WORTWUCHS | Literaturlexikon

Antigone

Einleitung

Die Tragödie Antigone ist eine antike Tragödie aus der klassischen griechischen Literatur. Sie zählt neben König Ödipus oder auch Elektra zu den bekanntesten Dichtungen des Dramatikers Sophokles (497/96-406 v.Chr.), deren Inhalt das Werk zahlreicher Dichter beeinflusste.

Bis in die Gegenwart hat der Antigone-Stoff immer wieder viele Variationen und Bearbeitungen erfahren, wobei mitunter auch teils nur einzelne Elemente des Stoffes verarbeitet wurden, wie etwa in Goethes Iphigenie auf Tauris. Es wird angenommen, dass die Uraufführung im Jahr 442 stattgefunden hat und Antigone eines der frühen Stücke Sophokles ist. Sie zählt neben König Ödipus und Ödipus auf Kolonos zur sogenannten Thebanischen Trilogie, deren Werke das Schicksal Ödipus und seiner Nachfahren thematisieren. Antigone ist der dritte und letzte Teil der Trilogie.

Die Anziehungskraft des antiken Tragödienstoffs geht zweifelsfrei von dem Gegensatz der Hauptfiguren aus: Auf der einen Seite die gottesfürchtige und hingebungsvolle Antigone, auf der anderen Seite der Machtmensch und weltliche Staatspolitiker Kreon. Während sich Antigone in Demut übt, ist Kreon durch seine Hybris (Übermut) charakterisiert. Die Dramatik des Stücks ist von dem Umstand getrieben, dass Kreon versucht, seine eigenen Gesetze über das höhere Recht der Götter zu stellen.

Im Sinne der Tragödientheorie des Aristoteles erkennt Kreon letztendlich seine Fehler und lernt, das göttliche Recht zu respektieren. Es ist dieser bis in die Gegenwart aktuelle Tragödienstoff, der Antigone bis heute zu einem aktuellen und spannenden Stück Weltliteratur macht.

Inhaltsangabe

Nach dem Tod von Polyneikes und Eteokles wird Kreon zum König von Theben ernannt. Eine der ersten Amtshandlung des neuen Königs ist es, die Beerdigung des Angreifers Polyneikes unter Androhung von Todesstrafe zu verbieten. Dieses Verbot wird für Antigone zum Verhängnis: Sie versucht, ihrem verstorbenen Bruder den Übergang in das Totenreich zu ermöglichen und widersetzt sich deswegen Kreons Verbot (Zuvor hatte Antigone ihrem Bruder versprochen, ihn zu beerdigen).

Aus diesem Grund wird Antigone gefangen genommen und von Kreon zum Tode verurteilt. Erst durch den blinden Seher Teiresias sowie das sorgenvolle Eintreten des Chores kann Kreon überredet werden, die Gesetze der Götter einzuhalten, die eine Bestattung der Toten vorsehen. Doch es ist zu spät: Antigone hat sich erhängt und Kreons Sohn Haimon, der der Verlobte Antigones ist, hat sich selbst umgebracht. Über den Tod ihres Sohnes ist Kreons Frau Eurydike so unglücklich, dass auch sie sich umbringt und ihren Mann als Kindsmörder bezeichnet.

Am Ende der Tragödie ist Kreon also nicht nur mit dem Tod Antigones, sondern auch mit den Toden seiner Frau und seines Sohnes konfrontiert. Der Chor verurteilt seine Hybris (Selbstüberschätzung) und die Tragödie endet mit dem Eingeständnis Kreons in seine Schuld. Fortan muss er mit seinem Schicksal leben, da er sich gegen die Götter stellte und scheiterte.

