner Reim reimt Wörter, bei denen die Reimsilben nur an­nä­hernd übereinstimmen. Sie klingen also – wie es bei einem reinen Reim wäre – nicht völlig identisch. Sehr auffällig ist das bei Vokalen, Diphthongen und Umlauten.
  • Sonderformen der Reimart sind die Assonanz sowie der Augenreim. Bei der Assonanz gibt es in den Reimsilben gleiche Vokale, wobei sich die Konsonanten gänzlich unterscheiden. So kommt es zum vokalischen Gleichklang. Der Augenreim besteht nur für das Auge, die Reimsilben werden hierbei oftmals gleich geschrieben, aber sind lautlich unterschiedlich.

Sekundärliteratur und weiterführende Werke zum Thema Unreiner Reim
  • Fricke, Harald u.a. (Hrsg.): Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Berlin, New York: Walter Gruyter 2000, Bd.1-3
  • Otto F. Best: Handbuch literarischer Fachbegriffe. Definitionen und Beispiele 4. Aufl. Fischer, Frankfurt am Main 1998
  • Gero von Wilpert: Sachwörterbuch der Literatur. 8. Auflage. Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 2001