Der Roman Der Prozess ist ein fragmentarischer Roman des Schriftstellers Franz Kafka. Er wurde zu Beginn des Ersten Weltkrieges zwischen 1914 und 1915 geschrieben, allerdings erst nach Kafkas Tod im Jahr 1925 von Max Brod, einem Freund Kafkas, veröffentlicht.

Lange wurde angenommen, dass Brod die Romane gegen den Willen Kafkas veröffentlicht hat. Diese Tatsache wird durch die jüngste germanistische Forschung in Frage gestellt (unter anderem von Roland Reuß). Der Prozess zählt zu den drei fragmentarischen Roman Kafkas, zu denen außerdem die unvollendeten Romane Amerika (1927) und Das Schloß (1926) zählen.


KURZE INHALTSANGABE


Der Roman beginnt eines Morgens, als der Bankangestellte Josef K. von seiner Verhaftung erfährt. Allerdings erhält er keinerlei Antwort über die Umstände seiner Verhaftung, sodass die folgenden Fragen bis zum Ende des Romans unbeantwortet bleiben: „Was waren denn das für Menschen? Wovon sprachen sie? Welcher Behörde gehörten sie an? […] Wer wagte ihn in seiner Wohnung zu überfallen?“

Obwohl K. verhaftete wurde, kann er zu Beginn des Romans noch seiner Arbeit nachgehen. Je mehr K. allerdings versucht, über die Umstände seiner Verurteilung herauszufinden, desto mehr verliert er die Handhabe über sein Schicksal. Allmählich erfährt er immer mehr über ein geheimes Gericht, das sich seiner Nachforschung entzieht. Der Prozess endet mit der nicht weiter erläuterten Hinrichtung K.s in einem Steinbruch, wobei die Gründe hierfür unklar bleiben → zur ausführlichen Inhaltsangabe