Szenenübersicht

Szenenübersicht von Antigone
Prologos
Die Tragödie beginnt mit einem Gespräch zwischen Antigone und Ismene, den beiden Schwestern des im Kampf um Theben gestorbenen Polyneikes. Sie diskutieren das Verbot Kreons, ihren Bruder zu bestatten. Antigone würde ihren Bruder gerne beerdigen, um seiner toten Seele einen Übergang in das Reich der Toten zu ermöglichen. Ismene allerdings fürchtet sich vor Kreons Verbot und der angedrohten Steinigung. Obwohl sie weiß, dass die Götter eine Beerdigung verlangen, akzeptiert sie das von Kreon ausgesprochene Verbot aus Angst und plant für ihre Unzulänglichkeit die Götter um Verzeihung zu bitten. Im Gegensatz zu Ismene setzt sich Antigone für das Recht des Toten auf eine Beerdigung ein. Da sie die Leiche durch Ismenes Weigerung nicht transportieren kann, ist sie zu einer rituellen Bestattung gezwungen, die das Aufstreuen von Sand auf die Leiche vorsieht. Antigone ist bereit für ihre Überzeugung zu sterben und sagt, dass sie den Tod froh begrüßen würde, da er sie mit ihrem toten Bruder wieder vereinigen würde. Ismene bittet sie darum, vorsichtig zu sein und wenigstens zu versuchen, ihren Bruder heimlich zu bestatten. Dies lehnt Antigone ab.
Einzugslied des Chores (Parodos)
Im Gegensatz zur ersten Szene zwischen Antigone und ihrer Schwester Ismene beginnt der Chor feierlich dem Sieg Thebens zu verkünden. Polyneikes wird als der Schuldige Angreifer dargestellt. Der Chor schildert die Schlacht um Theben, in deren Verlauf sich die beiden Brüder Polyneikes und Eteokles gegenseitig umgebracht haben. Es wird zur Freude und zu Feierlichkeiten aufgerufen.
Erster Auftritt (Erster Epeisodion)
Nach der gewonnen Schlacht um Theben erklärt Kreon seinen Anspruch auf den Königsthron. In seiner Rede formuliert er seine politischen Grundsätze. Seiner Meinung nach ist er sowohl mit dem verstorbenen Brüderpaar als auch deren Vater Ödipus verwandt, da er der Bruder der gestorbenen Königin Iokaste (Ödipus Frau und Mutter) ist. Kreon wiederholt noch einmal in einer Unterhaltung mit dem Chor die brutale Strafe für Polyneikes („in der Stadt ist’s ausgerufen, /Daß keiner ihn begrabe, keiner traure, / Daß unbegraben er gelassen sei, zu schaun/ Ein Mahl, zerfleischt von Vögeln und von Hunden.“). Der Chor gesteht Kreon zu, eine solche Strafe erteilen zu dürfen. Dennoch verhält sich der Chor distanziert. Über die mangelnde Begeisterung über seine eingerichtete Herrschaft zeigt sich Kreon enttäuscht.
Wächterszene
Ein Bote erscheint und teilt Kreon mit, dass eine unbekannte Person den Leichnam mit Staub bedeckt hat. Der Bote ist ängstlich, weil er sich fürchtet, von Kreon bestraft zu werden. Der Chor deutet an, dass aus Respekt vor den Göttern vielleicht doch eine Bestattung ratsam wäre. Doch Kreon beharrt wütend auf seinem Erlass, den Leichnam von Vögeln und Hunden zerfetzen zu lassen. Darüber hinaus bedroht Kreon die Bewacher der Leiche mit dem Tod, sollten diese nicht besser auf den toten Körper seines Feindes aufpassen.
Erstes Standlied (Erstes Stasimon)
Zu Beginn des ersten Standlieds besingt der Chor den Menschen: „Vielgestaltig ist das Ungeheure, und nichts ist ungeheurer / als der Mensch.“ In einer langen Versfolge werden die Taten des Menschen gepriesen, der sowohl die Seefahrt und Landwirtschaft als auch den Vogelfang und die Viehzucht beherrscht. Neben der Sprache hat er auch das Staatenlenken und das Heilen von Krankheiten gelernt.
Zweiter Auftritt (Zweites Epeisodion)
