WORTWUCHS | Literaturlexikon

Gefunden

Einleitung

Gefunden ist ein fünfstrophiges Gedicht von Johann Wolfgang von Goethe. Es gehört zu den am häufigsten vertonten Gedichten des Dichters und entstand im August 1813. Äußerlich betrachtet erzählt es von einem lyrischen Ich, das durch die Natur streift, eine Blume erblickt und diese nach Hause bringt und im eigenen Garten einpflanzt, wo dieses fortan zweigt und blüht.

Bei der Lektüre des Textes drängen sich die Adjektive hübsch und niedlich auf, handelt es sich doch um ein beschauliches Werk, das mit zahlreichen Verniedlichungen in absoluter Kürze einen recht simplen Vorgang schildert. Dennoch: Gefunden zählt zu den größten Werken des Dichters und das eben nicht, weil es niedlich ist, sondern weil es mit einer enormen Schärfe eine große Wahrheit verkündet.

Denn nur derjenige, der der Natur mit Respekt und Achtung begegnet, wird auch von ihr belohnt. Das lyrische Ich bricht die Blume am Wegesrand nämlich nicht einfach, sondern gräbt sie behutsam aus und pflanz sie an einem stillen Ort wieder ein. Und eben diese kleine, beinahe hübsche, Wahrheit kommuniziert das Gedicht ganz eindeutig, ohne dass es eine Interpretation dafür braucht.

Allerdings bietet Gefunden noch mehr, das hinter der simplen Aussage auf den Interpreten wartet. Wer nämlich auf die Entstehungszeit des Werkes blickt, stellt schnell fest, dass das Ganze am 26.8.1813 auf dem Weg nach Ilmenau geschrieben wurde und an die gern gärtnernde Frau von Goethe geschickt wurde. Das Gedicht ist somit nachträgliches Geschenk des Dichters zum 25. Jahrestag an seine Frau.

Schnell erhält der Text dadurch eine neue Ebene und kann als amouröses Gedicht gedeutet werden. Es geht also nur auf den ersten Blick um eine Blume, die sich schnell als Frau entpuppt, die vom lyrischen Ich behutsam nach Hause getragen wurde, um dort zu erblühen und eben nicht nach einer einmaligen Eroberung zu welken. So bietet das kleine Werk auch auf den zweiten Blick eine tiefgreifende Wahrheit, die zum achtsamen Umgang mit der Natur und eben auch mit dem weiblichen Geschlecht auffordert.

Text

  • Gefunden
  • Ich ging im Walde
  • So für mich hin,
  • Und nichts zu suchen
  • Das war mein Sinn.
  • Im Schatten sah’ ich
  • Ein Blümchen stehn,
  • Wie Sterne leuchtend,
  • Wie Äuglein schön.
  • Ich wollt’ es brechen,
  • Da sagt’ es fein:
  • Soll ich zum Welken
  • Gebrochen sein?
  • Ich grub’s mit allen
  • Den Würzlein aus,
  • Zum Garten trug ich’s
  • Am hübschen Haus.
  • Und pflanzt’ es wieder
  • Am stillen Ort;
  • Nun zweigt es immer
  • Und blüht so fort.

Inhaltsangabe

Das Gedicht Gefunden von Johann Wolfgang von Goethe besteht aus 5 Strophen, die je ein neues, knappes Bild beinhalten. Eine Inhaltsangabe lässt sich so anhand der einzelnen Strophen darstellen.

In der ersten Strophe läuft das lyrische Ich völlig unbekümmert durch den Wald, woraufhin es in der zweiten Strophe eine Blume am Wegesrand erblickt. Kurzerhand will es diese in der dritten Strophe abbrechen, woraufhin die Blume einwendet, dass sie dann welken müsste.

In der vierten Strophe gräbt das Ich die Blume mit allen Wurzeln aus – reißt sie also nicht einfach ab und trägt sie nach Hause, um sie in der fünften und letzten Strophe im stillen Garten einzupflanzen. Dort blüht die kleine Blume fortan und ist eben nicht dazu verdammt, nach kurzer Zeit zu welken.

