WORTWUCHS | Literaturlexikon

Der Spieler

Einleitung

Im Herbst 1866 unterbricht Dostojewski seine Arbeit an dem über mehrere Monate im Feuilleton einer Zeitung erscheinenden Roman „Schuld und Sühne“ („Verbrechen und Strafe“), um den Roman „Der Spieler“ zu schreiben. „Der Spieler“ erscheint im Folgejahr 1867 in der ersten gesammelten Ausgabe der Werke Dostojewskis und wurde von Dostojewskis komplett an seine späterer Frau Anna Snitkina diktiert, die von Beruf Stenografin war. Im Vergleich zu Dostojewski größeren Romanen ist „Der Spieler“ eine kleinere Erzählung, die weniger umfangreich ist.

Der Roman ist durch zwei sich überschneidende Handlungsstränge gekennzeichnet, die jede für sich mit einer verhängnisvollen Leidenschaft zu tun haben und jeweils stark autobiografische Züge tragen: Auf der einen Seite geht es um die Liebe des Ich-Erzählers Aleksej Iwanowitsch zu Polina, die gleichzeitig auch von dem eitlen Franzosen de Grieux hofiert wird. Die Figur Polina erinnert stark an Dostojewskis zwanzig Jahre jüngere Geliebte Polina Suslowa, mit der er sich zusammen in Westeuropa aufhielt (unter anderem in Baden Baden, wo Dostojewski im Kasino viel Geld verlor).

Somit thematisiert der Roman neben einer unglücklichen Liebe auch das Glücksspiel. So spielt die Geschichte in dem fiktiven Ort Roulettenburg und veranschaulicht auf eindringliche Weise die Sucht nach Glücksspiel und die damit einhergehende permanente Angst vor dem finanziellen als auch gesellschaftlichen Ruin.

Inhaltsangabe

Der Roman spielt in der fiktiven Stadt Roulettenburg, in der das Verhalten aller Figuren durch das dortige Kasino und insbesondere durch das Roulettespiel bestimmt ist. Die Geschichte entspannt sich rund um einen hochverschuldeten russischen General, der mit einigen Familienmitgliedern und Gefolgschaft in Roulettenburg weilt.

Der General hat Schulden bei dem französischen Verehrer seiner Stieftochter de Grieux. Gleichzeitig ist er selber in Madmoiselle Blanche verliebt, die ihn allerdings auf Grund seiner Schulden immer wieder zurückweist. Deswegen besteht die ganze Hoffnung des Generals in einer möglichen und überaus großen Erbschaft, die er durch das Ableben seiner Erbtante erhalten könnte. Die Geschichte ist aus der Sicht des Hauslehrers Aleksej Iwanowitch erzählt, der in den Diensten des Generals steht und die Handlungen und Verstrickungen der um den General versammelten Figuren überblickt und zu durchschauen meint.

Aleksej ist eine exzentrische Figur, die den Franzosen de Grieux nicht ausstehen kann und sich bei einem Abendessen zu Beginn des Romans direkt und zur Verwunderung des Generals mit seinem Gegenspieler anlegt. Denn wie der Franzose ist auch Aleksej Iwanowitch in die Stieftochter des Generals Polina Alexandrowna verliebt.

Jedoch handelt es sich bei der Liebe um eine sehr einseitige Bindung, bei der Aleksej für Polina Botengänge erledigen muss und auf Grund seines geringen Reichtums und seiner minderen gesellschaftlichen Position nicht als vielversprechender Verehrer angesehen wird und deswegen mit Spott und Verachtung geringgeschätzt wird. Darüber empfindet Aleksej einen stark ausgeprägte Hass für seine Geliebte, in einer Szene zu Beginn heißt es: „Ich schwöre es: Wenn ich ihr hätte ein spitzes Messer langsam in die Brust bohren können, so hätte ich, wie ich glaube, nach diesem Messer mit Wonne gegriffen.“

Von Polina erfährt Aleksej, dass Mademoiselle Blanche den General nur heiraten wird „wenn sich das Gerücht von dem Tod der Tante bestätigt; denn Mademoiselle Blanche und ihre Mutter und ihr entfernter Vetter, der Marquis, wissen alle sehr genau, dass wir ruiniert sind.“ Zum Erschrecken des Generals erscheint eines Tages anstelle einer Nachricht über ihren Tod die Großmutter selbst in Roulettenburg.