Die Wächter haben Antigone am Grab des Polyneikes gefasst; einer von ihnen bringt sie zu Kreon. Er berichtet dem König, wie sie die Leiche mit Staub bedeckt hat und wie sie Polyneikes‘ Tod beklagt hat. Antigone gesteht ihre Tat ohne Umschweife. Sie beruft sich auf die ungeschriebenen Gesetze des Unterweltgottes. Diese verlangen, sagt sie, dass der Bruder bestattet wird, unabhängig davon, ob er Gutes oder Schlechtes getan hat; das Volk der Stadt sehe das genauso, wage aber nicht, das zu äußern. Wenn sie sterben müsse, sei das nur ein Gewinn, da sie ein Leben voller Leid gelebt habe. Kreon kritisiert ihre Starrheit und ihren Hochmut; nie werde eine Frau ihn beherrschen. Er lässt Ismene holen. Ismene erklärt, dass sie bereit sei, die Mitschuld auf sich zu nehmen. Von Antigone wird sie schroff zurückgewiesen („Du sollst nicht gemeinsam mit mir sterben, und, was / du nicht angefaßt hast, / mache nicht zu deiner Sache; mein Tod ist genug.“) Dass Kreon als Strafe bereit ist, mit Antigone die Braut seines eigenen Sohnes Haimon umzubringen, wird von dem frischen König mit dem Satz kommentiert: „Böse Frauen für Söhne hasse ich.“
Zweites Standlied (Zweites Stasimon)
Im Zweiten Standlied besingt der Chor die Familiengeschichte der Labdakiden. Im Zentrum der Erzählung steht das große Unheil (Ate), dass die Familie bis heute zeichnet: „Von alters her sehe ich wie im Hause der Labdakiden, / die ständig dahingerafft werden, Leiden auf Leiden / fallen. / Und nicht erlöst ein Geschlecht das andere, sondern es / zermalmt / ein Gott sie, und es kommt nicht davon los.“
Dritter Auftritt (Drittes Epeisodion)
Antigone ist die Verlobte von Kreons Sohns Haimon. In einem Gespräch mit seinem Vater versucht Haimon zunächst strategisch klug, eine emotionale Bindung zu Kreon hervorzuheben. Er lobt den König und sagt, dass er stolz ist, Kreons Sohn zu sein. Doch allmählich steigert sich die Spannung zwischen Vater und Sohn. Als Haimon seinen Vater bittet, seine Meinung zu ändern, reagiert dieser verärgert. Kreon sieht sich als rechtmäßiger Herrscher, dem seine Untertanen zu folgen haben. Wenn er Antigone begnadigen würde, wie es viele Leute im Volk verlangen, hieße das, dass er einen Fehler eingestehen würde. Darüber hinaus wirft Kreon seinem Sohn Haimon vor, der Sklave einer Frau und ein Hohlkopf zu sein. Kreon warnt seinen Vater, dass der Tod von Antigone auch seinen eigenen Tod zur Folge haben würde. Doch Kreon bleibt hart: Er befiehlt, Antigone in eine Grabkammer bei lebendigen Leib einzusperren: „Dahin, wo der Pfad leer von Menschen ist, / werd ich sie bringen und lebend in einem Felsenschacht einschließen, / so viel Nahrung wie zur Sühne allein dazugeben, / damit einer Befleckung die ganze Stadt entgeht. / Dort soll sie zu Hades, den allein von den Göttern sie verehrt, / beten und erreichen, daß sie nicht sterben muß, / oder sie wird erkennen, dort zuletzt, daß es / überflüssige Mühe ist […]“
Drittes Standlied des Chores (Drittes Stasimon)
Im anschließen Lied des Chors wird der Gott der Liebe und des Begehrens Eros besungen. Seine unbesiegten und verführerischen Qualitäten werden hervorgehoben. Es wird aber auch die Tatsache angesprochen, dass der Eros Streit zwischen Blutsverwandten stiften kann. Der Chor sing, dass der „strahlende Reiz“ aus den Augen der „holden Jungfrau“ gesiegt habe und die Göttin Aphrodite unbezwungen ihr Spiel treibe. Der Chor selbst ist durch den Anblick Antigones gerührt, die zu ihrer Grabkammer geführt wird.
Vierter Auftritt (Viertes Epeisodion): Klagelied (Kommos)
