WORTWUCHS | Literaturlexikon

Ut pictura poesis

Ut pictura poesis ist eine lateinische Wendung, die aus der Ars poetica des Dichters Horaz stammt. Ut pictura poesis lässt sich in etwa mit Wie ein Bild [sei] das Gedicht übersetzen. Der Satz kommt in einer abgewandelten Form bereits beim griechischen Dichter Simonides von Keos vor, erlangte aber erst durch Horaz‘ Abhandlung eine enorme Popularität. Ursprünglich verwies der Vergleich darauf, dass Dichtung und Malerei sich in bestimmten Aspekten ähneln und dennoch wurde er vor allem in der Renaissance missverstanden: In dieser Epoche wurde der Ausspruch insofern aufgefasst, als dass lyrische Erzeugnisse möglichst malerisch, also bildlich, sein sollten. Erst Lessing maß beiden Formen Eigenständigkeit zu, auch wenn er der Dichtkunst den Vorzug gab, wobei er darauf verwies, dass Gedichte im Wesen Wortkunst seien und beide Künste nicht gleichgesetzt werden sollten.

Die Ars Poetica ist eine Schrift, die durchgängig in Hexametern verfasst ist. Sie nahm maßgeblichen Einfluss auf die Dichtkunst des Mittelalters, der Renaissance und des Klassizismus. Horaz schuf in dieser knappen Abhandlung zwar keine eigenständige Poetik, verwies allerdings auf Merkmale, die seiner Meinung nach wesentlich für die Ästhetik eines dichterischen Werkes waren. Ab Vers 361 findet sich das Folgende:


Ut pictura poesis; erit quae, si propius stes
te capiat magis, et quaedam, si longius abstes.

Übersetzung: Wie ein Bild sei das Gedicht: es gibt welche, die dich mehr fesseln,
wenn du näher stehts und solche, die dich fesseln, wenn du weiter entfernt stehst.


Diese Passage findet sich am Ende der Ars Peotica. Horaz stellt in diesem Absatz heraus, dass Poesie – ebenso wie die Malerei zu seiner Zeit – interpretiert werden müsste und sich eben nicht auf den ersten Blick erschließt. Im weiteren Verlauf findet Horaz weitere Vergleiche, die aber letztlich zum selben Ergebnis führen.

Daraus entwickelte sich in der Folge allerdings eine große Debatte darüber, inwiefern sich diese Künste miteinander vergleichen ließen und welche gemeinsamen Strukturgesetze Malerei und Dichtkunst aufweisen. In der Renaissance führte dies dazu, dass Horaz‘ Ut pictura poesis insofern missverstanden wurde, als dass Horaz unterstellt wurde, dass er eine malende Dichtkunst forderte, die beschreibend war.

Weiterhin wurden die beiden Künste numehr häufig miteinander verglichen. In zahlreichen Poetiken führte dies dazu, dass der Poesie der Vorrang gegeben wurde oder ihr im Vergleich zur Malerei ein deutlich höherer Rang zugewiesen wurde. Erst Leonardo da Vinci stellte heraus, dass die Malerei der Dichtkunst überlegen sei, da sie sich durch eine ungeheure Gleichzeitigkeit auszeichne, die die Poesie niemals nachahmen könnte.

Dieser Wettstreit der verschiedenen Darstellungsformen nahm erst durch die Veröffentlichung von Lessings Laokoon (1766), einer Schrift, die die Grenzen der Mahlerey und Poesie aufzeigen sollte, ein Ende. Lessing versuchte in diesem Werk, die künstlerischen Unterschiede zwischen der bildender Kunst und der Literatur darzustellen. Ihm gelingt dies durch die Beschreibung eines Meisterwerks der Antike: der Laokoon-Gruppe.Lessing stellte anhand der Laokoon-Gruppe die Unterschiede zwischen Poesie und Kunst dar.

Bild: Der Ausschnitt zeigt einen Teil der Laokoon-Gruppe, wie Lessing sie betrachtete.


Lessing führt bei der Betrachtung der Laokoon-Gruppe, wie sie der obige Ausschnitt zeigt, aus, dass die bildende Kunst und die Dichtung nicht miteinander zu vergleichen sind, wie es in der Renaissance, aber auch in der Aufklärung, gefordert wurde. Er stellt heraus, dass die Dichtung die Worte aufeinander folgend (zeitlich) und die Kunst ihre Farben und Formen nebeneinander anordnet (räumlich).

Daraus schließt Lessing:„[Deshalb] können nebeneinander geordnete Zeichen auch nur Gegenstände, die nebeneinander, oder deren Teile nebeneinander existieren, aufeinanderfolgende Zeichen aber auch nur Gegenstände ausdrücken, die aufeinander, oder deren Teile aufeinander folgen.“

Das bedeutet, dass die bildende Kunst ausschließlich Gegenstände darstellen, wohingegen die Dichtung Handlungen zeigen kann. Die Malerei kann zwar Handlungen nachahmen, aber nur andeutungsweise durch Körper und die Poesie kann durchaus schildern, aber nur andeutungsweise durch Handlungen. Folglich sollten Maler einen prägnanten Augenblick wählen, aus dem das Vorherige begreiflich wird und Dichter sollten keine ausufernden Beschreibungen abliefern, sondern die Beschreibungen durch Handlungen zeigen.

Kurzübersicht: Das Wichtigste zu „Ut pictura poesis“ im Überblick


  • Die lateinische Wendung Ut pictura poesis geht auf den Dichter Horaz zurück. Horaz verglich hierbei die bildende Kunst mit der Dichtkunst und verwies darauf, dass beides interpretiert, also aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet werden müsste, um die volle Bedeutung zu entfalten.
  • Dieser Ausspruch führte in der Folge zu einer großen Debatte über den Rang von Malerei und Dichtung. Zahlreiche Poetiken verglichen die beiden Formen miteinander, wobei mal der einen, mal der anderen Darstellungsform der Vorzug gegeben wurde.
  • Erst Gotthold Ephraim Lessing tat all diese Versuch ab, indem er in seinem Laokoon darauf verwies, dass beide Formen nicht miteinander zu vergleichen seien, da sie sich vollkommen unterschiedlicher Formen der Darstellung bedienten.

  • Hinweis: Auf Horaz gehen übrigens noch allerhand weitere Wendungen in lateinischer Sprache zurück, wie etwa die Begrifflichkeiten in medias res oder ab ovo, die Erzähltechniken meinen sowie sapere aude und carpe diem, die zu den Leitmotiven ganzer Epochen wurden.

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