WORTWUCHS | Literaturlexikon

Vox nihili

Als Vox nihili, auch Geisterwort oder Ghostword, wird ein Wort bezeichnet, das nur durch zufällige Druck-, Schreib- oder Aussprachefehler des Kopisten oder Herausgebers entstanden ist. Demnach entsteht ein Vox nihili nicht absichtlich, sondern aufgrund eines Irrtums und hat somit keinen tatsächlichen Sinn. Wesentlich ist, dass ein Ghostword nur dann als solches gelten kann, wenn es in einer Publikation erschienen ist, welche zur tatsächlichen Verbreitung des Wortes führt, wie beispielsweise Wörterbücher oder wissenschaftliche Arbeiten, die referenziert und zitiert werden.

Die Bezeichnung stammt aus dem Lateinischen und setzt sich aus dem Nomen Vox für Stimme und nihilum für Nichts zusammen, das im Genitiv steht (des Nichts). Demnach lässt sich die Wortfolge mit Stimme des Nichts übersetzen, woraus sich dann auch die deutsche Bezeichnung Geisterwort oder das englische Ghostword indirekt ableiten lassen. Schauen wir nachfolgend auf einige Beispiele:


Phantomnation: appearance as of a phantom; illusion.

Das obige Beispiel ist ein Lexikoneintrag aus dem Wörterbuch An American Dictionary of the English Language (1864), das von Noah Webster, einem amerikanischen Lexikografen, Schriftsteller sowie Publizisten, herausgegeben wurde. Hierbei wird das Substantiv Phantomnation als das Erscheinen eines Phantoms und als Illusion gedeutet. Diese oder eine ähnliche Deutung des Wortes findet sich in mehreren Wörterbüchern des 19. Jahrhunderts (vgl. Philology of the English Language, 1860).

Entscheidend ist allerdings, dass das Substantiv Phantomnation gar nicht existiert und lediglich aufgrund eines Irrtums entstanden ist. Es handelt sich dabei also um ein Vox nihili oder eben Ghostword. Als Beleg für die Existenz des Wortes wurde auf Alexander Popes Übersetzung der Odyssee, einem Werk des abend­län­dischen Dichters Homer, aus dem Jahr 1725 verwiesen. Dort heißt es aber eigentlich:


The Phantomenations of the dead.

Durch den trennenden Strich wird offensichtlich, dass es sich hierbei um zwei Wörter handelt und eben nicht, wie fälschlicherweise angenommen, um ein Substantiv. So entstand aufgrund der fehlerhaften Annahme, dass Pope Phantomnation schrieb, ein Wörterbucheintrag für ein Wort, das es gar nicht gab. Mittlerweile führt das Oxford English Dictionary von 2009 den Eintrag als …


„Appearance of a phantom; illusion. Error for phantom nation.

Demnach gibt es den Begriff auch heute noch und er ist ausschließlich aufgrund eines Fehlers entstanden. Zwar wird nunmehr auf den Fehler hingewiesen, doch ändert dies nichts daran, dass das „falsche“ Substantiv dennoch existiert. Und eben dieser Umstand wird als Vox nihili bezeichnet.

Ghostwords (Beispiele)

GhostwordErläuterung
CairbowTauchte ebenfalls im Oxford English Dictionary innerhalb eines Beispielsatzes auf. Das Wort gibt es allerdings nicht. Es handelt sich um einen Fehler. Gemeint war das Caribou (deutsch: Karibu), also der nordamerikanischen Vertreter der Rentiere.
AbacotDer Begriff galt über viele Jahrhuderte als eine Bezeichnung für den Turnierhut (erstmalig 1587 in Chronicles, danach in zahlreichen Wörterbüchern), der im Mittelalter als Verzierung des Helmes verwendet wurde. Tatsächlich handelt es sich hier um ein Vox nihili. Denn die erste Erwähnung beruhte auf einem Fehler im Eintrag bycoket, was die korrekte Bezeichnung gewesen wäre. Dieser Irrtum wurde erst im 19. Jhd. von James Murray aufgedeckt werden.
DrodGilt als eines der bekanntesten Geisterwörter und wurde Jahrzehnte als Synonym für Dichte in englischen Wörterbüchern geführt. Tatsächlich beruht dieser Fehler auf der Notiz, D or d (deutsch: ‚D‘ oder ‚d‘), wobei es darum ging, wie das Wort density abgekürzt werden sollte.
Kurzübersicht: Das Wichtigste im Überblick


  • Als Vox nihili, auch Geisterwort oder Ghostword, wird ein Wort bezeichnet, das nur durch zufällige Druck-, Schreib- oder auch Aussprachefehler des Kopisten oder Herausgebers entstanden ist. Demnach entsteht ein Vox nihili nicht absichtlich, sondern aufgrund eines Irrtums und wird dennoch verbreitet, wodurch es in der Sprache gebraucht wird.
  • Der Begriff wird aber tatsächlich nur auf Wörter angewandt, die einerseits aufgrund eines Irrtums entstanden, aber andererseits auch tatsächlich gebraucht werden. Dafür ist es zumeist notwendig, dass sie entweder in einem Wörterbuch oder einer wissenschaftlichen Abhandlung verwendet werden, um überhaupt referenziert und zitiert zu werden.

Stichwortverzeichnis