Antigone singt zunächst in einem abwechselden Rhythmus aus Rede und Gegenrede mit dem Chor über ihr Schicksal: „Seht mich, meines Vaterlandes Bürger, / den letzten Weg / gehen, das letzte Licht der / Sonne sehen / und dann nie wieder.“ Sie klagt, dass sie unverheiratet sterben muss. Der Chor versucht ihr zuzureden, indem er singt, dass Antigones Name viel gerühmt werde und sie nach von ihr selbst gewählten Gesetzen (autonomos) zum Hades geht. Als der Chor darüber hinaus Antigones Schicksal mit dem einer Göttin vergleicht, fühlt sich Antigone veralbert. An dieser Stelle setzt der Chor Antigones Untergang in Verhältnis zum Fluch ihrer Familie der Labdakiden: „einen vom Vater ererbten Kampf büßest du.“ (vgl. 2. Standlied) Schlussendlich singt der Chor auch davon, dass Antigone die Regeln der Staatsgewalt, also die von Kreon gegebenen Gesetzen, übertreten hat: „Dich hat dein eigensinniges Aufbegehren zerstört.“ Als Kreon auftritt, fordert er Antigone unverzüglich in die Grabkammer bringen zu lassen. In der Folge verstärkt sich Antigones Klagelied noch einmal. Sie sagt, dass sie für jeden aus ihrer Familie das irdische Gesetz gebrochen hätte, nicht aber für einen Gemahl. Denn diesen können man nach seinen Tod ersetzen. Nicht so aber einen Bruder oder eine Mutter. Antigone beklagt, dass sie durch ihr frommes Handeln von den Göttern verlassen wurde.
Viertes Standlied des Chores (Viertes Stasimon)
Das folgende Standlied des Chores thematisiert brutale Strafen, die in einem Zusammenhang zur Bestrafung Antigones durch Kreon stehen. Zunächst wird auf Danaë verwiesen, die trotz ihrer königlichen Herkunft in eine Eisenkammer („erzgefügte Behausung“) gesperrt wurde. Ebenso erging es dem König Lykurg, Sohn des Dryas, der von Dionysos in ein Gefängnis aus Stein gesperrt wurde. Als weiteres Schicksal werden die Söhne von König Phineus erwähnt, die von ihrer Stiefmutter mit „den Spitzen der Weberschiffchen“ geblendet wurden.
Fünfter Auftritt (Fünftes Epeisodion)
Der blinde Seher Teiresias lässt sich von einem kleinen Jungen zu Kreon führen. Er berichtet dem König, von seinen letzten Weissagungen: „Dann wisse, daß du auf des Messers Schneide stehst!“ Teiresias berichtet von schlechten Zeichen. Zum Beispiel sind die Vögel aggressiv und anstelle in die Höhe zu lodern und zu brennen, schmolzen die tierischen Opfergaben nur dahin. Der Seher vermutet, dass die Götter die Opfergaben der Stadtbewohner aus Theben nicht mehr annehmen. Er schlussfolgert: „Und so krankt wegen deiner [Kreons] Haltung die Stadt.“ Teiresias konfrontiert Kreon mit der Möglichkeit, dass es ein Fehler war, die Beerdigung von Polyneikes zu verbieten: „Gib nach den Toten, und auf einem, der zugrunde ging, / hacke nicht herum. Was ist das für eine Stärke, einen Toten noch einmal zu töten.“ Der Seher fordert Kreon auf, Polyneikes zu beerdigen. Doch Kreon beharrt auf seiner Meinung und gerät über die die Aussagen des Sehers in Aufregung. Er wirft Teiresias (wie allen Sehern) vor, bestechlich zu sein. Teiresias untermauert seine Meinung, indem er Kreon prophezeit, dass jemand aus seiner Familie als Strafe für die unterlassene Beerdigung sterben werde. Der Chorführer gibt zu bedenken, dass Teiresias seit dem er weiße Haare hat – also alt ist – die Zukunft immer richtig gedeutet hat. Diesem Umstand stimmt auch Kreon zu. Durch die neuen Argumente ändert er seine Meinung. Er ringt mit seiner Entscheidung, befiehlt schließlich aber Polyneikes begraben und Antigone befreien zu lassen.
Fünftes Standlied des Chores (Fünftes Stasimon)
