Der Roman „Der Vorleser“ wurde 1995 veröffentlicht. Er wurde von dem Juristen und Schriftsteller Bernhard Schlink geschrieben und in zahlreiche Sprachen übersetzt. Der Roman handelt vordergründig von der ungleichen erotischen Beziehung zwischen dem Ich-Erzähler Michael Berg und der 21 Jahre älteren Hanna Schmitz. Im weiteren Verlauf thematisiert der Roman ausgehend von der Deutschen Geschichte Fragen nach Schuld und Verantwortung des Einzelnen im Räderwerk des Nationalsozialismus.

Rückblickend erzählt Michael Berg sein Leben in dem Zeitraum 1959 bis 1984 (diese Daten können nur über den als einziges Datum genannten Geburtstag von Hannah Schmidt rekonstruiert werden, es handelt sich um den 21. Oktober 1922). Als Jurastudent findet Michael heraus, dass seine damalige Geliebte eine Wärterin des Konzentrationslager Auschwitz gewesen ist.

Darüber hinaus kann ihr durch einen Gerichtsprozess die unmittelbare Verantwortung an dem Tod mehrerer Juden zugesprochen werden, die bei einem Bombenangriff gestorben sind. Diesen Gerichtsprozess zu erleben hat für den Jurastudenten Michael ganz konkrete Folgen, denn so beschließt er weder Richter, Verteidiger noch Staatsanwalt, sondern Juraprofessor zu werden. Der Roman ist in drei Teile gegliedert, von denen jeder zu einem unterschiedlichen Zeitpunkt spielt.

Kurze Zusammenfassung

Zu Beginn des Romans ist Michael Schüler und 15 Jahre alt. Dennoch hat er eine Liebesbeziehung mit der ungleich viel älteren Frau. Sie sehen sich oft, wobei Hannah Schmitz ihren jungen Liebhaber immer wieder bittet, ihr aus Büchern vorzulesen.

Sieben Jahre später in seinem Jurastudium findet Michael heraus, dass Hannah Schmitz als Wärterin eine wenn auch kleine und unbedeutende, so doch erschreckende Rolle bei der Vernichtung der Europäischen Juden im Konzentrationslager Auschwitz gespielt hat. Bei einer Gefangenenüberführung von Krakau nach Auschwitz kam es gegen Ende des Zweiten Weltkriegs zu einem Vorfall, bei dem mehrere Juden durch einen Bombenangriff gestorben sind.

Sie wurden von den Wärterinnen in eine Kirche gesperrt und hatten keine Chance, den Flammen zu entkommen. In einem Prozess, der diesen Vorfall verhandelt, nimmt Hannah Schmitz entgegen ihren Mitangeklagten die Hauptverantwortung auf sich und wird zu einer lebenslangen Gefängnisstrafe verurteilt.

Doch Michael ist in dem Prozess klar geworden, dass Hannah Schmitz nicht die Hauptverantwortliche für den Tod der Juden sein kann. Denn die Anklage basiert auf einem Schriftstück, dass Hannah niemals hätte schreiben können, da sie Analphabetin ist. Aus diesem Grund, hatte sie es auch so gern, wenn der fünfzehnjährige Michael ihr vorgelesen hat. Hannah geht 18 Jahre ins Gefängnis, in denen Michael und sie losen Kontakt haben. Michael ist mittlerweile Professor an einer Universität und verheiratet.

Er beantwortet Hannahs Briefe aus dem Gefängnis nicht, schickt ihr aber aufgenommene Kassetten in die Haft. Über die Aufzeichnungen des Vorgelesenen lernt Hannah lesen und schreiben. Kurz bevor sie aus der Haft entlassen wird, bringt sich Hannah Schmitz in ihrer Zelle selbst um. Michael organisiert ihren Nachlass und beschließt mit einer jüdischen Überlebenden des verhängnisvollen Bombenangriffs Hannah Schmitz Erbschaft einer jüdischen Stiftung zukommen zu lassen, die sich für Alphabetisierung einsetzt.