Zur Begrüßung sagt sie: “Na, da bin ich also! Persönlich, statt eines Telegramms!“ Anscheinend weiß sie hervorragend über die Verstrickungen des Generals Bescheid, kennt die Namen aller Anwesenden und weiß, dass der General sowie alle anderen Anwesenden in Roulettenburg mehr als nur insgeheim auf ihren baldigen Tod gehofft haben.

Zur Steigerung der verhängnisvollen Notsituation des Generals findet sie ausgesprochenen Gefallen am Roulette und plaudert freimütig heraus, dass ihr Neffe der General kein Geld von ihr Erben wird. Trotz mehrfacher Belehrung setzt die Tante ihr Geld ungeschickt auf eben solche Positionen, die keinen Gewinn versprechen. Aber sie lässt sich nicht belehren, „Ach, Unsinn, Unsinn! Wer sich vor dem Wolf fürchtet, der muss nicht in den Wald gehen? Was! Ich habe verloren? Setz noch einmal!“

Als der General sie eines Besseren belehren will, heischt sie ihn an: „Setzte, setze! Es ist nicht Dein Geld!“ Die Tante ist das unumstrittene Familienoberhaupt und benimmt sich auch als solches. Es kommt wie es kommen muss: Nach wenigen Tagen hat die Tante ihr gesamtes Vermögen verspielt, das Roulette war ihr Verhängnis. Sie reist zurück nach Moskau. Der General bleibt untröstlich zurück. Seine ehemalige Herzensdame Madmoiselle Blanche interessiert sich nicht mehr für ihn.

Anstelle wieder vollkommen in die Gesellschaft integriert zu werden und die Chance zu erhalten, seine Schulden zurück zu bezahlen, musste er mit ansehen, wie sein komplettes Erbe in der Frist weniger Tage verspielt wurde. Er steht kurz vorm Nervenzusammenbruch. Da es bei dem gescheiterten General nichts mehr zu holen gibt, wurde auch Polina von ihrem französischen Kavalier de Grieux verlassen. Um der Einsamkeit zu entgehen, gesteht Polina dem Erzähler Aleksej ihre Liebe.

Um ihr zu helfen gibt sich Aleksej dem Glücksspiel hin und gewinnt unter glücklichen Umständen 100.000 Florins. Dadurch ist es Polina möglich, ihre Schulden bei de Grieux abzubezahlen. Doch anstelle aufzuhören, muss Aleksej erkennen, dass sich seine Liebe zu Polina in Spielsucht verwandelt hat. Es ist ihm nicht möglich aufzuhören und er spielt immerzu.

Unterdessen begibt sich Polina in die Obhut des schweigsamen Engländers Mr. Astley. Nach dem plötzlichen Erfolg nimmt sich Madmoiselle Blanche nun Aleksej an. Sie gehen zusammen nach Paris, wo sie nach und nach sein Geld auszugeben beginnt. Sie verwendet es unter anderem für eine Hochzeit mit dem General, den sie nur wegen seines Titels heiratet.

Aleksej bleibt nichts von seinem gewonnenen Vermögen, er verlässt Paris und verdingt sich in Homburg und Baden-Baden als Gelegenheitsarbeiter. Ohne Ausblick auf Rettung ist er komplett der Spielsucht verfallen, hofft auf den einen Moment in dem er wieder Glück haben wird und interessiert sich nicht für die Tatsache, dass ihm Mr. Astley mitteilt, dass ihn seine ehemalige Geliebte Polina noch einmal sehen möchte.

Entstehung des Spielers

Neben zahlreichen biografischen Überschneidungen zwischen dem Roman und dem Leben des Schriftstellers Dostojewski ist eine weitere Hintergrunderläuterung von Nöten, um die Entstehung des Romans „Der Spieler“ gebührend darstellen zu können.

Und zwar befand sich Dostojewski in einer geschäftlichen Notsituation, da er durch einen erpresserischen Verleger zu einer Unterbrechung seines viel größeren Romanprojekts „Schuld und Sühne“ („Verbrechen und Strafen“) gezwungen wurde, um dem Verlag in kürzester Zeit eine weitere Buchpublikation und im besten Fall einen Publikumserfolg zuzusichern.