Abschnitte von Der Prozess
Verhaftung – Gespräch mit Frau Grubach – Dann Fräulein Bürstner
K. arbeitet als Prokurist in einer Bank. Es ist der Morgen seines 30. Geburtstags. Der Roman beginnt in medias res mit der unbegründeten und voraussetzungslosen Verhaftung des Protagonisten K. Trotz seiner Verhaftung stellt ihn ein Aufseher frei, zur Arbeit zu gehen. Obwohl sich der zur Untermiete lebende Junggeselle K. keiner Schuld bewusst ist, verfällt er in einen Rechtfertigungskomplex. Vor der Zimmerwirtin Frau Grubach entschuldigt er sich am Abend ausgiebigst für die durch seine Verhaftung entstandenen Umstände. In einem Gespräch über die Vorgänge mit seiner Nachbarin Fräulein Bürstner missversteht K. das Verhalten der Frau und küsst sie „wie ein durstiges Tier mit der Zunge über das endlich gefundene Quellwasser hinjagt.“ Zuvor hatte er sich dafür zu entschuldigen versucht, dass ihr Zimmer am Morgen als Verhörraum umfunktioniert wurde.
Erste Untersuchung
Nach einigen Tagen wird K. telefonisch zu einer ersten „Untersuchung in seiner Angelegenheit“ am kommenden Sonntag eingeladen. Anstatt die mysteriöse Verhaftung aufzuklären, steigert sich die Rätselhaftigkeit der Vorgänge. Nach eine anstrengenden Suche findet K. den versteckten Sitzungssaal in einem Mietshaus in der ärmlichen Vorstadt. Er wird von einer lärmenden Menge erwartet. Durch die Suche ist K. unpünktlich, was ihm zum Vorwurf gemacht wird. Ohne jedoch auf den Vorwurf einzugehen, hält K. eine flammende und selbstbewusste Rede, in der er die „korrupte Bande“ der gegen ihn grundlos ermittelnden Beamtenschaft und die „Sinnlosigkeit des Ganzen“ anklagt. Die Teilnehmer der Sitzung sind durch K.s Rede provoziert. K. verlässt den Saal ohne verhört zu werden.
Im leeren Sitzungssaal / Der Student / Die Kanzleien
Am darauffolgenden Sonntag kehrt K. in den Sitzungssaal zurück. Dieser ist allerdings leer und K. trifft nur auf die Frau eines Gerichtsdieners. K. möchte die Umstände seiner Verhaftung aufklären und bittet die Frau um Hilfe. Sie bietet K. an, ihm zu helfen. Darüber hinaus nähert sich die Frau des Gerichtsdieners K. unmissverständlich. Allerdings taucht ein Student der „unbekannten Rechtswissenschaft“ auf. Der Student heißt Berthold und wird auf eine Karriere als hoher Beamter vorbereitet. Als die Frau mit dem Studenten verschwunden ist, begibt sich K. mit einem Gerichtsdiener auf den Dachboden des Mietshaus. An diesem Ort befinden sich die Kanzleien des Gerichts. Obwohl K. hofft, seinen Fall aufklären zu können, ist er bald von der stickigen Luft ermüdet. Die uneindeutigen Erklärungen einer Beamtin verwirren ihn dazu sichtlich. Ihm wird übel und nur mühsam gelingt es K., das Mietshaus zu verlassen.
Der Onkel – Leni
Sein Onkel empfiehlt K., sich einen Anwalt zunehmen. Er empfiehlt K. seinen Schulfreund, den Advokaten Huld. K. bricht auf, um den Anwalt zu besuchen, der sein Bett nicht verlassen kann. Hier bietet sich ihm die Möglichkeit, einen hohen Gerichtsbeamten kennenzulernen und eventuell Auskunft über seinen Prozess zu erhalten. Allerdings lässt sich K. auf eine sexuelle Handlung mit der Haushälterin Leni ein, weswegen er die Chance verspielt, den hohen Beamten zu befragen.
Advokat – Fabrikant – Maler
Auf Empfehlung eines Bankkunden besucht K. den Maler Titorelli. Es heißt, dass der Maler die Verfahrensweise des unbekannten Gerichts und dessen Struktur kennt. Titorelli berichtet K. von den verschiedenen Möglichkeiten eines Freispruchs: So gebe es den nahezu legendären und unmöglichen „wirklichen Freispruch“ und den „scheinbaren Freispruch“, der eine unendliche Folge von weiteren Verhaftungen und scheinbaren Freisprüchen nach sich ziehe. Darüber hinaus gibt es die Möglichkeit der „Verschleppung“, die sich aus der Tatsache ergebe, „dass der Prozess dauernd im niedrigsten Prozessstadium erhalten wird.“ Der Maler erklärt K., dass der Anwalt Huld genau diese Strategie betreibt und K. überlegt, seinen Anwalt das Mandat zu entziehen. K. ist an einem schnellstmöglichen Freispruch interessiert.
Kaufmann Block – Kündigung des Advokaten
Der Anblick des von Huld verteidigten Kaufmanns Block bestärkt K. in seinem Vorhaben, seine Verteidigungsstrategie zu ändern. Seinem Eindruck nach zu vernehmen, vegetiert Block in einer unerträglichen Abhängigkeit zu Huld.
Im Dom
In einem der zentralen Kapitel des Romans beginnt sich K. von der unbekannten und mysteriösen Behörde verfolgt zu fühlen. Eigentlich sollte K. einen italienischen Geschäftspartner im Dom treffen. Dieser erscheint aber nicht. Stattdessen trifft K. auf einen Geistlichen, der sich als Gefängniskaplan ausgibt. Dieser hält K. offensichtlich für begriffsstutzig („siehst Du denn nicht zwei Schritte weit?“) und erzählt die Parabel vom Türhüter, die auch als Parabel vor dem Gesetz bekannt ist.
Die Parabel vor dem Gesetz (vgl. Parabel)
Die Parabel besagt, dass ein Mann vom Lande Einlass in das Gesetz erhalten möchte. Dies ist allerdings nicht möglich. Er wird von einem Türhüter abgewiesen und verbringt folglich sein gesamtes Leben damit, auf Einlass zu warten/hoffen. Am Ende seines Lebens wird der Mann vom Lande von dem Türhüter darüber informiert, dass der Eingang, den er bewacht, nur für ihn bestimmt ist. K. ist viel zu müde, um die Parabel des Geistlichen zu verstehen. Der Geistliche verabschiedet sich von K. mit dem Satz: „Das Gericht will nichts von dir. Es nimmt dich auf, wenn du kommst, und es entlässt dich, wenn du gehst.“
Ende
So überraschend wie K. verhaftet wurde, vollzieht sich auch die Verurteilung. K. wird von zwei „halbstummen, verständnislosen Herren“ abgeführt. Sie bringen ihn in einen Steinbruch. Dort wird K. entkleidet und schließlich mit einem Fleischermesser erstochen. Dazu heißt es im Roman: „Mit brechenden Augen sah noch K. wie die Herren, nahe vor seinem Gesicht, Wange an Wange aneinandergelehnt, die Entscheidung beobachteten. ‚Wie ein Hund!‘ sagte er, es war, als sollte die Scham ihn überleben.“