Im darauf folgenden Standlied besingt der Chor den Weingott Dionysos. Der Gott wird aufgefordert, nach Theben zu kommen und ein großes Fest zu veranstalten: „Io, der feuerhauchenden Sterne / Chorführer, des nächtlichen / Jubelschalles, Aufseher / zeusentsprossenes Kind, erscheine / o Herr, zusammen mit deinen Dienerinnen, / die dich im Rausch die ganze Nacht hindurch / betanzen, den waltenden Jakochs.“ Alles sieht nach einem glücklichen Ende aus (vgl. Happy End).
Schlussszene (Exodos)
Ein Bote kommt von der Seite auf die Bühne (vgl. Botenbericht). Er berichtet dem Chor, dass „alles dahin“ sei und er Kreon nun an für „einen lebendigen Toten“ hält. Auf die Frage des Chors, was passiert ist, sagt der Bote: „Sie sind tot; die Lebenden sind schuld an dem Sterben.“ Als Eurydike, Kreons Frau und Haimons Mutter auftaucht, erklärt der Bote auf ihre Nachfragen genauer, was geschehen ist. Nach Kreons Entscheidung Polyneikes beerdigen zu lassen, seien der König von Theben und er auf den Hügel gelaufen, an dem die Überreste des toten Körpers noch lagen. Sie nahmen eine rituelle Waschung vor und verbrannten anschließend die Überreste. Anschließend gingen sie zu der Felsengruft, in der Antigone gefangen gehalten wurde. Doch sie erreichten den Ort zu spät. Antigone hatte sich bereits durch einen Strick selbst umgebracht. Ihr Verlobter Haimon, Kreons Sohn, war ebenfalls zu gegen. Er war in Wut über seinen Vater entflammt und griff ihn mit einem Schwert an. Allerdings verfehlte er seinen Vater und brachte sich darauf hin selbst um, indem er sich in sein Schwert stürzte. Im Sterben klammerte er sich an Antigone. Ohne auch nur ein Wort zu erwidern, geht Eurydike ins Haus. In der Folge wundern sich der Bote und der Chorführer noch über Eurydikes Verhalten. Sie finden ihr „allzu großes Schweigen bedenklich.“ Als Haimons Leiche auf einer Bare hereingetragen wird, wirft sich Kreon über den gestorbenen Sohn.
abschließendes Klagelied (Teil der Schlussszene)
Das Stück endet mit einem abschließenden Klagelied. Der Chor gibt zunächst zu bedenken, dass die tragischen Ereignisse allein Kreons Schuld waren: „wenn man’s sagen darf -, nicht fremder / Schuld, sondern selbst hat er gefehlt.“ Kreon erkennt seine Verantwortung und gibt dem Chor recht. Er sagt: „du starbst, du wurdest weggerissen / durch meine, nicht durch deine Unberatenheit.“ Kurz darauf kommt ein Bote aus dem Haus und verkündet den Selbstmord Eurydikes. Sie hat sich zunächst an einem Altar die Augen „mit scharfgeschliffener Klinge“ verletzt, so dass sie blind wurde. Danach verurteilte sie ihren Mann als Kindsmörder. Schließlich stieß sie „sich selbst unters Herz, als / sie dies lautbeweinte Leiden ihres Kindes hörte.“ Kreon scheint unfähig, sein Schicksal zu tragen und wünscht sich, dass sein letzter Tag bald kommt, das heißt, er wünscht sich tot zu sein. Doch der Chor erinnert ihn an seine Verantwortung und gibt zu bedenken, dass ein Sterblicher nicht über sein Schicksal entscheiden kann. Vielmehr müsse Kreon mit seiner Schuld zu leben lernen: „Bitte um nichts mehr; denn aus dem bestimmten / Schicksal gibt es für Sterbliche keine Befreiung.“ Nach einer letzten Klage Kreons schließt er Chor mit einer finalen Botschaft, wobei die Tugend der Besonnenheit (im Unterschied zur Hybris Kreons) gepriesen wird: „Bei weitem ist Besonneheit das / höchste Glück; man darf den Bereich der Götter / in keiner Weise entweihen; doch große Worte / von Prahlenden haben, wenn sie unter großen Schlägen gebüßt, / im Alter vernünftiges Besinnen gelehrt.“