Dostojewski arbeitete häufig unter zeitlichen Druck, doch waren die Umstände dieses Mal besonders belastend. Aus diesem Grund entschloss er sich zur Zusammenarbeit mit der Stenografin Anna Snitkina, die er später heiraten sollte und die fortan die geschäftlichen Verhältnisse des Schriftstellers ordnen sollte.

Die Arbeit gestaltete sich zunächst schwierig, weswegen „Der Spieler“ eine Sonderposition innerhalb der Romane von Dostojewski einnimmt. So musste das Thema sehr schnell gefunden und zur größtmöglichen Wirkung verdichtet werden. Deswegen entschloss sich Dostojewski zur doppelten Verknüpfung einer diabolischen Hassliebe mit dem in Russland bis dato unbekannten Roulettespiel.

Die Arbeit an dem „Spieler“ sah folgendermaßen aus: Tagsüber diktierte Dostojewski seiner Stenografin diejenigen Teile der Geschichte, die er sich in der Nacht zuvor ausgedacht hatte. Die abgetippten Entwürfe überarbeitete Dostojewski immer am Folgetag, wodurch es ihm möglich war den ganzen Roman in sechsundzwanzig Tagen fertig zu schreiben beziehungsweise zu diktieren.

Sonstiges

In einer Theateradaption (Premiere 2011 an der Volksbühne Berlin) inszeniert der bekannte Regisseur Frank Castorf den Roman in der Gegenwart. Anstelle des fiktiven Orts Roulettenburg steht das reale Las Vegas mit seinem Versprechen auf schnellen Reichtum im Zentrum der Handlung.

Gegen eine bürgerliche Spießigkeit wird mit dem „Spieler“ eine Figur dargestellt, die durch die Umstände seiner risikovollen Entscheidungen dem Kapitalisten anverwandt ist. Laut Programmheft geht es in „Der Spieler“ im Gegensatz zu vielen anderen Dostojewski Geschichten nicht um die sozial-geschichtlichen Umbrüche des 19. Jahrhunderts mitsamt ihren politischen Dimensionen, sondern um die Problematisierung einer Gesellschaft, in der die Möglichkeit einer revolutionären Selbstbehauptung durch das Glücksversprechen eines plötzlichen Reichtums ausgelöscht wird.

Fjodor Dostojewski

Fjodor Dostojewski wurde 1821 in Moskau geboren und starb im Alter von 79 Jahren im Februar 1881. Er zählt zu einem der bedeutendsten russischen Schriftsteller und ist insbesondere für seine großen Romane „Schuld und Sühne“ („Verbrechen und Strafe“), „Der Idiot“, „Die Dämonen“ („Böse Geister“) und „Die Brüder Karamasov“ bekannt. Obwohl Dostojewski bereits in frühen Jahren zu schreiben begann, entstanden seine Hauptwerke erst ab den 1860er Jahren. Sie thematisieren sowohl die sozial-geschichtliche als auch intellektuell-spirituelle Entwicklung des russischen Kaiserreichs, das sich im 19. Jahrhundert an der Schwelle zur Moderne einer ganzen Reihe von Veränderungen ausgesetzt sah. Immer wieder schrieb Dostojewski über die seelischen Zustände eben jener Menschen, die durch die Umbrüche der Moderne in Konflikt zu sich selbst oder ihrer Umwelt gerieten.

In den 1940er Jahren nahm Dostojewski an sozial-revolutionären Diskussionsrunden des Petraschewski-Zirkels Teil und sympathisierte mit den Ideen des Frühsozialismus. Auf Grund dieser politischen Einstellung wurde Dostojewski 1849 verhaftet und zunächst zum Tode verurteil. Durch eine Umwandlung der Strafe in eine erstmalige Gefangenschaft in Sibirien mit anschließenden Militärdienst war es Dostojewski möglich zu überleben. Das Gnadenurteil des russischen Zaren erreichte die zum Tode Verurteilten erst kurz vor der Hinrichtung, weswegen Dostojewskis Leben gerne auf diesen einen erlösenden Moment zurückgeführt wird. In der Folge seines Aufenthalts in Sibirien konnte Dostojewski mit der zwischen 1861 und 1862 veröffentlichten Prosaarbeit „Aufzeichnungen aus einem Totenhaus“ sein Renommee als Schriftsteller wieder herstellen und einen beachtlichen Publikumserfolg feiern.


In a Nutshell

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