Ausführliche Inhaltsangabe

(1. Teil)

Zu Beginn des Romans ist Michael Berg 15 Jahre und Schüler. Er ist an Gelbsucht erkrankt und muss sich eines Tages in einem Hausflur übergeben. Eine Frau ist so freundlich, auf ihn zuzugehen und ihn nach seinem Befinden zu fragen. Als es ihm wieder besser geht, wird Michael von seiner Mutter aufgefordert, sich bei der Frau zu bedanken.

Michael sucht ihre Wohnung auf, doch zunächst ist niemand anzutreffen. Er wartet also. Als sie nach Hause kommt, bittet sie den Schüler kurz auf sie zu warten, während sie sich in einem Nebenzimmer umzieht. Da sie die Tür allerdings offen lässt, kann Michael die nackte Frau sehen. Er bewundert ihren Körper. Als er bemerkt, dass sie seine Blicke gesehen hat, rennt er voller Scham davon. Als er ein weiteres Mal vorbei kommt, wird er von Hanna gebeten Kohle aus dem Keller zu holen.

Anschließend wird er von ihr verführt und sie schlafen miteinander. In der Folge beginnt Michael die Schule für Treffen mit Hanna zu schwänzen, doch sie verlangt von ihm gut in der Schule zu sein. Mit der Zeit entwickelt sich ein Ritual zwischen den Beiden, das wie folgt aussieht: Michael liest ihr aus Büchern vor, die sie in der Schule behandeln, später aber auch aus anderer Literatur, danach baden die Liebenden und anschließend schlafen sie miteinander.

Michael ist voll und ganz auf die Beziehung fixiert. Trotzt des Altersunterschieds ist er sehr an Hanna gebunden. Er nimmt freiwillig eine untergebene Rolle an und fürchtet sich vor ihrer Ablehnung. Als ein neues Schuljahr beginnt unternimmt Michael wieder mehr mit seinen Freunden, unter anderem auch mit einem Mädchen namens Sophie.

Es kommt zu einem Vorfall, bei dem Hanna Michael mit seinen gleichaltrigen Freunden im Schwimmbad sieht. Ohne sich danach noch einmal zu sehen, verschwindet Hanna. Obwohl ihr auf ihrer Arbeit als Straßenbahnfahrerin eine Beförderung angeboten wurde, ist sie nach Hamburg gezogen. Michael hat keinen Kontakt mehr mit ihr und fragt sich, inwiefern er für ihr verschwinden mit verantwortlich ist.

(2. Teil)

Durch den plötzlichen Verlust von Hannah ist Michael abgestumpft. Rückblickend kann er sich nicht genau an die folgenden Jahre der Schulzeit und des Studiums erinnern, aber er glaubt, dass es glückliche Jahre waren. Ein Lehrer bezeichnet ihn als arrogant und er hält große Stücke auf sich und die Tatsache, dass ihn nichts zu nahe geht oder schockieren kann.

Sieben Jahre später, Michael Berg ist nun Jurastudent, sieht er Hannah zufälligerweise bei Gericht wieder. Zusammen mit Kommilitonen besucht Michael einen Kriegsverbrecherprozess, der gegen mehrere Wärterinnen eines Außenlagers des Konzentrationslagers Auschwitz durchgeführt wird. Hier erkennt er seine ehemalige Geliebte Hanna Schmitz auf der Anklagebank wieder. Mit wachsender Anteilnahme verpasst er keinen Prozesstag. Als Aufseherin war seine ehemalige Geliebte unter anderem für die Selektion der Gefangen zuständig.

Darüber hinaus wird ihr vorgeworfen, dass sie gegen Ende des Zweiten Weltkriegs für den Tod von Gefangenen direkt verantwortlich war, die von den Wärterinnen in eine Kirche eingesperrt wurden und daraufhin bei einem Bombenangriff ums Leben kamen. Von den anderen Mitangeklagten wird Hanna als Rädelsführerin beschuldigt. Eine jüdische Überlebende attestiert ihr mit Häftlingen freundlicher umgegangen zu sein, wenn sie ihr vorlasen. Im Gegensatz zu den anderen Angeklagten streitet Hanna die Vorwürfe nicht ab.