Form der Tragödie

Die poetische Konzeption der Antigone ist typisch für die antike griechische Tragödie. Dies kann durch ein Zitat aus der Poetik des Aristoteles unterstrichen werden, in der die Tragödie wie folgt definiert wird:


Die Tragödie ist eine Nachahmung einer guten und in sich geschlossenen Handlung von bestimmter Größe, in anziehend geformter Sprache, wobei diese formenden Mittel in den einzelnen Abschnitten je verschieden angewandt werden. Nachahmung von Handelnden und nicht durch Bericht, die Jammer (eleos) und Schaudern (phobos) hervorruft und hierdurch eine Reinigung von derartigen Erregungszuständen bewirkt. (vgl. Katharsis)


Indem die Antigone das tragische Schicksal der Figuren in den Vordergrund stellt, wird der Forderung Aristoteles nach einer in sich geschlossenen Handlung entsprochen. Durch die in der Tragödie realisierte Nachahmung der entscheidenden Schicksalsmomente (Kampf um Autonomie von Antigone, ihr Tod; die Tode von Haimon und Eurydike) soll eine unmittelbare Erfahrung des Stoffs erreicht werden, aus dem sich im Sinne einer moralisch-ethischen Läuterung eine Reinigung (Katharsis) herstellt.

Diese ist in der Antigone exemplarisch in der Figur des Tyrannen Kreon zu beobachten, der sich zunächst gegen die Regeln der Götter wendet, in der Folge aber seinen Sohn Haimon und seine Frau Eurydike verliert und sein vorheriges Handeln als fehlerhaft erkennt und Demut lernt.

Figuren

  • Antigone, Tochter und Schwester von Ödipus, Tochter und Enkelin von Iokaste
  • Ismene, Antigones Schwester
  • Kreon, König von Theben, Antigones Onkel, Bruder von Iokaste
  • Haimon, Antigones Verlobter, Sohn von Kreon und Eurydike
  • Teiresias, Seher
  • Eurydike, Kreons Frau
  • Wächter
  • Erster Bote
  • Zweiter Bote
  • Chor, die Ältesten der Stadt Theben, 15 Männer, darunter ein Chorführer

Sophokles

Neben den Dichtern Aischylos und Euripides ist Sophokles einer der berühmtesten Dramatiker des klassischen Griechenlands. Er lebte zwischen 497/496 v. Chr. bis 406/405 v. Chr., also im 5. Jhd. v. Chr.

So wenig man auf Grund der großen zeitlichen Distanz über sein Leben weiß, kann man sagen, dass er in Kolonos geboren wurde und in Athen starb. Bis heute werden seine Dramen, von denen Antigone und König Ödipus die bekanntesten sind, auf Theaterbühnen in der ganzen Welt gespielt.

Sophokles stammt aus einer wohlhabenden Familie. Er ist der Sohn des Waffenfabrikanten Sophillos. Schon früh erregte er durch seine Schönheit Aufsehen. Nach eigener Aussage lernte er das Handwerk des Dichters bei dem älteren Aischylos, wobei nicht sicher ist, ob Sophokles nur Stücke des Dichters gesehen hat oder tatsächlich von ihm unterrichtet wurde.

Neben seiner Tätigkeit als Dramatiker erntete Sophokles einigen Ruhm als Stratege in meheren Kriegen, insbesondere aber im Samischen Krieg (441–439 v. Chr.), welchen er zusammen mit dem bekannten Athener Staatsmann Perikles organisiert haben soll.