Analyse/Stilmittel

Gedichtanalyse der äußeren Form
Gedichtartkurzes Gedicht
Strophen5 Strophen mit je 4 Versen
VerseInsgesamt 20 Verszeilen aus ingesamt 72 Wörtern
Versmaß
(Metrum)
Jambische Kurzverse mit abwechselnd weiblichen und gereimten männlichen Endungen (vgl. Kadenz).
Reimschemaabcb // defe // ghih // jklk // mnon; unterbrochener Kreuzreim
ReimformenEndreim: durchgängig
ZeitformPräteritum (1. Vergangenheit)
Stilmittel im Gedicht Gefunden
StilmittelVersTextstelle
Diminutiv6Blümchen
Anapher7, 8Wie Sterne leuchtend, // Wie Äuglein schön.
Vergleich7, 8Wie Sterne leuchtend, // Wie Äuglein schön.
Diminutiv8Äuglein
Personifikation10Da sagt’ es […] [Anm.: Das Blümchen]
Diminutiv14Würzlein
Alliteration16Am hübschen Haus.

Interpretation

Das fünfstrophige Gedicht Gefunden des Dichters Johann Wolfgang von Goethe ist vor allem eines: sehr einfach gehalten. Das gilt für die Anzahl der Strophen, die kurzen Verse, die gewählte Sprache und darüber hinaus für das Reimschema, das Metrum sowie die Abfolge wechselhafter Kadenzen.

Es spielt förmlich mit ebendieser Einfachheit oder auch Unbeschwertheit, die sich bereits in der ersten Strophe ankündigt. Dort begegnen wir einem lyrischen Ich, das für sich durch den Wald schlendert. Dieses Ich hat nicht nur wenig vor, sondern hat das Nichtstun, die Suche nach dem Nichts sogar zum Ziel des Ausflugs erklärt. Das friedliche Beieinander von Ich und Natur ist nahezu greifbar, was darüber hinaus ein häufiges Motiv in der literarischen Klassik ist: der Einklang von Mensch und Natur.

Doch plötzlich kreuzt den Blick des Ichs etwas: im Schatten steht eine Blume, die so klein und zart erscheinen muss, dass sie zum Blümchen und demnach verniedlicht wird. Beinahe alles an dieser Pflanze scheint hübsch und niedlich zu sein, denn fast alle Nomen, die im Zusammenhang mit der Pflanze gebraucht werden, sind Formen der Verniedlichung (Blümchen, Äuglein, Würzlein).

Ergriffen von der Schönheit des schönen Pflänzleins greift das Ich nach diesem; da wendet dieses ein: Soll ich zum Welken // Gebrochen sein? Dieses zarte Blümchen, das allein durch die äußere Beschreibung zerbrechlich und schützenswert erscheint, wendet sich nun an die Person, die es pflücken möchte und appelliert daran, nicht nur ausgerupft zu werden, um danach zu verwelken.

Und an dieser Stelle drängt sich ein Vergleich auf. Das personifizierte Blümchen, das vermenschlicht wird, wenn es spricht, erinnert daran, Dinge mit Respekt zu behandeln. Eine häufige Interpretation des Gedichts Gefunden setzt diese Begegnung des Ichs mit der Blume, die ergreifend und schön ist, mit dem Aufeinandertreffen zweier Menschen gleich und der Bitte des Schwächeren, nicht nur für den Moment genommen zu werden, um danach zu verwelken.

Nehmen wir also an, dass es sich hierbei um zwei Liebende handelt, ist dieser Wunsch, mit Respekt behandelt und nicht im Augenblick der Liebe ekstatisch benutzt zu werden, natürlich eine naheliegende Deutung. Wenn das lyrische Ich nun das Blümchen ergreift und es behutsam – mit allen Wurzeln – ausgräbt, kommt es dem Wunsch der Geliebten nach, behandelt sie behutsam und bringt sie an einen Ort, wo sie sich frei entfalten kann und sicher ist.

Diese Lesart lässt folglich einen einfachen Gedankengang zu: Die Liebenden frönen nicht nur der Liebe, woraufhin die Geliebte zurückgelassen wird, sondern gehen gemeinsam zum Haus und leben dort fortan zusammen. Kurzum: eine mögliche Interpretation – wenngleich auch nicht die modernste – ließe den Gedanken zu, dass es sich hierbei schlicht und ergreifend um die Hochzeit zwischen Frau und Mann handelt, die eben über dem ruppigen Liebesspiel der beiden stünde und die stolze Blume (Frau?) nicht brechen, sondern in den sicheren Hafen der Liebe geleiten würde.


Hinweis: Obige Gedichtinterpretation ist als Interpretationsansatz zu verstehen. Um eine vollständige Gedichtsanalyse, welche die Gedichtinterpretation einschließt, anzufertigen, sollten die rhetorischen Stilmittel unter “Analyse/Stilmittel” funktionalisiert sowie ein Epochenbezug hergestellt werden.


In a Nutshell

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