Zu diesem Zeitpunkt erkennt Michael Berg, dass Hanna einen als Beweis vorliegenden Bericht gar nicht verfasst haben kann, da sie Analphabetin ist. Deswegen hatte sie es so gern, wenn er oder die damaligen Gefangenen ihr vorgelesen haben. Dennoch ist Hanna bereit, die gesamte Schuld auf sich zu nehmen. Michael Berg weiß nicht, wie er sich verhalten soll. Auf der einen Seite, könnte er Hannas mindere Schuldfähigkeit ganz leicht beweisen, auf der anderen Seite kann er nicht einfach so ohne Zeuge zu sein in den Prozess eingreifen.

Er fragt seinen Vater um Rat, der Philosophieprofessor ist und ihm anempfiehlt, Hannas Würde nicht durch eine Benachrichtigung der Richterin zu hintergehen. Stattdessen sollte er mit ihr persönlich sprechen. Doch Hanna wird zu lebenslanger Haft verurteilt, die anderen Mitangeklagten erhalten nur geringere Strafen.

(3. Teil)

Fortan lebt Hanna Schmitz im Gefängnis, Michael Berg wird Juraprofessor und heiratet seine Studienfreundin Gertrud, mit der er ein Kind bekommt. Doch seine Ehe scheitert, in der Folge scheitern auch weitere Beziehungen. Er vergleicht alle Frauen mit Hanna. Nach sieben Jahren Haft nimmt sie Kontakt zu ihm auf. Sie sendet ihm aus dem Gefängnis Briefe, er schickt ihr Kassetten, auf denen er ihr vorliest.

Dadurch lernt sie im Gefängnis autodidaktisch lesen und schreiben. Kurz vor ihrer Entlassung wird Michael von der Anstaltsleiterin gebeten, der nun einundsechzigjährigen Hanna Schmitz bei der Resozialisierung zu helfen. Eine Woche vor ihrer Entlassung besucht er sie im Gefängnis. Doch Hanna hat sich sehr verändert. Sie ist nun eine alte Frau, außerdem hat sie sich nach einer anfänglichen äußeren Strenge sehr gehen lassen, was dazu geführt hat, dass sie zugenommen hat und ihre Körperpflege vernachlässigt.

Michael fällt ihr unangenehmer Geruch auf. Doch an dem Tag, an dem Michael ins Gefängnis kommt, um sie abzuholen, wird sie Tod in ihrer Zelle aufgefunden. Sie hat Selbstmord begangen. In ihrer Zelle sieht Michael ein Foto von sich als Abiturient. Das bedeutet, dass Hanna auch nach ihrer Beziehung vor vielen Jahrzehnten viel an ihn gedacht hat und er einen wichtigen Teil in ihrem Leben eingenommen hat. Von der Anstaltsleiterin erfährt Michael weiter, dass Hannah sich intensiv mit Literatur über den Zweiten Weltkrieg und den Nationalsozialismus auseinandergesetzt hat.

Michael organisiert ihren Nachlass. Ihr Testament sieht vor, ihr Erspartes der einzigen Überlebenden des Bombenanschlags zukommen zu lassen. Diese weigert sich jedoch das Geld anzunehmen, also übergeben sie es an eine jüdische Stiftung, die sich für Alphabetisierung einsetzt.

Der Roman ist konsequent aus der Perspektive von Michael Berg erzählt, weswegen alle Informationen über Handlungen und Personen durch die Gefühlswelt und die Gedanken des Erzählers bestimmt sind.

Figuren, die im Zentrum der Erzählung stehen, werden ausführlicher beschrieben und charakterisiert als solche Figuren, die nur über ihre Funktion in die Entwicklung der Geschichte eingefügt werden (zum Beispiel die Gefängnisdirektorin oder die Überlebende Jüdin). Durch die rückblickende Erzählhaltung kann der Erzähler seinen Leser führen, dies geschieht über unerwartete Spannungsbögen, die insbesondere in den pikanten Liebesszenen zwischen Hanna Schmitz und Michael Berg ausgestaltet werden.

