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Eine feine reine Myrte

Eine feine reine Myrte ist ein romantisches Liebesgedicht von Clemens Brentano, das er ungefähr im April des Jahres 1834 verfasste. Das Werk kann zu Brentanos lyrischem Spätwerk gezählt werden und wird häufig als Gedicht für Emilie Linder gedeutet.

Linder war eine Malerin aus der Schweiz, die Brentano 1833 kennenlernte. Er bemühte sich um ihre Liebe und versuchte, sie vom katholischen Glauben zu überzeugen. Beides schlug gleichermaßen fehl, obwohl Brentanos Bemühungen scheinbar nicht gänzlich spurlos blieben, da sie kurz nach seinem Tod (1842) zum Katholizismus konvertierte. Schauen wir auf das Gedicht.

Text des Liebesgedichtes

Eine feine reine Myrte[1]
Und ein Opfertaubenpaar
Das im Traume girrend schwirrte,
Küßt ein Hirte den Altar.

Süße Rebe schlanker Ranken
Weinbeer und Gedanken voll
Ob man küssen die Gedanken,
Ob die Beerlein denken soll.

Schatz von Seelenlustjuwelen
Schließt der Elfenbeinschrein ein
Doch nur Küsse kann man stehlen
Fest liegt’s Himmelschlüsselbein.

Ein verstummend Fühlgewächschen
Ein Verlangen abgewandt
Ein erstarrend Zitterhexchen
Zuckeflämmchen nie verbrannt.

Offnes Rätsel, nie zu lösen,
Stäter Wechsel, fest gewöhnt,
Wesen, wie noch keins gewesen
Leicht versöhnt und schwer verschönt.

Ein beredsam tiefes Schweigen
Ein Versteck, der offen liegt,
Ganz ergossen, sich nur eigen,
Ein Ergeben, nie besiegt.

Sonnenwahr, ach glauben muß ich!
Hoffen? möcht‘ ich – Wechselmond!
Lieben? – weil ein Sternenkuß ich,
Der an diesem Himmel wohnt.

Köpfchen sinn- schier eigensinnig,
Pfeildurchblitzte Lockennacht,
Augen innig, Wangen minnig,
Mundes Wunde schmachtend lacht.

Nase üblich, Öhrchen lieblich,
Läppchen Zuckertröpfchen lind,
Kinn ein bißchen zu verschieblich,
Wird betrüblich mein süß Lind.

Auf dem Kehlchen wiegt das Köpfchen
Blumenglöckchen auf dem Stiel,
Seelchen, selig Taueströpfchen,
Das hinein vom Himmel fiel.

Reiner, feiner Nacken! sterben
Möcht‘ in Küssen ich an dir
Könnt‘ ich nur mein Küssen erben
Ließ‘ ich gern mein Leben hier.

Und die Schultern fein gesenket,
Kühl und süß mein Haupt hier ruht.
Träumet, flüstert, dichtet, denket
Licht und Wort und Fleisch und Blut.

Und nun küss‘ ich euch zwei Flügel,
Küssend, sagt man, wächst der Flaum,
Jenseits über süße Hügel
Schwebet schon der schwüle Traum.

Ach wenn ich euch doch nicht wüßte
Weiße Lämmchen nahebei,
Wenn ich euch nicht suchen müßte,
Küssen nicht, dann wär‘ ich frei.

Himmelsschäfchen, süß verschwiegen,
Schwanenbettchen, linder Schaum,
Ach ihr feinen Liebeswiegen
Wieget einen Kindertraum.

Klare, linde Lebensquelle
Becher, Trank und Flut und Brand
Dürstend schmacht ich nach der Welle
Und sie hüpft mir in die Hand.

Und o Liebe, das Geschöpfchen
Mir ans Herz nun selber sinkt,
Wie ein Myrtenreis im Töpfchen,
Das an einer Quelle trinkt.

Süße Hange und Verlange
Süßer, schlanker Schlangenleib
Sei nicht bange, währt nicht lange,
Fliehe Schlange, bleib süß Weib!

Süß Syrene auf der Hüfte
Wiegst du dich am Felsenriff
Selig, wer vorüberschiffte,
Wen der Zauber nicht ergriff.

Tempel auf zwei Säulchen tüchtig
Aller Liebesgötter voll,
O Asyl, bin liebesflüchtig
Weiß wohin ich fliehen soll.

Hätte ich dich selbst beleidigt,
Flöh‘ zu dir ich, Huldaltar,
Würd‘ von dir geschützt, verteidigt,
Ja ich weiß es, es ist wahr.

Und nun ruh‘ ich dir zu Füßen,
Bin ganz krank vor Lust und Weh
Sag süß Lieb, sag darf ich küssen,
Die dich schmerzt die kleine Zeh?

Sieh das Strumpfband dicht voll Küssen!
Nur die trunknen Küsse sahn’s,
Schwester braucht das nicht zu wissen
Honny soit, qui mal y pense.

Sag Emilie! laß dich fragen,
Hast du dies mein Glück gesehn?
Hast du’s in dein Bett getragen?
– Nein! jetzt will ich schlafen gehn.

Bitte, bitte, ganz vertraulich
Muß mich kämmen, wäschen gehn,
Bin dabei nicht sehr beschaulich,
Tu nicht vor dem Spiegel stehn.

Lieber hast du dir getrieben
Aus mir einen Blumenstrauß,
Hast ihn trunken mir beschrieben
Dichter trag ihn dir nach Haus.

Bitte, bitte, gehen, gehen,
Alles zwar ist mir nicht fremd,
Doch kann ich bei Nacht nicht sehen
Denn am Hälschen schließt das Hemd.

Und weil man mich Turteltäubchen
Leicht nicht unters Häubchen bringt
So vergess‘ ich im Nachthäubchen
Was zu dichten dir gelingt.

Gehen, gehen, bitte, bitte!
Ach ich weiß nicht, bin’s, bin’s nicht,
Mein Wachsstöckchen! – liebe Schritte!
Lebe wohl, du letztes Licht.

Noch ein flehendes Umarmen,
Schon die Klingel in der Hand
Und ich flieh‘ aus Lichtes Armen
In die Nacht, die draußen stand.

Nacht! hast du mein Glück gesehen?
– Nein, doch oft vor dir versteckt,
– Licht am Fenster – Schlafen gehen,
Ausgestreckt und zugedeckt!

Über mich zwar ist’s gekommen
Denn dein Glück kam über Nacht,
Hast du’s in den Arm genommen
Ist der Traum mit dir erwacht.

Traum! bist du mein Glück gewesen?
Nein sein Bild nur auf Besuch,
Wo dein Glück ist kannst du lesen
Br. Br. Br. im kleinen Buch.

Wenn das Pferdchen toll will springen,
Das die süße Linder trug,
Muß mit Br. Br. Br. sie’s zwingen,
Br. Br. Br. ist nie genug.

Pferde sind die Leidenschaften,
Br. Br. Br. ach halte Fug
Soll die Lieb‘ im Sattel haften
Br. Br. Br. so werde klug.


[1] Als Myrte wird eine Art immergrüner Strauch bezeichnet, der vornehmlich im Mittelmeerraum beheimatet ist. In der Antike war Myrte der Göttin Aphrodite geweiht, der Göttin für Schönheit und Liebe. Die Myrte gilt folglich als Symbol und Metapher für Jungfräulichkeit, ewige Liebe und Schönheit Beispiele für die Metapher


Details

Verlag
Hanser; nach seinem Tod.
Veröffentlichung
1978