In dem Kommentar zur Parabel Vor dem Gesetz sagt der Geistliche in der Dom-Szene: „Richtiges Auffassen einer Sache und Missverstehen der gleichen Sache schließen einander nicht vollständig aus.“ Dieser Satz thematisiert bereits die Schwierigkeit, den Roman Der Prozess vollkommen zu verstehen, da eine eindeutige und widerspruchsfreie Wahrheit nicht möglich ist.

Aus diesem Grund hat sich die Literaturwissenschaft häufig mit den strukturellen und erzähltechnischen Problemen des Romans beschäftigt. So fanden Friedrich Beissner und (der Schriftsteller) Martin Walser zum Beispiel heraus, dass alle Aussagen über das Gericht und den Prozess aus der subjektiven und beschränkten Sichtweise von K. getroffen werden. Gleichzeitig werden K. Aussagen von einer neutralen Erzählinstanz relativiert, was seit Beda Allemann als hypothetischer Erzählstil beschrieben wird.

Auf Grund der exakten Schilderung von zahlreichen Details ist es allerdings nicht möglich, innerhalb der sprachlich konstruierten Roman-Wirklichkeit Einzelelemente ausfindig zu machen, welche eine symbolische oder auch allegorische Deutung ermöglichen würden.

Der Schriftsteller Franz Kafka wurde 1883 in Prag geboren und starb 1924 mit 38 an Tuberkulose. Kafka wurde in eine deutschsprachige, jüdische Kaufmannsfamilie hineingeboren und besuchte ebenfalls deutschsprachige Schulen. Kafka studierte Jura und arbeite dann bei einer Versicherung.

Durch seine Arbeit bei der Allgemeinen Unfallversicherungsanstalt für das Königreich Böhmen kam Kafka mit zahlreichen Themen seiner Romane oder auch Erzählungen in Berührungen, wie etwa der Bürokratie und den Arbeitsabläufen einer unübersichtlichen Anstalt.

Während des 1. Weltkrieges wurde Franz Kafka von seinem Arbeitgeber als unverzichtbar eingestuft, weswegen er nicht in den Krieg zog. Als Kafka 1917 schwer an Tuberkulose erkrankte, wurde allerdings auch sein Pensionierungsgesuch abgelehnt. Er konnte folglich erst fünf Jahre später – also 1922 – schwer krank zu arbeiten aufhören. Er starb zwei Jahre später.

Ein zentrales Thema Kafkas literarischer Arbeiten ist die Beziehung zu seinem Vater. In mehreren Briefen beschreibt er seinen Vater als despotisch. Ebenso zählen die Umstände der Veröffentlichungen von Texten nach Kafkas Tod zu einem der berühmtesten Kafka-Mythen.

Zu seiner Lebenszeit hatte Kafka bei weitem nicht alle seine geschriebenen Texte veröffentlicht. Stattdessen wurden insbesondere die drei Romane Das Schloss, Der Prozess und Amerika von Max Brod nach Kafkas Tod herausgegeben. Mit der Veröffentlichung hatte sich Brod gegen die Bitte seines Freundes gewandt, alle unveröffentlichten Materialien zu verbrennen.

Die Interpretationen zu Kafkas Texten sind unübersehbar. Es gibt unzählige Studien und Bücher, die sich mit der labyrinthischen, hermetischen, dunklen oder auch rätselhaften Sprache Franz Kafkas auseinandersetzen. Auf Grund er Tatsache, dass Kafkas Werke nur schwer zu erfassen sind un ihren ganz eigenen Stil aufweisen, hat sich dafür sogar ein eigenes Adjektiv gebildet: kafkaesk.

Die Möglichkeit, die Texte zu interpretieren wird durch die schwierige Textgestalt erhöht. So liegen viele von Kafkas Textes, so z.B. Der Prozess, nur als unveröffentlichte und unvollständige Fragmente vor. Aus diesem Grund schreibt der Philosoph Walter Benjamin in einem Aufsatz über Kafka, dass dessen Texte immer wieder zu „barbarische[n] Spekulationen“ Anlass geben.