Während der Erzähler weiß, dass Michael Berg von der älteren Frau verführt wird, weiß es der Leser noch nicht. Diese Spannung ist zugleich pikant, da sie die sexuelle Verführung eines Minderjährigen zum Thema hat. Grundsätzlich ist die Erzählhaltung durch eine personale Erzählsituation gekennzeichnet, in der der erzählende Autor zugleich die handelnde Figur ist. Dieser Umstand kann auch als autodiegetische Erzählweise beschrieben werden, bei der die Rückschau haltende Figur seine eigene und persönliche erfahrene Geschichte erzählt.

Dabei ist allerdings zu berücksichtigen, dass der fünfzehnjährige Michael Berg kaum noch etwas mit dem erfolgreichen Rechtshistoriker und Universitätsprofessor gemein haben kann, der die ausführliche Geschichte erzählt. Gleichzeitig ist es nicht angebracht, den Autor Bernhard Schlink und den Erzähler Michael Berg in eins zu setzen.

Der Schriftsteller und Jurist Bernhard Schlink wurde 1944 in Großdornberg in der Nähe von Bielefeld geboren. Mit dem Roman „Der Vorleser“ aus dem Jahr 1995 schrieb Schlink einen weltweiten Bestseller, der 2007/08 ebenfalls verfilmt wurde.

Schlink stammt aus einer äußert intellektuellen Familie, so war sein Vater Theologieprofessor in Heidelberg, einer seiner Großväter Professor für Mechanik und sein Bruder war Professor für Kunstgeschichte. Nach seinem Jurastudium in Heidelberg und Berlin arbeitete Schlink als Rechtswissenschaftler an verschiedenen Universitäten in Deutschland und als Richter.

Im Jahre 1987 begann Schlink zusammen mit seinem Freund Walter Popp in Südfrankreich einen ersten Kriminalroman zu schreiben. Nach diesem Buch mit dem Titel „Selbs Justiz“ (Selbst ist der Name eines fiktiven Privatdetektivs) begann Schlink weitere Bücher zu schreiben.

Laut eigener Aussage verhalte es sich mit dem Schreiben von Büchern ebenso wie dem Lösen schwieriger Rechtsfälle: Es komme auf die genaue Bearbeitung eines einzelnen Problems an. Schlinks erfolgreichstes Buch wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt und war über eine Zeitlang auch eines der meistverkauften Bücher in den USA.

Selbstverständlich beurteilt der Rechtshistoriker Michael Berg das Verhalten und die Handlungen Hannah Schmitz aus der Perspektive eines vollausgebildeten Juristen. Obwohl er weder Anwalt, Staatsanwalt oder Richter ist, basiert seine Beurteilung der Sachlage auch auf einem ausführlichen Quellenstudium und auf Sichtung der Aktenlage.

Nach Meinung von Michael Berg ist Hanna Schmitz unzurechnungsfähig, da ihr auf Grund ihres Analphabetismus keine vollwertige Mündigkeit in der Gesellschaft zugesprochen werden kann. Ebenso beobachtet Michael ihr Verhalten im Gerichtssaal und erkennt, dass sie es nicht gelernt hat, sich in neuen Räumen zu orientieren beziehungsweise sich einer unbekannten Situation erfolgreich anzupassen.

Allerdings erkennt er am Ende des Romans eine Veränderung von Hannah, die sich insbesondere durch das Studium der Geschichte des Nationalsozialismus im Gefängnis abzeichnet. Er erkennt, wie sie sich Schritt für Schritt ihre Mündigkeit erarbeitet. Dieses geschieht auch über das Erlenen von Lesen und Schreiben, dass ihr Dank der eingesprochenen Kassetten von Michael gelingt.

Von der Gefängnisdirektorin erfährt Michael, dass Hannah eine respektierte Mitgefangene war und sogar einen Sitzstreik zur besseren Ausstattung der Gefängnisbibliothek organisiert hat. Inwieweit ihr Selbstmord als mündiges Schuldeingeständnis oder als Furcht vor der Unbekannten Außenwelt zu verstehen ist, bleibt eine durch die genaue Interpretation zu beantwortende Frage.